a-5266 (ACC-AZE-5266)
Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:
Informationen zur Volksgruppe der Ingilos (Zahl, Siedlungsgebiet, …)
Bezüglich der Anzahl der in Aserbaidschan lebenden Angehörigen der Volksgruppe der Ingilos finden sich in den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen unterschiedliche Informationen:
David Levinson erwähnt in dem Nachschlagewerk “Ethnic Groups Worldwide”, veröffentlicht 1998, in dem Kapitel zu Aserbaidschan unter anderem auch die ethnische Gruppe der Ingilos. Diese seien eine georgische ethnische Gruppe. Die Anzahl der Ingilos betrage rund 5.000. Das Siedlungsgebiet der Ingilos sei die an Georgien angrenzende Region Sainglo in Aserbaidschan. Laut Levinson sprächen die Ingilos einen georgischen Dialekt und stünden anderen georgischen und kaukasischen Gruppen kulturell nahe. Zu ihrer Religionszugehörigkeit stellt Levinson fest, dass sie entweder Muslime oder Christen seien. Die Zugehörigkeit ihres Territoriums zu Aserbaidschan sei das Ergebnis der sowjetischer Siedlungspolitik:
“Azerbaijan
The Ingilos are a Georgian ethnic group numbering about 5.000, who live in the Sainglo region of Azerbaijan, bordering Georgia. They speak a dialect of Georgian, are culturally similar to other Georgian and Caucasian groups, and may be either Muslim or Christian. The inclusion of their territory in Azerbaijan is a result of the Soviet settlement policies.” (Levinson, 1998, S.203)
In einem Artikel vom 9. Dezember 2004 zum Thema Religionsfreiheit der BaptistInnen in Aserbaidschan erwähnt Forum 18 die Kleinstadt Aliabad in der Region Zakatala (Zaqatala) im Nordwesten des Landes, deren rund 10.000 BewohnerInnen beinahe alle der Minderheit der Ingilos angehören würden. Forum 18 beschreibt die Ingilos als ethnische GeorgierInnen, die vor einigen Jahrhunderten zum Islam konvertiert seien:
“Aliabad (in Azerbaijan's north-western Zakatala (Zaqatala) region] is a small town of some 10,000 people almost entirely made up of members of the Ingilo minority, ethnic Georgians who were converted to Islam several centuries ago.” (Forum 18, 9. Dezember 2004)
Bezug nehmend auf das “State Statistical Committee of the Republic of Aserbaidschan” merkt die freie Onlineenzyklopädie Wikipedia in ihrem Artikel unter dem Titel “Georgians“ an, dass in Aserbaidschan rund 14.900 GeorgierInnen leben würden. Die meisten in Aserbaidschan lebenden GeorgierInnen, welche auch als Ingilos bezeichnet würden, würden in den Bezirken Kakhi, Belokani und Zakatala wohnen. Diese Bezirke seien bis ins 15. Jahrhundert unter der Bezeichnung Hereti bekannt gewesen. Bis 1931, als sie Aserbaidschan zugeordnet worden seien, seien diese Gebiete Teil der Transkaukasischen Sozialistischen Föderalen Sowjetrepublik gewesen. Heute stelle Georgien bezüglich der von GeorgierInnen bewohnten Gebiete Aserbaidschans jedoch keine Ansprüche an Aserbaidschan:
“The total population of Georgians in the world is estimated to be around 6,000,000. […] 14,900 in Azerbaijan, according to official numbers. [11] Most Georgians (known as Ingilos) in Azerbaijan reside in the Kakhi, Belokani and Zakatala districts, which had been known as Hereti until the 15th century and administered by the Georgian kings until the 17th century. These rayons were once part of the Democratic Republic of Georgia and part of Georgia under the Transcaucasian SFSR until 1931 when they were transferred to Azerbaijan. Georgia holds no claims against Azerbaijan over these territories as of present.” (Wikipedia, Georgians, ohne Datum)
Auf der Webseite des “State Statistical Committee of the Republic of Aserbaidschan” finden sich keine von den auf Wikipedia zur Verfügung gestellten abweichenden Zahlen. In einer Volkszählung im Jahr 1999 hätten 14.900 Personen sich selbst und ihre Kinder als GeorgierInnen bezeichnet. Dies seien 0,2% der Gesamtbevölkerung. (The State Statistical Committee of the Republic of Aserbaidschan, 1999)
Ein anderer Wikipedia-Artikel zu der Region Saingilo, dem von Ingilos bewohnten Gebiet, benennt die Zahl der in Aserbaidschan lebenden Ingilos mit 50.000:
“Nowadays there are Georgians - Ingilos (ინგილოები in Georgian, Ingiloylar in Azeri) living in this region of Azerbaijan (districts of Qax, Balakan and Zaqatala). Ingilos (more than 50 000 as of 1999) are an ethnographic group of Georgian people.” (Wikipedia, Saingilo, ohne Datum)
Ein auf dem Webportal zu Menschenrechten in Georgien
HR humanrights.ge veröffentlichter Artikel berichtet, dass in dem Siedlungsgebiet der GeorgierInnen in Armenien Zakatala-Belakani nur drei georgische Dörfer übrig seien. Die Zahl der in der Region lebenden GeorgierInnen betrage nicht mehr als 12.000 bis 13.000:
“The set objective has almost been reached as there are only 3 Georgian villages left in Zakatala-Belakani. 11 villages with 140 000 Georgian residents were turned into Muslim religion there in the first half of the 20th century. Today the number of Georgians in this Region is not more than 12-13 thousand.” (HR humanrights.ge, ohne Datum)
In dem selben Artikel wird die Bezeichnung Ingilo und die Entstehung des Namens erklärt. Der Begriff Ingilo sei Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts, zu der Zeit als GeorgierInnen gezwungen worden seien, den muslimischen Glauben anzunehmen, aufgekommen. Und daher komme auch der Name dieser Bevölkerungsgruppe. Auf Alt-Türkisch habe das Wort Ingilo eine Person bezeichnet, die eine neue Religion angenommen habe:
“The term ‘Ingilo’ was born at the end of 17th and beginning of 18th century. This is the period when Georgians were made to adopt Muslim religion and that’s where the term is coming from; in old Turkish the term ‘Ingilo’ meant a person who adopted a new religion.“ (HR humanrights.ge, ohne Datum)
Diskriminierung bzw. Unterdrückung von Angehörigen der Volksgruppe der Ingilos durch den Staat
In dem auf dem georgischen Webportal zu Menschenrechten, HR humanrights.ge publizierten Artikel zur Situation der GeorgierInnen in Aserbaidschan ist von langjähriger ethnischer und religiöser Diskriminierung der in den Bezirken Zakatala (Zaqatala), Belakani und Kakhi lebenden GeorgierInnen die Rede. Die Regierung von Aserbaidschan greife auf Festnahmen und andere Formen des Drucks zurück, um die GeorgierInnen, welche eine ethnische Minderheit darstellen würden, zu zwingen, ihre Religion zu wechseln, ihre Muttersprache zu vergessen und ihre georgischen Familiennamen in aserische umzuwandeln. Auch sei es den GeorgierInnen nicht erlaubt, ihren Kindern georgische Namen zu geben. Nach Ansicht der BewohnerInnen von Zakatala (Zaqatala), Belakni und Kakhi sei die Hauptursache für diese Einschränkungen seitens der Regierung von Aserbaidschan, dass diese das Territorium Saingilo, welches im Jahr 1921 an Aserbaidschan übergeben worden sei, behalten wolle. Dies versuche die Regierung von Aserbaidschan erreichen, indem sie die georgische Bevölkerung zwinge, ihre Religion zu wechseln und ihre Werte und Traditionen aufzugeben. Laut Autor des Artikels sei die Diskriminierung der georgischen Bevölkerung Aserbaidschans der Regierung von Georgien sehr wohl bewusst, jedoch stehe diese der Situation gleichgültig gegenüber:
“Ethnic and Religious Discrimination in Azerbaijan, namely of the Georgians residing in districts of Zakatala (Zaqatala), Belakani and Kakhi has been going on for many years already. The government of the country is using detentions and other forms of pressure while forcing the Georgians, being in ethnic minority, to change religion, to forget their mother tongue, to refuse from Georgian surname and take Azeri ones; at the same time they are not allowed to give their children Georgian names. In the opinion of the residents of Zakatala (Zaqatala), Belakni and Kakhi Regions, the main reason of their restrictions by the government of Azerbaijan is to retain the territory of Saingilo which the Bolshevik Governmnet handed over to Azerbaijan in 1921 and they are trying to do so through making the Georgian population change religion and give up their national values as well as traditions. The set objective has almost been reached as there are only 3 Georgian villages left in Zakatala-Belakani. 11 villages with 140 000 Georgian residents were turned into Muslim religion there in the first half of the 20th century. Today the number of Georgians in this Region is not more than 12-13 thousand. The indifference and inaction of the Georgian government to the discrimination of the Georgian population of Azerbaijani despite the fact that the problem is well known to the Georgian side, is really surprising.” (HR humanrights.ge, ohne Datum)
Weiters vermerkt HR humanrights.ge, dass GeorgierInnen, die zum Christentum zurückgekehrt seien, ständigem Druck und Verfolgung ausgesetzt seien. Sie seien vom Militärdienst befreit und würden oft zu Opfern von Übergriffen seitens der Polizei. Hunderte von GeorgierInnen hätten keine Möglichkeit, ihren Familiennamen zurückzuerlangen oder einem Neugeborenen einen georgischen Vornamen zu geben.
Obwohl GeorgierInnen gemäß der Verfassung von Aserbaidschan die gleichen Rechte hätten wie die aserische Bevölkerung, negiere Aserbaidschan – trotz seiner Mitgliedschaft im Europarat – seine Verpflichtungen gegenüber der Minderheit:
“The Georgians who have had the courage to return to Christianity are under constant persecution and pressure. They are freed from military service and are very often the victims of aggression and terror by the side of the police. Hundreds of people do not have the possibility to gain back his/her surname or to give a Georgian name to a newly born child. Any of this kind of attempt is finished with terror and new wave of pressure on the Georgian population.
The Georgians living in Azerbaijan have the same constitutional rights as the Azeri population, which is supported by international legal norms. But the Azerbaijan government, in spite of being affiliated in the Council of Europe neglects the international norms towards the Georgian population. In the meantime the 84th year of silence, indifference and discrimination has started.” (HR humanrights.ge, ohne Datum)
In den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen konnten im Rahmen einer zeitlich begrenzten Recherche – abgesehen von den im folgenden Abschnitt beschriebenen Problemen im Bereich der Namensgebung und Registrierung - keine weiteren Informationen zur Unterdrückung bzw. Diskriminierung von Angehörigen der Volksgruppe der Ingilos in Aserbaidschan gefunden werden.
Führen Angehörige der ethnischen Gruppe der Ingilos georgische oder aserbaidschanische Nachnamen bzw. können sie frei darüber entscheiden?
In dem Artikel "Will Christian children now get birth certificates?" vom 10. Jänner 2005 berichtet Forum 18 von Problemen bei der Registrierung von Kindern mit christlichen Vornamen. Dieses Problem trete in allen Gebieten mit ethnisch-georgischen Minderheiten auf, sei aber besonders in der Region Zakatala akut.
Laut Forum 18 gebe es jedoch auch bezüglich der Familiennamen Probleme. Ingilos, die versuchen würden, ihren Nachnamen in die georgische Form zurückzuverwandeln und ihre Kinder mit georgischen Namen zu registrieren, würden auf große Schwierigkeiten stoßen:
“Other members of Azerbaijan's ethnic Georgian minority have told Forum 18 that the difficulty of registering children with Georgian Christian names is particularly acute in the Zakatala region, though it occurs from time to time in neighbouring regions with an ethnic Georgian minority.”
