Anfragebeantwortung zu Guinea: Gesellschaftliche Lage (Stigmatisierung) von Opfern von Vergewaltigung (insbesondere in Großstädten) [a-12492-2]

22. November 2024

Das vorliegende Dokument beruht auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen, sowie gegebenenfalls auf Auskünften von Expert·innen und wurde in Übereinstimmung mit den Standards von ACCORD und den Common EU Guidelines for processing Country of Origin Information (COI) erstellt.

Dieses Produkt stellt keine Meinung zum Inhalt eines Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar.

Wir empfehlen, die verwendeten Materialien im Original durchzusehen. Originaldokumente, die nicht kostenfrei oder online abrufbar sind, können bei ACCORD eingesehen oder angefordert werden.

Kurzbeschreibungen zu den in dieser Anfragebeantwortung verwendeten Quellen sowie Ausschnitte mit Informationen aus diesen Quellen finden Sie im Anhang.

Lage von Vergewaltigungsopfern (Stigmatisierung)

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) berichtet in einem Artikel vom 31. März 2023, dass sexuelle Gewalt in der weitgehend konservativen Gesellschaft Guineas mit einem starken Stigma behaftet sei (HRW, 31. März 2023).

Die NGO Freedom House merkt im Jahresbericht zu politischen Rechten und bürgerlichen Freiheiten im Jahr 2023 in Guinea an, dass Vergewaltigung und häusliche Gewalt zwar weit verbreitet seien, aber aus Angst vor Stigmatisierung oft nicht gemeldet würden (Freedom House, 2024, G3).

Das US Department of State (USDOS) berichtet im Jahresbericht zur Menschenrechtslage im Jahr 2023, dass Vergewaltigung und häusliche Gewalt zwar strafbar seien, beides aber häufig vorkomme und die Täter nur selten verfolgt würden. Das Gesetz berücksichtige weder Vergewaltigung in der Ehe noch das Geschlecht des Opfers. Vergewaltigungsopfer würden sich häufig weigern das Verbrechen bei der Polizei anzuzeigen, da sie Stigmatisierung und Repressalien fürchten und Polizei und Gendarmerie nicht kooperieren würden. Studien zufolge würden Bürger·innen auch deshalb zögern, Verbrechen zu melden, da sie befürchten würden, dass die Polizei Geld für die Ermittlungen verlangen könnte (USDOS, 23. April 2024, Section 6).

Am 27. September 2022 schreibt Amnesty International in der Pressemitteilung zur Veröffentlichung eines Berichts zum Thema sexuelle Gewalt, dass Opfer sexueller Gewalt und ihre Familien oft einer starken Verurteilung und einer weit verbreiteten sozialen Stigmatisierung seitens ihrer Gemeinschaften ausgesetzt seien (Amnesty International, 27. September 2022a). Der Bericht analysiert auf Grundlage von Interviews mit Überlebenden von Vergewaltigungen, Beamt·innen, Mitarbeiter·innen im Gesundheitsbereich und anderen Hindernisse für eine wirksame Versorgung von Vergewaltigungsopfern. Semira Daoud, die Regionaldirektorin von Amnesty International für West- und Zentralafrika, wird in der Pressemitteilung mit den Worten zitiert, dass die sexuelle Gewalt durch die gesellschaftliche Verurteilung noch verschlimmert werde (Amnesty International, 27. September 2022a). In dem genannten Bericht, für den Amnesty International unter anderem auch in der Hauptstadt Conakry Interviews geführt hat (Amnesty International, 27. September 2022, S. 11), wird erläutert, dass sich Opfer sexueller Gewalt oft in einer Situation der Not und sozialen Isolation befinden würden und manchmal gezwungen seien umzuziehen oder die Schule zu wechseln, um der Stigmatisierung zu entgehen (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 43).

Manche Vergewaltigungsopfer, die Anzeige erstatten, würden bedroht und unter Druck gesetzt, auch von ihren eigenen Familien (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 9). Amnesty International zitiert aus einem Interview mit der Mutter eines Mädchens, das in einem Stadtteil Conakrys namens Yimbayah von einem Imam vergewaltigt worden sei. Die Mutter habe berichtet, dass überall, wo das Mädchen hingehe mit dem Finger auf sie gezeigt werde. Sie sei zu Hause eingesperrt, gehe nicht hinaus und kommuniziere mit kaum jemandem. Sie würde gerne wieder zur Schule gehen, aber das sei nicht möglich. Überall wo sie hingehe, wissen die Leute, dass sie das Vergewaltigungsopfer sei. Der Schneider habe sich geweigert, für die Familie Arbeiten zu verrichten, mit der Begründung, dass es eine problematische Familie sei und er keine Probleme haben wolle. Die Familie denke darüber nach, das Viertel zu verlassen (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 43-44).

Ein weiterer Fall, ebenfalls aus dem Stadtteil Yimbayah, schildert die Situation einer Frau namens Aicha Barry, deren Tochter von einem Nachbarn sexuell missbraucht worden sei und die nach einem Gerichtsverfahren und auf Druck der Nachbarschaft aus ihrem Haus habe ausziehen müssen. Auch in anderen Regionen hätten Eltern von Vergewaltigungsopfern berichtet, dass sie gezwungen gewesen seien ihre Kinder in andere Schulen zu bringen, um der Stigmatisierung und anderen Verhöhnungen Einhalt zu gebieten (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 44).

Trotz Sensibilisierungskampagnen laste der soziokulturelle Druck schwer auf den Opfern sexueller Gewalt und ihren Familien, die oft zum Schweigen und zu außergerichtlichen Vergleichen gezwungen und stigmatisiert würden (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 75).


 

Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 22. November 2024)

·      Amnesty International: Guinea: Act now to ensure greater support and assistance for survivors of sexual violence, 27. September 2022a
https://www.amnesty.org/en/latest/news/2022/09/guinea-act-now-to-ensure-greater-support-and-assistance-for-survivors-of-sexual-violence/

·      Amnesty International: Shame must change sides: Ensuring Rights and Justice for victims of sexual violences in Guinea [AFR 29/5410/2022], 27. September 2022b
https://www.ecoi.net/en/file/local/2079024/AFR2954102022ENGLISH.pdf 

·      Freedom House: Freedom in the World 2024 - Guinea, 2024
https://www.ecoi.net/de/dokument/2115525.html

·      HRW – Human Rights Watch: Rape Survivor Testifies Publicly in Guinea Massacre Trial, 31. März 2023
https://www.hrw.org/news/2023/03/31/rape-survivor-testifies-publicly-guinea-massacre-trial

·      USDOS – US Department of State: 2023 Country Report on Human Rights Practices: Guinea, 23. April 2024
https://www.ecoi.net/de/dokument/2107709.html

Anhang: Quellenbeschreibungen und Informationen aus ausgewählten Quellen

Amnesty International ist eine internationale regierungsunabhängige Menschenrechtsorganisation mit Hauptsitz in London.

·      Amnesty International: Guinea: Act now to ensure greater support and assistance for survivors of sexual violence, 27. September 2022a
https://www.amnesty.org/en/latest/news/2022/09/guinea-act-now-to-ensure-greater-support-and-assistance-for-survivors-of-sexual-violence/

„Victims of sexual violence and their families often face intense judgement in their communities amid widespread social stigmatization.“ (Amnesty International, 27. September 2022a)

„Victims and their families have repeatedly told us that the horrendous sexual violence they experienced is compounded by societal judgement […].“ (Amnesty International, 27. September 2022a).

·      Amnesty International: Shame must change sides: Ensuring Rights and Justice for victims of sexual violences in Guinea [AFR 29/5410/2022], 27. September 2022b
https://www.ecoi.net/en/file/local/2079024/AFR2954102022ENGLISH.pdf
 

„Certain victims who do file complaints may find themselves the target of threats and pressure, including from within their own families.” (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 9).

„After the rape, the victims and their families often have to face another ordeal: social stigma. As the testimonies collected by Amnesty International show, this ostracism sometimes ends in them having to move home.” (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 43).

„The mother of a girl who says she was raped by an imam in Yimbayah [ein Stadtteil der Hauptstadt Conakry, Anmerkung ACCORD] told Amnesty International about the stigma her child experienced: ‘Once I went to the hospital with her because she was not feeling well during her pregnancy. I was asked how old she was and then asked if she was married. People knew at once. One of the doctors said: ‘This is the girl who was raped.’ It hurts. Everywhere she goes, she has a finger pointed at her. She is always confined to the house, she doesn’t go out, she hardly communicates with anyone. She wants to start school again but it’s not possible. Everywhere she goes people know it's her. She's at my mum's house (...) Everyone is suspicious of us now. Even the tailor we used to send our clothes to has refused us saying that we are a problematic family and that he doesn't want any problems. We feel like leaving the area.” (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 43-44)

„Aicha Barry, whose two-year-old daughter was sexually assaulted in 2020 by a neighbour, was forced to move out of her home after a harrowing court case and pressure from her neighbourhood: ‘We were living in Yimbayah at the time. We had to move because there were too many problems. My daughter is little and she isn’t really aware of everything that happened, what I had to go through. There was so much pressure, the neighbours... I didn't think I was going to get through it.’ In Mamou and Lola, Amnesty International delegates met with other parents of rape victims who were forced to move their children to other schools and/or homes in order to put a stop to the stigmatization and other ‘mockery’.“ (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 44).

„Despite frequent awareness raising campaigns, ‘socio-cultural pressures’ continue to weigh heavily on victims and their families, who are often forced into silence, extrajudicial settlements or stigmatization.“ (Amnesty International, 27. September 2022b, S. 75).

Freedom House ist eine in den USA ansässige Nichtregierungsorganisation, die sich mit Demokratie und Menschenrechten befasst.

·      Freedom House: Freedom in the World 2024 - Guinea, 2024
https://www.ecoi.net/de/dokument/2115525.html

„Rape and domestic violence are common but underreported due to fears of stigmatization, and no specific legislation addresses domestic abuse.“ (Freedom House, 2024, G3).

Human Rights Watch (HRW) ist eine internationale Menschenrechtsorganisation.

·      HRW – Human Rights Watch: Rape Survivor Testifies Publicly in Guinea Massacre Trial, 31. März 2023
https://www.hrw.org/news/2023/03/31/rape-survivor-testifies-publicly-guinea-massacre-trial

„There is profound stigma attached to sexual violence in Guinea’s largely conservative society.“ (HRW, 31. März 2023)

Das US Department of State (USDOS) ist das US-amerikanische Außenministerium.

·      USDOS - US Department of State: 2023 Country Report on Human Rights Practices: Guinea, 23. April 2024

https://www.ecoi.net/de/dokument/2107709.html

„The law criminalized rape and domestic violence, but both occurred frequently, and authorities rarely prosecuted perpetrators. The law did not address spousal rape or the gender of survivors. Rape was punishable by five to 20 years in prison. Survivors often declined to report crimes to police due to custom, fear of stigmatization, reprisal, and a lack of cooperation from investigating police or gendarmes. Studies indicated citizens also were reluctant to report crimes because they feared police would ask the survivor to pay for the investigation.“ (USDOS, 23. April 2024, Section 6)