ecoi.net-Themendossier zu Nigeria: Sicherheitslage

Die ecoi.net-Themendossiers bieten einen Überblick zu einem ausgewählten Thema. Das Themendossier Nigeria behandelt die wichtigsten aktuellen sicherheitsrelevanten Vorfälle, gegliedert in die drei Landesteile Nord-, Süd-, und Zentralnigeria. Die Informationen stammen aus ausgewählten Quellen und erheben nicht den Anspruch vollständig zu sein.

1. Allgemeine Informationen
2. Der zentrale Landesteil und Abuja (Konflikte zwischen Hirten und Bauern, religiös motivierte Konflikte)
2.1. Allgemeine Informationen
2.2. Aktuelle Lage
3. Nordöstliche Bundesstaaten (Boko Haram und IS-West Africa)
3.1. Allgemeine Informationen
3.2. Aktuelle Lage
4. Nordwestliche Bundesstaaten (Entführungen und Gewalt durch bewaffnete Gruppen, Konflikte zwischen Hirten und Bauern)
4.1. Allgemeine Informationen
4.2. Aktuelle Lage
5. Südliches Nigeria (Piraterie, Kriminalität, militante Gruppen, Biafra-Unabhängigkeitsbewegung, Polizeigewalt)
5.1. Allgemeine Informationen
5.2. Aktuelle Lage
6. Weitere Quellen mit Informationen zur sicherheitsrelevanten Lage in Nigeria
7. Quellen

1. Allgemeine Informationen

Nigeria ist die größte Volkswirtschaft Afrikas und der bevölkerungsreichste Staat des Kontinents. Zahlen zu den Einwohner·innen reichen von 151 bis 200 Millionen Menschen. Geopolitische Bedeutung resultiert aus Nigerias Stellung als bedeutende Regionalmacht Westafrikas und als einer der acht größten Erdölexporteure der Welt. Trotz hoher Einnahmen aus der Rohstoffindustrie steht das Land vor großen Herausforderungen, bedingt durch langanhaltende Konflikte und wirtschaftliche Rezession. Die Erträge aus der Erdölförderung sind rückläufig, zwischen 40 und über 50 Prozent der Bevölkerung leben in extremer Armut und es herrscht hohe Arbeitslosigkeit. (GIZ, 31. Dezember 2020 [i]; GTAI, 4. Dezember 2020, S. 1, S. 2 [ii]; KAS, ohne Datum[iii])

Nigeria umfasst 37 Bundesstaaten, die in 774 lokale Regierungsgebiete (Local Government Areas, LGAs) gegliedert sind, inklusive das Bundesterritorium Abuja (Federal Capital Territory, FCT). Neben dem National Assembly im Federal Capital Territory verfügt jeder Bundesstaat über eine Regierung und ein Landesparlament (State House of Assembly). (CLGF, 2019, S. 161-162 [iv]; The Conversation, 14. Jänner 2021[v])

Die schlechte Sicherheitslage aufgrund von bewaffneten Konflikten, Gewalt und Kriminalität sowie Korruption, Lücken in der Infrastruktur und fehlende Ausstiegsstrategien aus der Erdölproduktion wirken sich negativ auf die bereits prekäre humanitäre und wirtschaftliche Situation aus. (CRS, 18. September 2020, Summary)[vi]

Nach dem Ende der Militärherrschaft im Mai 1999 wurde die vierte Republik mit der Wahl von Olusegun Obasanjo ausgerufen. Es kam zu Aufständen im Nigerdelta, periodischen Gewaltausbrüchen im „Middle Belt“ und einem Anstieg von Gewalt im Nordosten Nigerias. Als Obasanjos Nachfolger, Präsident Yar’Adua 2011 starb, wurde Goodluck Jonathan zum Präsidenten gewählt. Bei der nächsten Präsidentschaftswahl im März 2015 setzte sich der bis heute regierende Muhammadu Buhari gegen Goodluck Jonathan durch. Im Wahlkampf versprach Buhari Kampf gegen Korruption, wirtschaftlichen Aufschwung und, in Anbetracht der Bedrohung durch die Boko Haram, für Sicherheit im Land zu sorgen. Als ehemaliger General der nigerianischen Armee hatte sich Buhari bereits 1983 an die Macht geputscht und das Land bis 1985 als Staatsoberhaupt geführt. Am 27. Februar 2019 wurde Buhari mit 55,6 Prozent der Stimmen wiedergewählt. (BBC, 18. Februar 2019 [vii]; BBC, 27. Februar 2019; SWP, April 2019, S. 1-2)[viii]

Inter-ethnische und religiöse Konflikte in Nigeria haben in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Todesopfer gefordert (BBC, 2. Oktober 2015).

Seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 weist der Staat strukturelle Schwächen auf. Inter-ethnische und religiöse Spannungen bestimmen bis in die Gegenwart Interessen und Machtansprüche wesentlich mit. Es besteht eine tiefe Kluft zwischen dem islamisch geprägten Norden und dem überwiegend christlichen südlichen Landesteil. Wachsender Fundamentalismus in der Region trägt zur zunehmenden Entfremdung auf beiden Seiten bei. Zudem herrscht erbitterter Kampf um Verteilung und die Zuweisungen der Zentralregierung. Zwischen Norden und Süden gerät der einst stabilisierend wirkende Middle Belt immer mehr in die Spannungen hinein. Der blutige Sezessionskrieg um Biafra zwischen 1967 und 1970 wurde nie aufgearbeitet und die Hauptakteure nicht zur Verantwortung gezogen. (BPB, 6. Juli 2020)[ix]

In Nigeria leben rund 400 unterschiedliche soziale Gruppierungen. Die drei größten Gruppen bilden die Haussa im Norden, die Igbo im Südosten und die Yoruba im Südwesten. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist muslimisch und der Islam prägt den Norden des Landes. Rund 45 Prozent der Bevölkerung sind Christ·innen, die vorwiegend im zentralen und südlichen Teil des Landes leben. (GTAI, 4. Dezember 2020, S. 2)

Seit Einführung der Scharia in einigen nördlichen Bundesstaaten Nigerias im Jahr 1999 haben sich die Konflikte zwischen Christ·innen und Muslim·innen verschärft (Deutschlandfunk, 24. Oktober 2019)[x]. Die im Jahr 2000 als salafistische Reformbewegung gegründete Gruppierung Boko Haram verübt seit 2009 verstärkt Gewalttaten im Nordosten des Landes (CRS, 26. März 2021, p. 1). Es kommt immer wieder zu schweren Anschlägen mit zahlreichen Todesopfern (GTAI, 4. Dezember 2020, S. 2). Der Nordosten Nigerias, allen voran der Bundesstaat Borno, wird weiterhin von den beiden islamistischen Gruppierungen Boko Haram und dem Islamischen Staat in Westafrika (ISWA) dominiert. (ICG, 4. Mai 2021, S. 17) [xi]

In anderen Gebieten im zentralen Nordnigeria und in Nordwestnigeria sind bewaffnete Gruppen aktiv. Diese sogenannten Gruppen von “Banditen” verüben auf Straßen, landwirtschaftlichen Betrieben und jüngst in Schulen Raubüberfälle und entführen Menschen, um Lösegeld zu fordern. Zudem geht von inter-kommunalen Konflikten ein weiteres Sicherheitsrisiko aus (ICG, 4. Mai 2021, S. 17). In der Region, dem sogenannten „Middle Belt“, stieg in den vergangenen Jahren der gewaltsame Wettkampf um Ressourcen zwischen nomadischen Hirten und sesshaften bäuerlichen Gemeinschaften, der sich immer mehr ausweitet (CRS, 18. September 2020, Summary, S. 8).

In der südlichen Delta-Region führen lokale Missstände in der Erdölproduktion im Gebiet zu Kriminalität und Übergriffen militanter Gruppen. Frustration äußert sich in Angriffen auf die Ölinfrastruktur. Angriffe auf Schiffsbesatzungen, inklusive Entführungen, machen die Region zu einer der unsichersten der Welt. Verhandlungen zwischen der Regierung und den örtlichen Milizen sowie ein andauerndes Amnestieprogramm soll zur Beruhigung der Lage beitragen (CRS, 18. September 2020, S. 10-11). Die Gewässer um das Niger-Delta gelten als die gefährlichsten im Golf von Guinea, wo es immer wieder zu Angriffen und Entführungen auf See kommt (CRS, 18. September 2020, S. 11).

Ausgehend vom Süden Nigerias regt sich verstärkt Widerstand gegen unverhältnismäßige Polizeigewalt und gewaltvolle Übergriffe der Sicherheitskräfte. Im Zuge von Protesten im Oktober 2020 kamen zahlreiche Menschen ums Leben (AI, 28. Mai 2021; AI, ohne Datum).

2. Der zentrale Landesteil und Abuja (Konflikte zwischen Hirten und Bauern, religiös motivierte Konflikte)

(Bundesstaaten: Benue, Federal Capital Territory, Kogi, Kwara, Nasarawa, Niger, Plateau, Taraba)

2.1. Allgemeine Informationen

In Nigeria sind 70 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft beschäftigt. Historisch waren die Gemeinschaften in sesshafte Ackerbauern und nomadische Viehzüchter (überwiegend Angehörige der Gruppe der Fulani) unterteilt. Zwischen ihnen bestand eine harmonische Beziehung. Das Vieh der Hirten düngte das Land der Bauern im Austausch für Weiderechte. Seit den 1970er Jahren verschwammen die Grenzen zwischen den beiden Wirtschaftsformen zunehmend. Kleinbauern im Zentrum und Süden des Landes bauen den Großteil des Gemüses und der Wurzelknollen an. Einige halten auch Tiere, vor allem Rinder. Die Hirten im Norden betreiben Viehzucht und bauen den Großteil des Getreides an. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts nahmen die Spannungen zwischen Hirten und Bauern mit gewaltsamen Zwischenfällen zu, insbesondere in den zentralen und südlichen Bundesstaaten. Die Zusammenstöße dehnten sich immer weiter aus und inzwischen ist auch der Nordwesten betroffen. In mindestens 22 der 36 nigerianischen Bundesstaaten kam es zu Zwischenfällen. (ICG, 19. September 2017, S. 1; AI, 17. Dezember 2018, S. 5-6, S. 13-15[xii]).

Bauern begründen die Konflikte mit Ernteschäden, die von den Tieren der Hirten verursacht würden; Hirten werfen den Bauern vor, sie mittels Angriffen und Viehdiebstahl aus ihren Gemeinschaften vertreiben zu wollen. Land, das von Hirten als Weide- und von Bauern als Ackerland beansprucht wird, ist zunehmend hart umkämpft. Das Weideland der Fulani war ursprünglich Gemeinschaftseigentum und wurde nicht durch festgeschriebene Landrechte abgesichert. Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Boden und Wasser gilt als Haupttreiber der Konflikte. (AI, 17. Dezember 2018, S. 6, S. 12-15)

Steigende landwirtschaftliche Aktivitäten und der Ausbau von Infrastruktur wie Schulen, Märkte, Tankstellen und Elektrizitätswerke nehmen immer mehr Fläche in Anspruch, die davor als Weideland genutzt wurde. Die Konflikte scheinen sich zu verschärfen. Allein im April 2021 wurden 144 Menschen bei den Konflikten getötet (ICG, Mai 2021). Im Zeitraum Jänner 2016 bis Oktober 2018 betrug die von Amnesty International dokumentierte Anzahl der Übergriffe 300 und die vermutliche Opferzahl über 3.500 Personen. Mehr als 5.000 Häuser wurden niedergebrannt und über 182.000 Menschen vertrieben. (AI, 17. Dezember 2018, S. 16)

Im „Middle Belt“ kommen ethno-religiöse Motive für die Gewalt hinzu. Der gewaltsame Konflikt hat mittlerweile tribale, religiöse und regionale Dimensionen angenommen. Jährlich werden im Middle Belt und in südlich davon gelegenen Gebieten etwa 2.500 Personen getötet (ICG, 20. Juli 2017; Brottem, 12. Juli 2021 S. 1[xiii]).

Unter den von Bauern-Hirten-Konflikten betroffenen Ländern der Region ist Nigeria am stärksten betroffen. Innerhalb des Landes konzentrieren sich die Vorfälle im Nordwesten und im „Middle Belt“, weiteten sich jedoch zuletzt in südliche Bundesstaaten aus. (Brottem, 12. Juli 2021 S. 4)

Während des Jahres 2019 nahmen Konflikte zwischen Hirten und Farmern in den zentralen und nördlichen Bundesstaaten aufgrund von Regierungsmaßnahmen und zivilgesellschaftlichen Konfliktlösungsmechanismen ab. Im Lauf des Jahres kam es jedoch zu „stillen Tötungen“, bei denen Personen verschwanden und später tot aufgefunden wurden. 2019 kam es in den Grenzgebieten der Bundesstaaten Nasarawa, Benue und Taraba unter den ethnischen Gruppen der Tiv, Kwalla, Jukun, Fulani und Azara weiterhin zu Konflikten wegen Landrechten. (USDOS, 11. März 2020, Section 6)[xiv]

Im Jahr 2020 wurden über 1.531 Personen bei Gewalt zwischen Gemeinschaften getötet – großteils zwischen Hirten und Bauern sowie bei Angriffen von Banditen. Tausende Personen wurden vertrieben. Über 1.015 Personen wurden von bewaffneten Unbekannten als Geiseln genommen. (AI, 7. April 2021)

Landstreitigkeiten, Wettbewerb hinsichtlich schwindender Ressourcen, ethnische Unterschiede und Spannungen zwischen Siedler·innen und Indigenen trugen im Jahr 2020 zu Zusammenstößen zwischen Hirten und Bauern im nördlichen Zentralraum bei. Es kam weiterhin zu Konflikten hinsichtlich Landrechte unter Angehörigen der ethnischen Gruppen der Tiv, Kwalla, Jukun, Fulani und Azara nahe der Grenzen zwischen den Bundesstaaten Nasarawa, Benue und Taraba. (USDOS, 30. März 2021, Section 6)

Weitere Informationen zu Zwischenfällen hinsichtlich des Konflikts zwischen Hirten und Bauern finden sich auch im Abschnitt zu den nördlichen Bundesstaaten.

2.2. Aktuelle Lage

Am 19. September 2021 starb der ehemalige stellvertretende Präsident der nigerianischen Zentralbank, Obadiah Mailafia in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Abuja. Berichten zufolge wurde er in mehreren Krankenhäusern schäbig behandelt. Mailafia gehörte zu den ersten prominenten Nigerianern, die auf die derzeitige Gewalt im Süden Kadunas, die Infiltration von Extremisten der Fulani im ganzen Land, auch im Süden Nigerias, und ihre Verbindungen zu terroristischen Gruppierungen aufmerksam machten. Er wurde dreimal vom Department of State Services (DSS) in Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, verhört und hatte am 11. September 2020 Befürchtungen geäußert, dass sein Leben durch einige politische Kräfte in Gefahr sei. (CSW, 20. September 2021)[xv]

Am 19. September 2021 wurde die Morgenmesse in einer evangelikalen Kirche in Kabba Bunu im Staat Kogi von fünf bewaffneten Angreifern gestürmt. Drei betende Personen wurden entführt und eine weitere getötet. (CSW, 20. September 2021)

Interethnische und Bauern-Hirten-Konflikte in Plateau Ende Juli und im August 2021 beinhalteten Angriffe von bewaffneten Männern auf Dörfer in der Region Bassa, die von Angehörigen der ethnischen Gruppe der Irigwe bewohnt werden. Die Angreifer standen vermutlich Hirten-Gemeinschaften nahe. Mindestens 17 Menschen starben. Milizen, vermutlich von den Irigwe, töteten mindestens 22 Fulani-Muslim·innen in der Nähe Bundesshauptstadt von Plateau, Jos. Außerdem töteten bewaffnete Männer mindestens 44 Menschen im Dorf Yelwa Zangam in Plateau sowie in der Region Guma im Bundesstaat Benue. (ICG, August 2021; CSW, 27. August 2021)

Im August 2021 befreiten bewaffnete Männer einige Schüler·innen, die im Mai aus einer islamischen Schule entführt worden waren. (BBC, 27. August 2021).

Am 15. Juli 2021 töteten bewaffnete Männer den Generalmajor der Armee, Hassan Ahmed, in der Nähe der Bundeshauptstadt Abuja. Am 18. Juli töteten Bewaffnete mindestens zehn Menschen, darunter zwei Mitarbeiter·innen von Hilfsorganisationen in der Gegend von Guma im Bundesstaat Benue. Die Anwohner·innen machten Hirten für den Angriff verantwortlich. (ICG, Juli 2021)

3. Nordöstliche Bundesstaaten (Boko Haram und IS-West Africa)

(Bundesstaaten: Adamawa, Bauchi, Borno, Gombe, Taraba, Yobe)

3.1. Allgemeine Informationen

Die Boko Haram entstand 1990 aus einer Gruppe radikalislamischer Jugendlicher in der Moschee Al-Hadschi Muhammadu Ndimi in Maiduguri, berichtet die International Crisis Group (ICG). Der ehemalige Anführer der Boko Haram, Mohammed Yusuf, war zuvor Prediger und Anführer des Jugendflügels der Salafistengruppe Ahl-Sunnah, Shababul Islam (Vorhut der Islamischen Jugend, Islamic Youth Vanguard) (ICG, 3. April 2014, S. 7). Die anfängliche Attraktivität von Boko Haram vor allem bei den Jungen hing auch mit der Armut und der hohen Arbeitslosigkeit im Norden Nigerias zusammen. Während die Gruppe in den ersten Jahren gewaltlos agierte, radikalisierte sie sich etwa ab 2009 und bekämpft seither aktiv den nigerianischen Staat. (Die Zeit, letzte Aktualisierung 29. März 2018)[xvi]

Amnesty International (AI) zufolge wurden im Jahr 2014 über 4.000 Menschen von der Boko Haram getötet, obwohl die tatsächliche Anzahl der Toten vermutlich höher sei. In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 töteten Kämpfer der Boko Haram mindestens 1.500 Menschen. Seit Juli 2014 nahm die Boko Haram größere Städte ein. Im Februar 2015 kontrollierte die Gruppe den Großteil des Bundesstaates Borno, sowie die Bundesstaaten Adamawa und Yobe. Im August 2014 erklärte der Anführer der Boko Haram, Abubakar Shekau, die von der Gruppe kontrollierten Gebiete zum Kalifat (AI, 13. April 2015, S. 3). Später schwor Shekau dem Islamischen Staat (IS) die Treue, worauf das von der Boko Haram kontrollierte Gebiet vom IS als „Islamic State of West Africa Province“ [IS-WA] als Teil des angestrebten globalen Kalifats bezeichnet wurde (BBC, 24. November 2016). Im Jahr 2015 galt Boko Haram laut dem Global Terrorism Index der Denkfabrik Institute for Economics and Peace als die weltweit tödlichste terroristische Gruppe. Ihr wurde die Verantwortung für 6.644 Tote zugeschrieben (IEP, November 2015, S. 4)[xvii]. Im August 2016 verkündete der IS, dass Abubakar Shekau von Abu Musab al-Barnawi als neuer Anführer der Gruppe ersetzt wird. Wegen interner Kämpfe kam es zu einer Trennung der Gruppe. Shekau verfügt hauptsächlich im Sambisa Forest weiterhin über Anhänger·innen und Unterstützer·innen. Diese Gruppe ist als Boko Haram bekannt. Die Regierungen Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun bezeichnen jedoch beide Gruppen als Boko Haram, mit der Differenzierung „Shekau-Fraktion“ und „al-Barnawi-Fraktion“. (USDOS, 19. September 2018).

Nach der Angelobung von Präsident Buhari im Mai 2015 wurden effektivere Maßnahmen gegen die Aufständischen ergriffen und die Aufständischen konnten aus dem Großteil der zuvor von ihnen kotrollierten Gebiete vertrieben werden. Berichten zufolge änderten die Aufständischen ihre Taktik in Richtung asymmetrische Kriegsführung, darunter Entführungen, Vergewaltigung, Zwangsrekrutierung von Kindern und Jugendlichen, Selbstmordanschläge und sexuelle Versklavung. (UNHCR, Oktober 2016, S. 1-2) [xviii] Die Sicherheit bleibt weiterhin beträchtlich durch die Aufständischen bedroht. Zwischen 2018 und 2019 stieg die Todeszahl durch Angriffe der Boko Haram um 25 Prozent (IEP, November 2020, S. 13).

Im Jahr 2020 griffen die Boko Haram und IS-WA Bevölkerungszentren, Sicherheitskräfte und Personal sowie Einrichtungen von internationalen Organisationen und NGOs im Bundesstaat Borno an. Beiden Gruppen war es im Nordosten weiterhin möglich, Angriffe auf militärische und zivile Ziele durchzuführen. Im Nordosten kam es weiterhin zu willkürlichen Verhaftungen. Die Behörden hielten viele Personen unter armseligen und lebensbedrohlichen Bedingungen fest. (USDOS, 30. März 2021, Section 1g) Boko Haram verübte im Jahr 2020 im Nordosten weiterhin schwere Menschenrechtsverbrechen, darunter die Tötung und Entführung von Zivilist·innen. Über 420 Zivilist·innen wurden bei etwa 45 Angriffen getötet. Viele der Angriffe erfolgten im Bundesstaat Borno, aber auch in den Bundesstaaten Adamawa und Yobe. (AI, 7. April 2021) Gemeinsam mit der Splittergruppe IS-WA führte Boko Haram im Nordosten Angriffe gegen Zivilist·innen und Mitarbeiter·innen von Hilfsorganisationen durch (HRW, 13. Jänner 2021)[xix].

Medien wurden Informationen zugespielt, wonach Abubakar Shekau tot sei. Auf einer Audioaufnahme ist angeblich der Anführer des IS-WA zu hören, der Shekaus Tod verkündet. Shekau soll sich im Kampf gegen die IS-WA am 18. Mai 2021 mit Sprengstoff umgebracht haben, um seinen Verfolgern zu entgehen. (Reuters, 7. Juni 2021)[xx] Am 26. Juni schworen rivalisierende Kämpfer der IS-WA und Shekaus Boko Haram-Fraktion dem Islamischen Staat gemeinsam die Treue (ICG, Juni 2021)

Im August 2021 stellten sich über 1.000 Boko Haram-Kämpfer und ihre Familien dem nigerianischen Militär. Nach Angaben des Militärs sei die Kapitulation dieser großen Zahl die Folge von jüngsten Militäroffensiven. Analyst·innen hingegen sehen die Deserteur·innen als Folge des Todes Abubakar Shekaus. (TNH, 12. August 2021)

3.2. Aktuelle Lage

Am 30 August 2021 tötete IS-WA 17 Menschen in den Städten Rann und Ajiri im Bundesstaat Borno. Bei drei Angriffen zwischen 7. und 14.August tötete der IS-WA mindesten sechs Soldaten. (ICG, August 2021)

Nach fünf Jahren ununterbrochener Präsenz beendete Ärzte ohne Grenzen im August 2021 seine medizinischen Aktivitäten in Gwoza und Pulka. Grund seien die schlechte Sicherheitslage und Bedrohungen für das Personal vor Ort, unter anderem durch den wachsenden Einfluss von IS-WA. (MSF, 25. August 2021)[xxi]

Eine der über 200 im April 2014 von Boko Haram entführten Schülerinnen wurde Ende Juli 2021 befreit. 113 Schülerinnen sollen sich weiterhin in den Händen von Boko Haram befinden. (Der Standard, 8 August 2021)[xxii]

Im Juli 2021 wurde bekannt, dass IS-WA Abbah Gana wieder als Führer des so genannten Islamischen Kalifats von Afrika einsetzte. Mutmaßliche Boko Haram-Kämpfer töteten am 7. Juli 2021 mindestens 18 Zivilist·innen in Adamawa. Zwischen 16. Und 28. Juli 2021 töteten Sicherheitskräfte angeblich 16 IS-WA oder Boko Haram Kämpfer, verhafteten 29 und retteten 40 Zivilist·innen im Nordosten. (ICG, July 2021)

Am 8. und 20. Juni 2021 wehrte das Militär Angriffe von IS-WA auf Dikwa und Kumshe ab. Mindestens sechs Aufständische wurden getötet. 20 weitere wurden am 20. Juni im Wald Lambua getötet. Zwischen 5. und 6. Juni wurden mindestens 15 Menschen in Igangan bei Bauern-Hirten-Konflikten von Bewaffneten getötet. Am 6 Juni wurden 27 Menschen in der Region Agatu in Benue getötet. Am 13. Juni wurden 12 Menschen in Jos getötet. Die Bevölkerung und örtliche Behörden machten Hirten für die Angriffe verantwortlich. (ICG, June 2021)

4. Nordwestliche Bundesstaaten (Entführungen und Gewalt durch bewaffnete Gruppen, Konflikte zwischen Hirten und Bauern)

(Bundesstaaten: Jigawa, Kaduna, Kano, Katsina, Kebbi, Sokoto, Zamfara)

4.1. Allgemeine Informationen

Im Nordwesten überlagern sich mehrere Konfliktebenen. Es sind islamistische Gruppen unter Boko Haram und IS-WA aktiv, daneben formieren sich auf Dorfebene Bürgerwehren, mit dem Ziel, Banditen zu bekämpfen, wobei es sich meist um Hirten und Bauern-Konflikte handelt, die sich bis in den Nordwesten ausgedehnt haben.

Fulani-Viehzüchter werden oft als “Banditen” verallgemeinert und als Gemeinschaft stigmatisiert. Die gemeinsame Geschichte der mehrheitlich muslimischen Fulani mit den lokal dominanten, bäuerlichen Hausa-Gemeinschaften wird dabei übergangen. Intensivierte Landwirtschaft und trockener werdendes Klima führen zu Kampf um Boden und Wasser. Fulani-Hirten werden beschuldigt, Gebietsgrenzen zu ignorieren; jungen Männern wird Gewaltbereitschaft vorgeworfen. Fulani hingegen sind Opfer von Landraub und Erpressung durch lokale Behörden. Ab 2014 erfolgten Überfälle auf Hausa-Dörfer, die von ursprünglich lokalen Auseinandersetzungen weiter eskalierten. Es formierten sich staatlich unterstützte Bürgerwehren, die häufig undifferenzierte Rachezüge verübten. Städte entwickelten sich zu Gefahrenzonen und einige Fulani-Gemeinschaften wurden in die Wälder vertrieben. Im Gegenzug schlossen sich Fulani-Milizen aus der gesamten Region zusammen und überfielen Hausa-Dörfer auf Motorrädern, mit dem Ziel alle männlichen Bewohner zu töten. (TNH, 19. Jänner 2021; TNH, 8. April 2021)[xxiii]

Weiter südlich, wo viele Bauern christlich sind, kommt zu dem Konflikt eine religiöse Komponente hinzu. Im Jahr 2020 wurden in Kaduna bei Zusammenstößen zwischen den Gemeinschaften in den ersten 7 Monaten 366 Menschen getötet. In den letzten Jahren entwickelte sich Zug um Zug eine Gewaltspirale, die geschätzte 50.000 Todesopfer forderte. (TNH, 17. Dezember 2020)

Menschen in ländlichen Gebieten in Kaduna, Katsina, Niger, Plateau, Sokoto, Taraba and Zamfara berichten von einem Leben in ständiger Angst vor Angriffen. Es kommt auch immer wieder zu Entführungen. Die Vorfälle eskalierten im ersten Halbjahr 2020 zunehmend. Unter den Angriffen waren mindestens sechs Massenentführungen von Schüler·innen und Universitätsstudent·innen (AI, 24. August 2020; Jamestown Foundation, 2. Juli 2021[xxiv]) Zwischen Jänner und Juni 2020 wurden im Nordwesten 1.126 Personen getötet, 210.000 vertrieben und 70.000 Menschen flüchteten in den Niger (HRW, 13. Jänner 2021)

In Kaduna wurden im Juli 2021 aufgrund der schlechten Sicherheitslage durch häufige Entführungen für mehrere Wochen alle Schulen geschlossen (Reuters, 26. Juli 2021; CSW, 7. Juli 2021).

In Zamfara ließ die Regierung im September 2021 alle Mobilfunk-Sendemasten abschalten, um die Gangaktivitäten in der Region einzudämmen. Die Kommunikation zwischen den Gangs und ihren Informant·innen sowie Lösegeldverhandlungen mit den Familien der Entführten sollen auf diese Weise verhindert werden. (BBC, 12. September 2021)

4.2. Aktuelle Lage

Im Bundesstaat Zamfara stürmten bewaffnete Gruppen am 15. August eine öffentliche Schule in der Stadt Bakura, töteten drei Menschen und entführten 19. Am selben Tag griffen bewaffnete Gruppen das Dorf Randa im Gebiet Maru an, töteten 13 Menschen und entführten über 30 weitere. Im Bundesstaat Kaduna töteten bewaffnete Gruppen am 3. August 25 Menschen in vier Dörfern im Gebiet Kauru und am 22. August mindestens neun Menschen im Gebiet Zangon Kataf. Im Bundesstaat Sokoto tötete eine bewaffnete Gruppe am 14. August neun Menschen in drei Dörfern im Gebiet Goronyo. Das Militär meldete die Tötung von über 200 Mitgliedern bewaffneter Gruppen vom 2. bis 15. August bei Luft- und Bodenoperationen in den Bundesstaaten Niger und Zamfara. (ICG, August 2021)

Die Gewalt bewaffneter Gruppen forderte Dutzende von Toten und zahlreiche Entführungen im Nordwesten, insbesondere im Bundesstaat Zamfara: 49 Tote im Gebiet Maradun am 8. Juli 2021; 20 entführte Bauern im Gebiet Bakura am 16. Juli; 150 entführte Dorfbewohner·innen im Gebiet Shinkafi am 16. und 17. Juli; mindestens 13 getötete Polizist·innen im Gebiet Bungudu am 18. Juli. (ICG, Juli 2021)

Am selben Tag stürzte ein Alpha-Jet der Luftwaffe in Zamfara ab, nachdem er unter Beschuss geraten war. Dies bestätigte, dass bewaffnete Gruppen über Fähigkeiten zur Luftabwehr verfügen. (ICG, Juli 2021; BBC, 19. Juli 2021)

Im Bundesstaat Katsina tötete eine bewaffnete Gruppe am 4. und 5. Juli mindestens 20 Menschen in drei Dörfern im Gebiet Batsari. Im Bundesstaat Kaduna entführten Bewaffnete am 5. Juli 121 Studenten in der Nähe der Hauptstadt des Bundesstaates; bewaffnete Gruppen töteten am 8. und 13. Juli 33 Menschen in der Region Zangon Kataf. (ICG, Juli 2021)

Anfang Juli 2021 wurden mindestens 26 Schüler·innen und ein Lehrer oder eine Lehrerin gerettet, nachdem bewaffnete Männer am frühen Montag eine private Sekundarschule im nordwestlichen Bundesstaat Kaduna in Nigeria überfallen und angeblich über 140 Personen entführt hatten. (CNN, 6 July 2021)

Im Juni 2021 setzten bewaffnete Gruppen ihre Angriffe und Massenentführungen fort, wobei über 250 Menschen getötet und Tausende vertrieben wurden. Im Bundesstaat Kebbi wurden am 3. Juni in der Region Danko-Wasagu 88 Menschen getötet und am 17. Juni in der Stadt Birnin Yauri 102 entführt. Im Bundesstaat Zamfara wurden in den Gebieten Zurmi und Maru vom 6. bis 10. Juni mindestens 137 Menschen getötet und über 100 entführt. (ICG, Juni 2021)

5. Südliches Nigeria (Piraterie, Kriminalität, militante Gruppen, Biafra-Unabhängigkeitsbewegung, Polizeigewalt)

(Bundesstaaten: Abia, Anambra, Ebonyi, Enugu, Imo (Südost); Akwa-Ibom, Bayelsa, Cross River, Delta, Edo, Rivers (Süd-süd); Ekiti, Lagos, Ogun, Ondo, Osun, Oyo (Süd-west)

5.1. Allgemeine Informationen

Das im Süden Nigerias gelegene Nigerdelta ist reich an Ressourcen aber von Unsicherheit betroffen (ICG, 29. September 2015, S. 1). Der Konflikt im Nigerdelta ist durch Vandalismus an Erdöleinrichtungen, massiven Diebstahl in Verbindung mit der Erdölproduktion, Protesten wegen Umweltverschmutzung, Entführungen zur Erpressung von Lösegeld, Unsicherheit und Gewalt zwischen Gemeinschaften gekennzeichnet. Die Forderungen der verschiedenen militanten Gruppen variieren, schließen aber oft eine größere Autonomie für die Region und einen größeren Anteil der Einkünfte aus dem Erdölgeschäft ein (African Centre for the Constructive Resolution of Disputes, 5. September 2019)[xxv]. Der von der Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) angeführte Aufstand hatte die nigerianische Ölindustrie und die Einkünfte aus den Exporten zum Erliegen gebracht. Im Juni 2009 wurde der Aufstand durch eine Amnestie für die Aufständischen beendet. Eine gewisse Stabilität konnte wiederhergestellt werden (ICG, 29. September 2015, S. 1). In Folge der Amnestie ist es zu einer Verringerung des Gewaltniveaus gekommen, jedoch ist dieses im Jahr 2014 erneut angestiegen (USDOS, 25. Juni 2015, Executive Summary). Die Präsidentschaft von Präsident Jonathan von 2010 bis 2015, Geldleistungen und Ausbildung für die ehemaligen Aufständischen und Vereinbarungen mit Anführern des Aufstands konnten die Konflikte aber unter Kontrolle halten (ICG, 29. September 2015, S. 1).

2016 griffen neue militante Gruppen, die verschiedene Forderungen stellten, jedoch wieder zu den Waffen. Die Namen der Gruppen änderten sich zwar, doch es besteht kein Zweifel, dass dies „alter Wein in neuen Flaschen“ ist. Die neuen militanten Gruppen beharren weiterhin auf Kontrolle der Ressourcen und führen Anschläge auf Erdöleinrichtungen durch. (African Centre for the Constructive Resolution of Disputes, 12. September 2017) Seit die Regierung im November 2016 mit Anführer·innen lokaler Gruppierungen und politischer Bewegungen in der Region Gespräche führte, kam es nicht mehr zu größeren Anschlägen auf Erdöleinrichtungen durch militante Gruppen im Nigerdelta. Trotzdem ist die Lage in der Region weiterhin fragil. Angriffe auf die Bevölkerungsgruppe der Igbos oder andere „Southeners“ im Norden könnten dazu führen, dass einige militante Gruppen im Nigerdelta erneut Erdöleinrichtungen angreifen, um entweder die Regierung unter Druck zu setzen, die Igbo-feindliche Gewalt zu beenden oder um kriminelle Aktivitäten zu verschleiern. (ICG, 20. Juli 2017)

Entführungen auf See waren im Jahr 2020 weiterhin weit verbreitet, da sich militante Gruppen der Piraterie und damit verbundenen Verbrechen widmeten. (USDOS, 30. März 2021, Section 1b) Im Jahr 2020 wurden im Golf von Guinea 130 Fälle von Piraterie verzeichnet. Damit gab es dort nicht nur die weltweit meisten Überfälle auf See, sondern auch einen neuen Rekordwert seit 2019. (Reuters, 13. Jänner 2021)

Im Oktober 2020 kam es in der Stadt Lagos zu einer großen Protestbewegung gegen Polizeigewalt, insbesondere gegen die Spezialeinheit Special Anti-Robbery Squad (SARS). Die unter ENDSARS bekannt gewordenen Proteste wurden brutal niedergeschlagen. (AI, 7. April 2021; BBC, 15. November 2020)

Die Bundesregierung ordnete am 4. Juni an, dass Internetprovider den Zugang zur Social-Media-Plattform Twitter sperren. Der Schritt erfolgte, nachdem Twitter das Konto von Präsident Buhari gesperrt und einen Beitrag entfernt hatte, in dem er verkündete, Biafra-Abspaltungsgruppen „in der Sprache zu behandeln, die sie verstehen“. Zahlreiche Menschenrechtsgruppen protestierten gegen die Sperrung als Versuch, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. (ICG, Juni 2021)

5.2. Aktuelle Lage

Am 12. September 2021 stürmten schwer bewaffnete Männer ein Gefängnis in Südnigeria, sprengten den Zaun und befreiten 266 Insassen - nach Angaben der Behörden fast alle Insassen des Gefängnisses. Ein Soldat und ein Polizist wurden bei dem Angriff getötet, zwei Wärter werden vermisst, wie das Innenministerium mitteilte. Es war der zweite große Ausbruch aus einem Gefängnis in Nigeria im Jahr 2021. (Reuters, 13. September 2021) Etwa die Hälfte der Entflohenen Häftlinge wurden am 14. September wieder gefasst (Reuters, 14. September 2021).

Im Südosten nahm die Gewalt zwischen den Sicherheitskräften und mutmaßlichen Mitgliedern der verbotenen Separatistengruppe Indigenous People of Biafra (IPOB) im August 2021 wieder zu. Im Bundesstaat Imo griffen Bewaffnete am 5. und 13. August Polizeistationen in den Städten Orlu und Izombe an und töteten mindestens drei BeamtInnen; am 16. August überfielen sie einen Konvoi, in dem sich Mitarbeiter·innen der Erdölindustrie befanden, und töteten sieben Personen; die Polizei machte Separatisten verantwortlich, doch die IPOB bestritt eine Beteiligung. (ICG, August 2021)

Die Gewalt zwischen den Regierungskräften und der Separatistengruppe Indigenous People of Biafra und ihrem bewaffneten Flügel Eastern Security Network ebbte im Südosten im Juli 2021 ab. Im Laufe des Monats wurden jedoch in fünf Bundesstaaten mindestens zehn Polizist·innen getötet. Im Südwesten stürmten staatliche Sicherheitskräfte am 1. Juli das Haus des ethnischen Yoruba-Separatisten Sunday Igboho, töteten zwei Helfer·innen, nahmen 13 Personen fest. Sunday Igboho riefen sie zur Fahndung aus und am 19. Juli wurde er in Benin festgenommen. ICG, Juli 2021)

Im Juni 2021 ging die Regierung gegen die verbotene Separatistengruppe Indigenous People of Biafra und ihren bewaffneten Flügel Eastern Security Network (ESN) vor. Am 6. Juni meldete die Regierung die Tötung von Dragon, einer Führungspersönlichkeit der IPOB/ESN, und am 26. Juni die Zerstörung von drei ESN-Lagern im Bundesstaat Imo. Der Generalstaatsanwalt teilte Ende Juni mit, dass IPOB-Führer Nnamdi Kanu am 27. Juni im Ausland verhaftet und nach Nigeria zurückgebracht wurde, um sich vor Gericht zu verantworten. Im Nigerdelta kündigte die bewaffnete Gruppe Niger Delta Avengers, die seit 2017 ruhte, am 26. Juni an, dass sie wieder Angriffe auf Erdölanlagen durchführen werde. (ICG, Juni 2021)

Amnesty International dokumentierte mindestens 115 Personen, die zwischen März und Juni 2021 von Sicherheitskräften getötet wurden. Viele Angehörige der Opfer erklärten gegenüber Amnesty International, dass sie nicht zu den Militanten gehörten, die die Sicherheitskräfte angriffen. Viele der Opfer wurden in staatliche Krankenhäuser in den Bundesstaaten Imo und Abia eingeliefert. Nach Angaben mehrerer Krankenhäuser hatten alle Opfer, die von der Polizei eingeliefert wurden, Schussverletzungen. (AI, 5. August 2021)

6. Weitere Quellen mit Informationen zur sicherheitsrelevanten Lage in Nigeria

Unter folgendem Link findet sich eine Datenbank des Projekts Nigeriawatch[xxvi], die gefiltert nach Bundesstaaten auf Gewaltvorfälle durchsucht werden kann:

Weitere Informationen zu sicherheitsrelevanten Entwicklungen finden sich auch unter
folgendem Link:

Weitere Überblickskarten zu Gewaltvorfällen in Nigeria finden sich auch unter folgenden Links:

7. Quellen:

(Zugriff auf alle Links am 27. September 2021)


[i] Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist eine staatliche Entwicklungszusammenarbeitsorganisation der Bundesrepublik Deutschland.

[ii] Germany Trade & Invest (GTAI) ist die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing.

[iii] Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist eine Politische Stiftung, die der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) nahesteht.

[iv] The Commonwealth Local Government Forum (CLGF) ist ein internationales Netzwerk, das alle Regierungsebenen verbindet. Es hat über 200 Mitglieder in 47 Commonwealth-Staaten, inclusive lokale Regierungsverbände, Räte und Ministerien mit lokaler Regierungsverantwortung sowie assoziierte Organisationen.

[v] The Conversation stellt unabhängige Nachrichten und Stellungnahmen aus der akademischen Forschungsgemeinschaft öffentlich zu Verfügung.

[vi] Das Congressional Research Service (CRS) ist der Recherchedienst des US-amerikanischen Kongresses.

[vii] Die British Broadcasting Corporation (BBC) ist eine britische Rundfunkanstalt.

[viii] Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts und Trägerin des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit.

[ix] Die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) ist eine Bundesbehörde, die staatsbürgerliche Bildung und Informationen zu politischen Themen für alle Menschen in Deutschland anbietet.

[x] Deutschlandfunk gehört zu Deutschlandradio, Körperschaft des öffentlichen Rechts, mit Sitz in Köln.

[xi] Die International Crisis Group (ICG) ist eine unabhängige, nicht profitorientierte Nicht-Regierungsorganisation, die mittels Informationen und Analysen gewaltsame Konflikte verhindern und lösen will.

[xii] Amnesty International (AI) ist eine internationale Menschenrechtsorganisation.

[xiii] Leif Brottem ist Associate Professor of Global Development Studies am Grinnell College. Er forscht zu Pastoralismus und ruralen Lebenformen in West- und Zentralafrika.

[xiv] Das US Department of State (USDOS) ist das US-amerikanische Außenministerium.

[xv] Christian Solidarity Worldwide (CSW) ist eine christliche Advocacy-Organisation, die weltweit für Religionsfreiheit eintritt und in Sachen Religionsfreiheit auf Regierungen einwirkt.

[xvi] Die Zeit ist eine deutsche Wochenzeitung

[xvii] Das Institute for Economics and Peace (IEP) ist eine Denkfabrik mit Sitz in Sydney, die sich für ein besseres Verständnis der sozialen und wirtschaftlichen Faktoren einsetzt, die zu einer friedlicheren Gesellschaft führen.

[xviii] United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) ist das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationan.

[xix] Human Rights Watch (HRW) ist eine internationale Menschenrechtsorganisation.

[xx] Thomson Reuters (Reuters) ist eine internationale Nachrichtenagentur.

[xxi] Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF), eine internationale Organisation für medizinische Nothilfe.

[xxii] Der Standard ist eine österreichische Tageszeitung.

[xxiii] The New Humanitarian (TNH) (ehemals IRIN News) ist eine unanbhängige non-profit Nachrichtenorganisation. Sie wurde 1995 von den Vereinten Nationen infolge des Genozids in Ruanda gegründet.

[xxiv] Die Jamestown Foundation, eine unabhängige, unparteiische und gemeinnützige Organisation, die Informationen zu Terrorismus, den ehemaligen Sowjetrepubliken, Tschetschenien, China und Nordkorea zur Verfügung stellt.

[xxv] Das African Centre for the Constructive Resolution of Disputes ist eine südafrikanische zivilgesellschaftliche Organisation, die in ganz Afrika im Bereich Konfliktverhinderung tätig ist.

[xxvi] Nigeriawatch ist ein Projekt, das von der University of Ibadan mit Unterstützung des French Institute for Research in Africa (IFRA-Nigeria) betrieben wird

[xxvii] Assessment Capacities Project (ACAPS) ist ein Konsortium der beiden NGOs Norwegian Refugee Council und Save the Children mit Sitz in Genf.

[xxviii] Der Council on Foreign Relations (CFR) ist eine private US-amerikanische Denkfabrik mit Fokus auf weltweiten außenpolitischen Themen.

[xxix] Partners for Peace (P4P) ist ein Programm des Fund for Peace (FfP), das sich für ein friedliches Nigerdelta einsetzt

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