“One ethnic Georgian told Forum 18 on 10 January from Kakh [Qax] region south of Zakatala region that Ingilos – ethnic Georgians who were converted to Islam several centuries ago and are considered to be Georgian-speaking Azeris by the Azerbaijani authorities, such as the Baptists in Aliabad – face great difficulties trying to change their surnames back to the Georgian form and registering children's births with Georgian names. However, the Georgian told Forum 18 that in most of these cases the motivation for the parents' desire for Georgian first names is national, not religious.” (Forum 18, 10. Jänner 2005)
In seiner Newsline vom 12. Juni 2002 berichtet Radio Free Europe / Radio Liberty (RFE/RL) unter der Schlagzeile “Azerbaijan, Georgia at odds over Toponyms, Surnames” dass der georgische Parlamentsabgeordnete Revaz Mishveladze seine „Empörung“ darüber geäußert habe, dass die Behörden von Aserbaidschan es verabsäumt hätten, ein von Präsident Aliev erlassenes Dekret umzusetzen, welches Mitglieder der Ingilo, der georgischen Minderheit Aserbaidschans dazu befähigen würde, zu ihren georgischen Nachnamen zurückzukehren. Mishveladze habe hierbei einen Aufruf von Ingilos an das georgische Parlament zitiert, in der Angehörige der Minderheit sich beschweren würden, dass die lokalen Behörden im Nordwesten Aserbaidschans sie daran hinderten ihre aserbaidschanischen Namen, die sie während der Sowjetzeit annehmen hätten müssen, wieder in georgische zu ändern:
“AZERBAIJAN, GEORGIA AT ODDS OVER TOPONYMS, SURNAMES At the request of speaker Alesqerov, the Azerbaijani parliament has written to its Georgian counterpart requesting that Georgia revert to the traditional Azerbaijani toponyms for villages in the largely Azerbaijani-inhabited region south-east of Tbilisi and formally designate that region by its traditional Azerbaijani toponym, Borchalo, rather than by the Georgian name Kvemo Kartli, Turan reported on 11 June. On 4 June, Georgian parliament deputy Revaz Mishveladze expressed his ‘outrage’ that the Azerbaijani authorities have failed to implement a decree issued by President Aliev on enabling members of Azerbaijan's Ingilo (Georgian) minority to revert to their Georgian surnames, Caucasus Press reported. Mishveladze quoted an appeal to the Georgian parliament from Ingilos who complained that local authorities in northwestern Azerbaijan are preventing them from changing the Azerbaijani names they were forced to adopt during the Soviet era. LF“ (RFE/RL, 12. Juni 2002)
Zur Problematik der Namensgebung berichtet das US Department of State (USDOS) in seinem Bericht zur Religionsfreiheit vom 15. September 2006, dass die Lokalbehörden der Region Zakatala nach wiederholter Weigerung baptistischen Eltern, die ihrem Sohn einen christlichen Vornahmen geben hätten wollen, schließlich eine Geburtsurkunde ausgestellt hätten. Mitglieder der ethnisch georgischen Minderheit hätten berichtet, dass Schwierigkeiten bei der Registrierung von Kindern mit nicht-aserischen Namen in dieser Region besonders akut seien:
“Following months of repeated refusals, local officials in the Zaqatala region finally issued a birth certificate to Baptist parents who wished to give their son a Christian name. Members of the ethnic Georgian minority reported that difficulty in registering children with non-Azeri names was particularly acute in this region.” (USDOS, 15. September 2006, Abschnitt II)
Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Diese Antwort stellt keine Meinung zum Inhalt eines bestimmten Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar. Wir empfehlen, die verwendeten Materialien zur Gänze durchzusehen.
Quellen: