Wir freuen uns: Online seit 2001!
Im Jahr 2001, vor 25 Jahren, wurde Wikipedia gegründet, Google war gerade zwei Jahre alt, bis zum Start von Facebook sollten noch drei Jahre vergehen, bis zu YouTube vier. Im Juni 2001 ging eine weitere Plattform ganz unaufgeregt online: ecoi.net. Fünfundzwanzig Jahre später ist sie immer noch da – mit derselben Webadresse und demselben Auftrag.
Das Internet des Jahres 2001, der Ort, an dem ecoi.net seine ersten Schritte machte, war ein ganz anderer als er das heute ist. Es war langsamer und kleiner und steckte als ernstzunehmendes Werkzeug für Recherche und Wissensaustausch noch in den Kinderschuhen. Mit anderen Worten: Dass eine spezialisierte Datenbank ein weltweites Publikum erreichen könnte, war alles andere als selbstverständlich. Und doch markierten diese ersten Schritte von ecoi.net den Beginn einer stillen Erfolgsgeschichte – einer durchaus beeindruckenden noch dazu, im kleinen, aber bedeutenden Kosmos der COI-Community.
In diesem Blogbeitrag gehen wir der Frage nach, was Beständigkeit in einer von ständigem Wandel geprägten Internetlandschaft eigentlich bedeutet und warum es Mühe kostet, sie aufrechtzuerhalten. Wir fragen außerdem, worin der Wert menschlicher Kuratierung liegt und wie sich dieser Wert vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz und ihren Implikationen für die Informationslandschaft deuten lässt. Vor allem aber feiern wir mit diesem Beitrag ecoi.net und das engagierte Team, das die Plattform am Leben und relevant hält und sie für die COI-Community inzwischen zu einem unverzichtbaren Tool gemacht hat. Fünfundzwanzig Jahre sind im Internet eine lange Zeit! Da lohnt sich die Frage, was es für diese Kontinuiität eigentlich braucht und was sie bedeutet.
Den Satz „Das Internet vergisst nichts" kennen wir alle – zumindest, wenn es um den Umgang mit Daten aus Sicht des Datenschutzes geht, um private Fotos oder um Postings, die in einem Moment vorübergehender Urteilsschwäche abgesetzt wurden 😉. Doch das stimmt nur zur Hälfte: Das Internet vergisst sehr wohl. Zumindest genau die Dinge, die wir vielleicht gerne bewahren würden. „404 Not Found" – kommt einem bekannt vor, oder?
Die Rede ist hier von kaputten Links, sogenannten toten Links, von „link rot“ oder „link decay“. In einer wissenschaftlichen Publikation aus dem Jahr 2014 zum Problem des Verfalls von Links und Quellenverweisen in juristischen Zitaten stellen die Autor·innen fest, „[t]he rise of the Web has enabled the creation and exchange of scholarly knowledge and the sources on which it is based", und gleichzeitig „bypass[ing] the libraries that previously vouchsafed the long-term preservation of those sources" (Zittrain et al. 2014, S. 182). Der Artikel beschreibt, wie Online-Quellen es Leser·innen erheblich erleichtert haben, zitiertes Material nachzuverfolgen und abzurufen, und wie die Verfügbarkeit damit ganz vom jeweiligen Host der Information abhängt: Die Ressourcen „will only survive so as long as the third party preserves it" (Zittrain et al. 2014, S. 165). Bereits im Jahr 2014 kam diese Studie zu dem Befund, dass über 50 Prozent der URLs in sämtlichen veröffentlichten Entscheidungen des U.S. Supreme Court von Quellenverfall betroffen sind (Zittrain et al. 2014, S. 166-167).
Eine weitere Längsschnittstudie aus dem Jahr 2025, die den Verfall von Web-Zitaten in der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Literatur mit quantitativen Methoden untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass Web-Zitate exponentiell unzugänglich werden: „with accessibility dropping from 87% for citations 0–5 years old to 38% for those over 10 years old. Furthermore, permanent link rot has tripled from 5% in 2012 to 15% in 2025" (Sadatmoosavi et al. 2025, S. 1). Die Studie spricht von „critical gaps in our collective scholarly memory that may never be filled" (Sadatmoosavi et al. 2025, S. 11). Das bedeutet: Links können jederzeit verschwinden, was die wissenschaftliche Grundlage und die Nachvollziehbarkeit jedes Textes untergräbt, der sich auf sie stützt. Eine Form der Archivierung ist daher für alle unerlässlich, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt arbeiten wollen. Auf COI bezogen heißt das: Ohne irgendeine Form der Archivierung steht der COI-Standard der Transparenz, also der Nachvollziehbarkeit, in gewisser Weise auf dem Spiel, denn „traceability is achieved when every piece of information gathered from a source is referenced as such, enabling readers to independently trace, verify and assess the information provided" (ACCORD 2024, S. 41). Und das ist nicht bloß graue Theorie: In Verfahren auf internationalen Schutz kann eine COI-Aussage, die sich nicht auf eine überprüfbare Quelle zurückführen lässt, angefochten oder sogar ganz verworfen werden. Ein nicht mehr erreichbarer Link ist also nicht bloß ein technisches Ärgernis. Für Entscheider·innen stellt er eine Lücke in der Beweisgrundlage einer Schutzentscheidung dar. Die stabilen Permalinks und Zusammenfassungen von ecoi.net sind daher keine beiläufigen Features der Datenbank. Sie sind das, was die Arbeit oft überhaupt erst überprüfbar macht.
Das Internet vergisst also doch. Nach und nach, und ab und zu eben ausgerechnet das, was wir eigentlich behalten wollten. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs selbstverständlich, dass eine Datenbank über 25 Jahre hinweg verlässlich zitierbar bleibt. Das kostet Mühe und es trägt dazu bei, etablierte COI-Standards einzuhalten. ecoi.net bietet keine vollständige Archivierung sämtlicher Dokumente, da nicht alle Dokumente in der Datenbank reproduziert werden dürfen. Was ecoi.net jedoch bietet, ist eine Form von kuratorischem Gedächtnis: einen stabilen Bezugspunkt, der Bestand hat: den Volltext, wo es zulässig ist, und eine Zusammenfassung samt Permalink in allen Fällen.
Beständigkeit ist allerdings nicht der einzige Faktor, der ecoi.net zu der wertvollen Ressource macht, die es heute ist. Mindestens ebenso sehr ist es die lange Geschichte der kuratorischen Arbeit. Dazu gehören die Auswahl der Quellen, deren Beschreibung, ihre Erschließung anhand sinnvoller, aber anpassbarer Relevanzkriterien, die Prüfung von Metadaten, das Erstellen von Zusammenfassungen und das Festlegen von Länderprioritäten. Diese Arbeit, all die kuratorischen Entscheidungen werden von qualifizierten Fachleuten geleistet und getroffen. Diese kennen ihr Feld, verstehen, wo COI anfängt und aufhört, und bringen ein tiefes Verständnis von Quellenevaluierung mit.
Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft – jene Disziplin, die am längsten und am gründlichsten über diese Fragen nachgedacht hat – liefert hier ein nützliches Konzept: Das Framework for Information Literacy der Association of College and Research Libraries (ACRL) hält fest, „authority is constructed and contextual" und „[i]nformation resources reflect their creators' expertise and credibility, and are evaluated based on the information need and the context in which the information will be used" (ACRL, S. 12). Anders gesagt: Nicht alle Quellen sind in einem bestimmten Kontext gleich wertvoll, und diesen Unterschied zu erkennen, erfordert Verständnis und Urteilsvermögen. Eine Datenbank ist eine kuratierte Sammlung mit Gedächtnis, die genau auf dieser Art von kontextbezogenem Fachwissen basiert. Besonders deutlich wird das im Gegensatz zur Suchmaschine: Eine Suchmaschine präsentiert aktuelle Ergebnisse, die mittels Algorithmen nach Relevanz im weitesten Sinne sortiert wurden. ecoi.net hingegen bewahrt und strukturiert Informationen über die Zeit hinweg; ausgewählt, beschrieben und bewertet von Menschen, die die spezifischen Informationsbedürfnisse der COI-Community verstehen.
Und das berührt die COI-Qualitätsstandards nicht am Rand, sondern in ihrem Kern. Die im ACCORD-Handbuch festgelegten Qualitätskriterien der Relevanz und Verlässlichkeit lassen sich nicht auf rein automatisierte Prozesse reduzieren. Relevanz setzt ein Verständnis dafür voraus, wonach COI-Recherchierende tatsächlich suchen könnten und was Entscheider·innen tatsächlich brauchen. Verlässlichkeit setzt voraus, eine Quelle kritisch zu bewerten, ihren Hintergrund zu verstehen und ihre möglichen Verzerrungen und Grenzen transparent zu machen. Und dann ist da noch das Rechercheprinzip, öffentlich zugängliche Informationen zu verwenden: „To support fair procedures, publicly available information should be used. Public information is open to review and scrutiny by the applicant, experts, and the public at large" (ACCORD 2024, S. 44). ecoi.net nimmt dieses Prinzip in zweifacher Hinsicht ernst: Es deckt nahezu ausschließlich öffentlich zugängliche Quellen ab, und die Datenbank selbst ist frei zugänglich. Das ist deshalb von Bedeutung, weil COI-Qualität nicht nur davon abhängt, relevante Informationen zu finden, sondern auch davon, dass andere diese Informationen unabhängig einsehen und überprüfen können.
An dieser Stelle lohnt es sich innezuhalten. Das Argument, dass menschliches Urteilsvermögen für die COI-Qualität unverzichtbar ist, ist genau jenes, das die generative KI scheinbar in Frage stellt. Wenn ein KI-Tool Informationen effizient finden und zusammenfassen kann, wozu dann noch eine spezialisierte, von Menschen kuratierte Datenbank? Es gibt gute Gründe, wie sich zeigt.
Die generative KI verändert die digitale Informationslandschaft in rasantem Tempo. Die weiterreichenden Folgen dieser Entwicklung haben wir an anderer Stelle schon eingehend behandelt. Eine dieser Folgen verdient in unserem Kontext hier jedoch auch noch einmal besondere Aufmerksamkeit: KI-Modelle erzeugen ihren Output auf Grundlage von Trainingsdaten, die für ihre User·innen weitgehend undurchsichtig bleiben, sowie auf Grundlage statistischer Verfahren, aufgrund derer sie auf denselben Prompt jedes Mal eine andere Antwort liefern. Es gibt somit keinen stabilen Bezugspunkt, kein reproduzierbares Ergebnis. (Und hier lassen wir die Problematik von KI-Halluzinationen noch vollkommen außen vor!) Umgelegt auf den COI-Kontext wiegt das schwer: Eine Aussage, die sich nicht reproduzieren lässt, lässt sich nicht zitieren und Informationen, die sich nicht zitieren lassen, können den COI-Qualitätsstandard der Nachvollziehbarkeit nicht erfüllen. Eine von Menschen kuratierte Datenbank, die es seit einem Vierteljahrhundert gibt, ist in diesem Sinne der diametrale Gegenentwurf: Ihre Quellen sind transparent, ihre Inhalte stabil, und ihre gesamte Architektur beruht auf der Prämisse, dass Informationen nicht nur gefunden werden müssen, sondern auch wiedergefunden, in derselben Form und mit nachprüfbarem Ursprung.
All das – Beständigkeit, Kuratierung, Reproduzierbarkeit – sind Argumente, die den Wert von ecoi.net von einer eher theoretischen Warte aus beleuchten. Es gibt jedoch auch einen anderen Beleg: das Feedback derjenigen, die ecoi.net tatsächlich nutzen. Vor einem Jahr haben wir eine Nutzer·innenbefragung durchgeführt. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen bedanken, die sich die Zeit zum Mitmachen genommen haben: Danke! Die Befragung 2025 gibt uns wertvolle Einblicke, wie ecoi.net genutzt wird, von wem und zu welchem Zweck. Insgesamt haben 354 Personen die Befragung vollständig abgeschlossen, weitere 264 teilweise. Die Ergebnisse bestätigen, dass ecoi.net nicht nur regelmäßig genutzt wird, sondern von einem breiten Spektrum an Nutzer·innengruppen: Behörden und Gerichte (47 %), Anwält·innen und Rechtsbeistände, die Geflüchtete und Asylsuchende unterstützen (16 %), NGOs im Bereich des internationalen Schutzes (12 %), internationale Organisationen (4 %) und Personen aus der Wissenschaft (5 %). Bei den Antworten zur Nutzungshäufigkeit fällt auf, dass ecoi.net für viele Befragte offenbar mehr ist als eine gelegentliche Anlaufstelle: tägliche und wöchentliche Nutzung machen einen beträchtlichen Anteil der Antworten aus. Die Befragung zeigt außerdem, dass die User·innen ecoi.net im Vergleich zu anderen COI-Quellen positiv bewerten, insbesondere was die Gesamtzufriedenheit betrifft.
Diese Rückmeldungen sind ermutigend – nicht nur, weil sie positiv ausfallen, sondern weil sie zeigen, was die User·innen an der Datenbank tatsächlich schätzen. Mit der allgemeinen Benutzer·innenfreundlichkeit, der Aktualität sowie der Suche und Navigation sind die Befragten überwiegend sehr zufrieden oder zufrieden. Zugleich verweisen die Ergebnisse des Surveys auf Bereiche, in denen sich User·innen mehr Abdeckung wünschen: etwa bei Informationen zur Gesundheitsversorgung sowie zu konkreten Ereignissen oder Vorfällen. Einige Befragte nannten zudem konkrete Länder und Regionen, darunter Afrika, Somalia und den Südsudan, zu denen sie zusätzliche Abdeckung begrüßen würden. In Summe sind diese Antworten eine Erinnerung daran, dass Nützlichkeit nichts Statisches ist, sondern von sich wandelnden Informationsbedürfnissen und den konkreten Fragen abhängt, mit denen die ecoi.nets User·innen in ihrer täglichen Arbeit konfrontiert sind.
Im Rahmen der Befragung bezeichneten die User·innen ecoi.net als „super useful", „essential" und „indispensable". Wir sind für diese Rückmeldungen dankbar – nicht, weil sie uns schmeicheln (auch wenn sie das natürlich tun!! 😊), sondern weil sie zeigen, wo die Datenbank zum fixen Bestandteil der gelebten COI-Praxis wird. Nach 25 Jahren ist das vielleicht der deutlichste Maßstab für den Wert von ecoi.net. Sie ist nicht nur online geblieben, sondern auch nützlich geblieben – im Alltag von Menschen, die darauf angewiesen sind, dass Herkunftsländerinformationen zugänglich, nachvollziehbar und verlässlich sind und bleiben.
Quellen: