ecoi.net-Themendossier zu Nigeria: Sicherheitslage

Die ecoi.net-Themendossiers bieten einen Überblick zu einem ausgewählten Thema. Das Themendossier Nigeria behandelt die wichtigsten aktuellen sicherheitsrelevanten Vorfälle, gegliedert in die drei Landesteile Nord-, Süd-, und Zentralnigeria. Die Informationen stammen aus ausgewählten Quellen und erheben nicht den Anspruch vollständig zu sein.

1. Allgemeine Informationen
2. Der zentrale Landesteil und Abuja
2.1. Allgemeine Informationen
2.2. Aktuelle Lage
3. Nördliche Bundesstaaten (Boko Haram und ISIS-West Africa)
3.1. Allgemeine Informationen
3.2. Aktuelle Lage
4. Südnigeria, Biafra und das Nigerdelta
4.1. Allgemeine Informationen
4.2. Aktuelle Lage
5. Weitere Quellen mit Informationen zur sicherheitsrelevanten Lage in Nigeria
6. Quellen

1. Allgemeine Informationen

Nigeria ist die größte Volkswirtschaft Afrikas, mit 175 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land des Kontinents und zudem eine Gestaltungsmacht auf dem afrikanischen Kontinent und in der Welt. Das Land steht allerdings vor großen Herausforderungen, da die Erträge aus der Erdölförderung bisher kaum armutsreduzierende Wirkung hatten. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben in extremer Armut und es herrscht hohe Arbeitslosigkeit (GIZ, ohne Datum)i. Korruption und Missregierung haben die Autorität und Legitimität des Staates untergraben. Trotz umfangreicher Erdölvorkommen liegen die Indikatoren für menschliche Entwicklung unter den weltweit Niedrigsten. (CRS, 1. Februar 2019, Summary)ii

Nigeria umfasst 36 Bundesstaaten, die in 774 lokale Regierungsgebiete (Local Government Areas, LGAs), und das Bundesterritorium Abuja (Federal Capital Territory, FCT, gegliedert sind. Jeder Bundesstaat verfügt über eine Regierung und über ein Landesparlament (State House of Assembly). (GIZ, Dezember 2015)

Nach dem Ende der Militärherrschaft im Mai 1999 wurde die vierte Republik mit der Wahl von Olusegun Obasanjo ausgerufen. Seither war der Konflikt in Nigeria von einem Aufstand im Nigerdelta, periodischen Gewaltsausbrüchen im „Middle Belt“ und einem Anstieg von Gewalt im Nordosten gekennzeichnet (FfP, 21. April 2014)iii. Nach dem Tod von Präsident Yar’Adua, der Obasanjo nachfolgte, wurde 2011 Goodluck Jonathan zum Präsidenten gewählt (USDOS, 25. Juni 2015, Executive Summary)iv. Seit Mai 2015 ist Muhammadu Buhari der Präsident Nigerias (BBC, 2. Oktober 2015)v. Bei den Wahlen im Februar 2019 wurde Buhari erneut gewählt. Die SWP schreibt nach Verkündung des Wahlsiegers durch die unabhängige nigerianische Wahlkommission INEC (Independent National Electoral Commission): “Dass sich die Sicherheits- und Wirtschaftslage in Nigeria mit der Wiederwahl Buharis grundlegend ändern wird, ist nicht zu erwarten. Buhari ist prinzipiell mit den gleichen Ankündigungen in die Wahl gegangen wie vor vier Jahren. Die Bilanz der ersten Amtszeit ist nicht sonderlich erfolgreich, Impulse für eine Trendwende sind nicht zu erkennen. Es sieht eher nach reinem Machterhalt aus.” (SWP, April 2019, pp. 1-3)vi

Ethnische und religiöse Konflikte sind in Nigeria alltäglich. Zehntausende NigerianerInnen wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten bei religiös motivierten und Zusammenstößen zwischen Gemeinschaften getötet. Ethnische, regionale und religiöse Spaltung stünden oftmals mit dem Zugang zu Land, Arbeit und sozioökonomischer Entwicklung in Zusammenhang und werden manchmal von PolitikerInnen angeheizt. Die gewaltsame islamistische Gruppe Boko Haram trägt seit 2009 zu einer starken Verschlechterung der Sicherheitsbedingungen im Nordwesten des Landes bei. In der südlichen Delta-Region werden Konflikte und Kriminalität seit Jahrzehnten durch lokale Missstände in Zusammenhang mit der Erdölproduktion im Gebiet angefacht. Mittels unregelmäßiger Verhandlungen zwischen der Regierung und den örtlichen Milizen und eines andauernden Amnestieprogramms hat sich die Region beruhigt. 2016 kam es kurzzeitig zu einem Anstieg der Angriffe auf Erdöleinrichtungen, die weiterhin eine Bedrohung für die Stabilität und die Erdölproduktion darstellen. Proteste im von der ethnischen Gruppe der Igbo dominierten Südosten gegen vermeintliche Marginalisierung führten zu Zusammenstößen mit Sicherhitskräften. Im „Middle Belt“ stieg in den vergangenen Jahren der gewaltsame Wettkampf um Ressourcen zwischen nomadischen Hirten und sesshaften bäuerlichen Gemeinschaften, der sich auch auf die südlichen Bundesstaaten ausbreitet. (CRS, 1 February 2019, pp. 1-2)

2. Der zentrale Landesteil und Abuja

(Bundesstaaten: Adamawa, Benue, Federal Capital Territory, Kogi, Kwara, Nasarawa, Niger, Plateau, Taraba)

2.1. Allgemeine Informationen

Nigeria ist zwar hauptsächlich für die Öl- und Gasproduktion bekannt, jedoch sind 70 Prozent der Arbeitskräfte des Landes in der Landwirtschaft beschäftigt. Kleinbetriebe im Zentrum und Süden des Landes sind für den Großteil der Wurzelknollen- und Gemüseernte verantwortlich, während die Hirten im Norden den Großteil hinsichtlich Getreide und Viehbestand erwirtschaften. Historisch waren die Beziehungen zwischen den Hirten und den sesshaften Bauerngemeinschaften harmonisch. Das Vieh der Hirten düngte das Land der Bauern im Austausch für Weiderechte. Jedoch nahmen die Spannungen im Laufe des vergangenen Jahrzehnts mit gewaltsamen Zwischenfällen in den zentralen und südlichen Bundesstaaten zu. In mindestens 22 der 36 nigerianischen Bundesstaaten kam es bereits zu Zwischenfällen. (ICG, 19. September 2017, S. 1) vii

Der Bundesstaat Plateau liegt an der Grenze zwischen dem großteils christlichen Süden und überwiegend muslimischen Norden und ist seit Jahrzehnten von unregelmäßig auftretenden ethnischen und religiösen Spannungen betroffen. Die großteils landwirtschaftlich tätigen christlichen Gemeinschaften behaupten, dass sich die muslimischen Fulani-Hirten die Gebiete der sogenannten indigenen Bevölkerung aneignen möchten. Die Fulani entgegnen, dass sie von Diskriminierung betroffen sind und ihnen ihre grundlegenden Rechte, darunter der Zugang zu Land, Bildung und politischen Ämtern, verwehrt werden, obwohl sie seit Generationen in dem Gebiet leben. Seit 2000 sind in Plateau laut Beobachtern über 10.000 Menschen getötet worden. (AFP, 17. September 2015)viii

Religiös motivierte Gewalt ist insbesondere in der Stadt Jos ein Problem. Die Spannungen zwischen den Gemeinschaften im kulturell diversen „Middle Belt“ sind sowohl religiöser als auch ethnischer Natur und sind Resultat des Wettbewerbs über Ressourcen zwischen ethnischen Gruppen, die als „Siedler“ oder als „Indigene“ klassifiziert werden. In Jos werden die überwiegend christlichen Berom als Indigene angesehen, während die vorwiegend muslimischen Hausa-Fulani als Siedler angesehen werden. (CRS, 15. November 2013, S. 12)

Der gewaltsame Konflikt hat mittlerweile tribale, religiöse und regionale Dimensionen angenommen. Jährlich werden im Middle Belt und in südlich davon gelegenen Gebieten etwa 2.500 Personen getötet. Der Konflikt ist bereits so tödlich, dass viele NigerianerInnen befürchten, er könne so gefährlich wie der Boko-Haram-Aufstand werden. (ICG, 20. Juli 2017)

Während des Jahres 2019 nahmen Konflikte zwischen Hirten und Farmern in den zentralen und nördlichen Bundesstaaten aufgrund Regierungsmaßnahmen und zivilgesellschaftlicher Konfliktlösungsmechanismen ab. Im Lauf des Jahres kam es jedoch zu „stillen Tötungen“, bei denen Personen verschwanden und später tot aufgefunden wurden. 2019 kam es in den Grenzgebieten der Bundesstaaten Nasarawa, Benue und Taraba unter den ethnischen Gruppen der Tiv, Kwalla, Jukun, Fulani und Azara weiterhin zu Konflikten wegen Landrechten. (USDOS, 11. März 2020, Section 6)

Weitere Informationen zu Zwischenfällen hinsichtlich des Konflikts zwischen Hirten und Bauern finden sich auch im Abschnitt zu den nördlichen Bundesstaaten.

2.2. Aktuelle Lage

Am 10. Juli 2020 wurden in der Ortschaft Chembe im Gebiet Logo im Bundesstaat Benue 7 Personen von unbekannten Angreifern getötet. Bei weiterer Gewalt zwischen Gemeinschaften wurden am 29. Juli 14 Personen in der Ortschaft Agbudu im Bundesstaat Kogi getötet. (ICG, August 2020)

Im Juni 2020 kam es weiterhin zu Gewalt zwischen Hirten und Bauern und ethnischen Gruppen. Am 3. Juni wurden 9 Personen im Bundesstaat Kaduna, am 14. Juni 9 Bauern im Bundesstaat Benue und am 19. Juni 3 Bauern im Bundesstaat Jigawa getötet. (ICG, Juli 2020)

Im Middle Belt kam es im Mai 2020 zu Gewalt zwischen Gemeinschaften in den Bundesstaaten Adamawa, Taraba und Benue, bei der mindestens 80 Personen getötet wurden. Am 10. Mai wurden im Bundesstaat Taraba 8 Personen bei Kämpfen zwischen den ethnischen Gruppen der Ichen und Tiv getötet und am 19. Mai wurden 8 ethnische Fulani getötet. Im Bundesstaat Adamawa wurden bei Zusammenstößen zwischen den Gemeinschaften der Hausa und Chabo am 14. und 15. Mai 48 Personen getötet. Im Bundesstat Benue wurden im Mai mindestens 8 Personen im Gebiet Guma bei Gewalt zwischen Gemeinschaften und Gewalt seitens Banditen getötet. Bei Zusammenstößen zwischen Fulani-Hirten mit bäuerlichen Gemeinschaften in den Bundesstaaten Adamawa und Benue wurden am 12. Mai mindestens 8 Personen getötet. (ICG, Juni 2020)

Am 23. März 2020 setzten Sicherheitskräfte in Abuja scharfe Munition und Tränengas ein, um eine Demonstration von Mitgliedern der schiitischen Islamischen Bewegung Nigeria (IMN) aufzulösen. (HRW, 26. März 2020) ix

Im Bundesstaat Adamawa wurden bei Angriffen der Boko Haram mindestens drei SoldatInnen und mehrere ZivilistInnen bei Angriffen auf die Stadt Garkida am 21. und 22. Februar getötet. (ICG, März 2020)

Im Bundesstaat Plateau kam es weiter zu Zusammenstößen zwischen Hirten und Farmern. Am 9. Februar wurden in der Ortschaft Tyana drei ZivilistInnen von mutmaßlichen Hirten getötet und am 16. Februar zwei SoldatInnen in Barkin Ladi. Am 18. Februar setzten Sicherheitskräfte ein Fulani-Lager in Barkin Ladi in Brand, nachdem ein Ultimatum zur Auslieferung der Angreifer ausgelaufen war. (ICG, März 2020)

Die Boko Haram tötete am 20. Jänner den örtlichen Anführer einer christlichen Vereinigung im Bundesstaat Adamawa. (ICG, Februar, 2020)

Im Middle Belt kam es im Jänner 2020 weiterhin zu Gewalt. Am 1. Jänner wurden 30 Personen in der Stadt Tawari im Bundesstaat Kogi getötet. Im Bundesstaat Plateau wurden am 9. Jänner zwölf Personen bei Zusammenstößen zwischen Viehdieben und örtlichen Jugendlichen in der Ortschaft Kulben getötet und am 27. Jänner in der Ortschaft Kwatas 23 Personen. (ICG, Februar, 2020)

Am 28. September 2019 griffen mutmaßliche Jukun-Milizen die Tiv-Gemeinschaft in der Ortschaft Akume im Bundesstaat Taraba an, obwohl zwei Tage zuvor Vertreter der beiden ethnischen Gruppen einen Waffenstillstand vereinbart hatten. Seit April 2019 kommt es zu erneuter Gewalt. (ACLED, 2. Oktober 2019, S. 2)

Am 1. September 2019 wurden bei einem Angriff einer nicht identifizierten Gruppe auf Takum, im Bundesstaat Taraba, 14 ZivilistInnen getötet. Bei einem Vergeltungsangriff von Jukun-Jugendlichen am folgenden Tag wurden fünf als Angreifer verdächtigte Personen enthauptet. Die gegenwärtige Krise zwischen den Gemeinschaften der Tiv und Jukun brach im April 2019 aus. (ACLED, 10. September 2019, S. 1-2)

Elf DemonstrantInnen, ein Journalist und ein Polizist wurden am 22. Juli 2019 getötet, als die nigerianische Polizei das Feuer bei einer Demonstration des schiitischen Islamic Movement in Nigeria (IMN) in Abuja eröffnete. Laut Augenzeugen und offiziellen Angaben wurden Dutzende weitere Personen verletzt oder verhaftet. (HRW, 24. Juli 2019)

Zwischen 1. Jänner und 30. Juni 2019 kam es unter anderem in vielen Bundesstaaten des „Middle Belt“ bei gewaltsamen Vorfällen zwischen Bauern und Hirten zu schweren menschlichen und materiellen Verlusten, sowie zu Vertreibungen. (UN Security Council, 5. Juli 2019, S. 4-5) x

In Wukari im Bundesstaat Taraba kam es Ende Juni 2019 weiterhin zu interkommunalen Konflikten zwischen den Tiv und Junkun, wobei 20 ZivilistInnen Berichten zufolge von Tiv-Milizen getötet wurden. (ACLED, 1. Juli 2019) xi

Trotz der Unterzeichnung einer Friedensvereinbarung zwischen Anführern der Tiv und der Junkun am 11. Juni 2019 kam es in Wukari zu interkommunaler Gewalt zwischen den beiden Gruppen, mit 22 toten ZivilistInnen. (ACLED, 25. Juni 2019)

Nahe Wukari im Bundesstaat Taraba, wurden am 4. Juni 2019 bei interkommunaler Gewalt 12 Angehörige der Tiv getötet. (ACLED, 11. Juni 2019)

Am 14. April 2019 wurden 16 Personen im Gebiet Akwanga im Bundesstaat Nasarawa während Spannungen zwischen Farmern und Hirten getötet. Am 17. April 2019 wurden 15 Personen bei Angriffen von Fulani-Hirten im Gebiet Numa im Bundesstaat Adamawa getötet und drei weitere verletzt. Zudem wurden am 19. April 2019 11 Personen im Bundesstaat Benue von unbekannten Bewaffneten getötet, während 40 weitere Personen vermisst werden. (ACLED, 23. April 2019, S. 2)

“Am Abend des 18.03.19 griffen Kämpfer der Terrororganisation Boko Haram die Stadt Michika (Hauptsitz der gleichnamigen Local Government Area, Bundesstaat Adamawa) an und versuchten eine dort befindliche Bank auszurauben. Sie sollen die Bank sowie einige Häuser angezündet haben. Nach längeren Gefechten mit der Armee konnten die Angreifer vertrieben werden”(BAMF, 25. März 2019, S. 6) xii

3. Nördliche Bundesstaaten (Boko Haram und ISIS-West Africa)

(Bundesstaaten: Bauchi, Borno, Gombe, Jigawa, Kaduna, Kano, Katsina, Kebbi, Sokoto, Yobe, Zamfara)

3.1. Allgemeine Informationen

Die Boko Haram entstand 1990 aus einer Gruppe radikalislamischer Jugendlicher in der Moschee Al-Hadschi Muhammadu Ndimi in Maiduguri, berichtet die International Crisis Group (ICG). Der ehemalige Anführer der Boko Haram, Mohammed Yusuf, war zuvor Prediger und Anführer des Jugendflügels der Salafistengruppe Ahl-Sunnah, Shababul Islam (Vorhut der Islamischen Jugend, Islamic Youth Vanguard) (ICG, 3. April 2014, S. 7). Laut der deutschen Wochenzeitung Die Zeit sehen Experten „die anfängliche Attraktivität von Boko Haram vor allem in den politischen und sozialen Verhältnissen im Norden Nigerias begründet: Die Gesellschaft ist ethnisch und religiös zersplittert, Armut und Arbeitslosigkeit höher als in anderen Landesteilen. Der Staat kommt seinen Aufgaben nur bedingt nach, die Lokalregierungen sind oft korrupt. Während die Gruppe in den ersten Jahren gewaltlos agierte, radikalisierte sie sich etwa ab 2009 und bekämpft seither aktiv den nigerianischen Staat.“ (Die Zeit, letzte Aktualisierung 18. November 2015)xiii

Amnesty International (AI) zufolge wurden im Jahr 2014 über 4.000 Menschen von der Boko Haram getötet, obwohl die tatsächliche Anzahl der Toten vermutlich höher sei. In den ersten drei Monaten des Jahres 2015 töteten Kämpfer der Boko Haram mindestens 1.500 Menschen. Seit Juli 2014 nahm die Boko Haram größere Städte ein. Im Februar 2015 kontrollierte die Gruppe den Großteil des Bundesstaats Borno, sowie die Bundesstaaten Adamawa und Yobe. Im August 2014 erklärte der Anführer der Boko Haram, Abubakar Shekau, die von der Gruppe kontrollierten Gebiete zum Kalifat (AI, 13. April 2015, S. 3) xiv. Später schwor Shekau dem Islamischen Staat (IS; ISIS) die Treue, worauf das von der Boko Haram kontrollierte Gebiet vom IS als „Islamic State of West Africa Province“ als Teil des angestrebten globalen Kalifats bezeichnet wurde (BBC, 4. Mai 2015). Als Reaktion auf den Treueschwur Boko Harams zum ‚Islamischen Staat‘ starten Nigerias Nachbarländer Tschad und Niger am 8. März eine Militäroffensive auf nigerianischem Boden (Die Zeit, letzte Aktualisierung 18. November 2015). Laut dem Global Terrorism Index der Denkfabrik Institute for Economics and Peace ist die Boko Haram aktuell die weltweit tödlichste terroristische Gruppe. Für das Jahr 2015 wird der Gruppe die Verantwortung für 6.644 Tote zugeschrieben (IEP, November 2015, S. 4)xv.

Im August 2016 verkündete ISIS, dass Abubakar Shekau von Abu Musab al-Barnawi als neuer Anführer der Gruppe ersetzt wird. Wegen interner Kämpfe kam es zu einer Trennung der Gruppe. Shekau verfügt hauptsächlich im Sambisa Forest weiterhin über Anhänger und Unterstützer. Diese Gruppe ist als Boko Haram bekannt. Die Regierungen Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun bezeichnen jedoch beide Gruppen als Boko Haram, mit der Differenzierung „Shekau-Fraktion“ und „al-Barnawi-Fraktion“. (USDOS, 19 September 2018).

Seit der Angelobung von Präsident Buhari im Mai 2015 wurden effektivere Maßnahmen gegen die Aufständischen ergriffen. Die Aufständischen konnten aus dem Großteil der zuvor von ihnen kotrollierten Gebiete vertrieben werden. Berichten zufolge änderten die Aufständischen ihre Taktik in Richtung asymmetrische Kriegsführung, darunter Entführungen, Vergewaltigung, Zwangsrekrutierung von Kindern und Jugendlichen, Selbstmordanschläge und sexuelle Versklavung. Laut ExpertInnen ist ein umfassender militärischer Sieg jedoch unwahrscheinlich und die Sicherheit ist weiterhin beträchtlich durch die Aufständischen bedroht. (UNHCR, Oktober 2016, S. 1-2) xvi

Im Jahr 2018 führten Boko Haram und ISIS-West Africa (ISIS-WA) weiterhin Angriffe gegen Regierungs- und Sicherheitskräfte im Nordosten des Landes durch. Die Boko-Haram-Angriffe richteten sich scheinbar sowohl gegen ZivilistInnen als auch Regierungsbeamte, während Angriffe von ISIS-WA sich im Allgemeinen gegen Regierungs- und Sicherheitskräfte richteten. Mit Stand Ende 2018 verfügten Boko Haram und ISIS-WA über fast gänzliche Bewegungsfreiheit in den Bundesstaaten Borno und Yobe. 2018 führten Boko Haram und ISIS-WA zwischen 600 und 700 Angriffe in Nigeria durch. (USDOS, 1. November 2019)

Im Jahr 2019 führten die Boko Haram und ISIS-West Africa Angriffe auf Bevölkerungszentren und Sicherheitskräfte im Bundesstaat Borno durch. Die Boko Haram führte zudem in eingeschränktem Ausmaß Anschläge im Bundesstaat Adamawa durch, während ISIS-WA Ziele im Bundesstaat Yobe angriff. Die Boko Haram kontrollierte zwar nicht mehr so viel Territorium wie zuvor, jedoch war es beiden Gruppen im Nordosten des Landes weiterhin möglich, Anschläge auf militärische und zivile Ziele durchzuführen. (USDOS, 11. März 2020, Section 1g)

3.2. Aktuelle Lage

Am 10. Juli 2020 wurden in der Ortschaft Chembe im Gebiet Logo im Bundesstaat Benue 7 Personen von unbekannten Angreifern getötet. Bei weiterer Gewalt zwischen Gemeinschaften wurden am 29. Juli 14 Personen in der Ortschaft Agbudu im Bundesstaat Kogi getötet. (ICG, August 2020)

Im Juni 2020 kam es weiterhin zu Gewalt zwischen Hirten und Bauern und ethnischen Gruppen. Am 3. Juni wurden 9 Personen im Bundesstaat Kaduna, am 14. Juni 9 Bauern im Bundesstaat Benue und am 19. Juni 3 Bauern im Bundesstaat Jigawa getötet. (ICG, Juli 2020)

Im Middle Belt kam es im Mai 2020 zu Gewalt zwischen Gemeinschaften in den Bundesstaaten Adamawa, Taraba und Benue, bei der mindestens 80 Personen getötet wurden. Am 10. Mai wurden im Bundesstaat Taraba 8 Personen bei Kämpfen zwischen den ethnischen Gruppen der Ichen und Tiv getötet und am 19. Mai wurden 8 ethnische Fulani getötet. Im Bundesstaat Adamawa wurden bei Zusammenstößen zwischen den Gemeinschaften der Hausa und Chabo am 14. und 15. Mai 48 Personen getötet. Im Bundesstat Benue wurden im Mai mindestens 8 Personen im Gebiet Guma bei Gewalt zwischen Gemeinschaften und Gewalt seitens Banditen getötet. Bei Zusammenstößen zwischen Fulani-Hirten mit bäuerlichen Gemeinschaften in den Bundesstaaten Adamawa und Benue wurden am 12. Mai mindestens 8 Personen getötet. (ICG, Juni 2020)

Zwischen 7. und 16. Juli 2020 töteten mutmaßliche Mitglieder von ISIS-WA 50 Soldaten. Am 13. und 19. Juli schlugen Soldaten Angriffe von Aufständischen auf Maiduguri und Damasak zurück. 8 ISIS-Kommandanten wurden getötet. Die ISIS-WA tötete fünf MitarbeiterInnen humanitärer Organisationen, die im Juni 2020 entführt worden waren. Am 30. Juli feuerte ISIS-WA Granaten auf die Stadt Maiduguri. 7 Personen wurden dabei getötet. Militärangaben zufolge wurden zwischen 1. und 31. Juli bei Einsätzen 80 bewaffnete Männer getötet, während bewaffnete Gruppen weiterhin Angriffe in den Bundesstaaten Katsina und Zamfara durchführten. In Katsina wurden mindestens 25 Personen bei Angriffen unbekannter Bewaffneter am 6. Juli getötet. Am 18. Juli wurden 7 Kinder bei der Explosion eines Sprengkörpers im Gebiet Malumfashi getötet. Am selben Tag griff eine bewaffnete Gruppe eine Armeeeinheit im Gebiet Jibia an. Mindestens 23 Soldaten wurden getötet. Am 20. Juli wurden 17 Frauen in der Stadt Zakka entführt. Im Bundesstaat Zamfara wurden bei einem Angriff einer bewaffneten Gruppe am 6. Juli 7 Personen getötet und 20 entführt. Am 9., 20. und 23. Juli bombardierte die Luftwaffe Verstecke bewaffneter Gruppen in Zamfara. Die genaue Anzahl der Toten war nicht bekannt. Die Armee berichtete, dass es Hinweise auf Verbindungen zwischen den bewaffneten Gruppen und den dschihadistischen Gruppen gebe.
Zwischen 9. und 24. Juli 2020 wurden bei bewaffneten Angriffen auf bäuerliche Gemeinschaften im Bundesstaat Kaduna in den Gebieten Kaura, Kajuru, Kauru und Zangon Kataf zudem über 70 BewohnerInnen getötet. (ICG, August 2020)

Im Bundesstaat Borno wurden laut Angaben eines örtlichen Sicherheitsbeamten von 1. bis 11. Juni 2020 von Aufständischen 19 Angriffe durchgeführt. Am 9. Juni wurden etwa 81 Personen von ISIS-WA getötet und 7 weiter entführt. Am 11. Juni veröffentlichte ISIS-WA ein Video, dass die Hinrichtung eines entführten Soldaten und eines Polizisten zeigte. Am 13. Juni wurden mindestens 35 Personen bei Angriffen der Gruppe auf die Ortschaft Usmanati Goni im Gebiet Nganzai getötet. Am 28. Juni veröffentlichte ISIS-WA ein Video, dass 5 zuvor entführte MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen zeigte und forderte Berichten zufolge 500.000 US-Dollar Lösegeld. Am 11. Juni wurden bei Angriffen von Aufständischen auf die Stadt Monguno mindestens 41 Aufständische und 2 Soldaten getötet. Bei Zusammenstößen zwischen Aufständischen und Soldaten entlang der Straße Maiduguri-Damboa-Biu wurden mindestens 20 Aufständische und 10 Soldaten getötet.
Am 5. Juni wurden bei Militärangriffen im Bundesstaat Kaduna 70 Mitglieder bewaffneter Gruppen getötet und am 23. Juni im Bundesstaat Zamfara viele weitere, darunter ein bekannter Anführer. Bewaffnete griffen im Juni 2020 weiterhin Ortschaften in den Bundesstaaten Katsina, Zamfara und Niger an und töteten über 140 ZivilistInnen. Zudem wurden Dutzende ZivilistInnen entführt. Am 9. Juni etwa wurden 60 BewohnerInnen in den Gebieten Faskari, Dandume und Sabuwa im Bundesstaat Katsina getötet und am 2. und 3. Juni mindestens 21 in den Gebieten Maru und Talata Mafara im Bundesstaat Zamfara. Am 20. Juni wurden im Gebiet Maru mindestens 26 BewohnerInnen getötet. (ICG, Juli 2020)

Im Nordwesten des Landes wurden im Mai 2020 mindestens 160 ZivilistInnen in den Bundesstaaten Katsina, Niger, Zamfara, Kaduna und Sokoto bei Angriffen bewaffneter Gruppen getötet. Im Bundesstaat Katsina töteten unbekannte Bewaffnete zwischen 13. und 17. Mai mindestens 21 Personen und am 28. Mai weitere 15 Personen. Im Bundesstaat Niger entführten Bewaffnete am 13. Mai 4 Bauarbeiter und forderten später Lösegeld. Im Bundesstaat Zamfara töteten Bewaffnete am 19. Mai mindestens 15 Personen im Gebiet Tsafe. Im Bundesstaat Kaduna wurden bei Angriffen auf Ortschaften im Gebiet Kajuru mindestens 35 Personen getötet. Im Bundesstaat Sokoto wurden bei Angriffen auf mehrere Ortschaften im Gebiet Sabon Birnin mindestens 74 Personen getötet. Am 28. Mai berichtete das Militär, dass bei Einsätzen im Nordwesten zwischen 6. und 28. Mai mindestens 392 Banditen und weitere Personen getötet wurden.
Berichten zufolge wurden zwischen 1. und 17. Mai 215 mutmaßliche Mitglieder der Boko-Haram-Fraktionen JAS (Gruppe von Abubakar Shekau) und ISIS-WA getötet. Es kam jedoch weiterhin zu dschihadistischen Angriffen in den Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa. Am 17. Mai etwa wurden mindestens 20 ZivilistInnen im Bundesstaat Borno getötet. (ICG, Juni 2020)

Am 4. März 2020 wurden bei Zusammenstößen zwischen der Boko Haram und Regierungstruppen drei SoldatInnen und 19 Aufständische in der Stadt Damboa im Bundesstaat Borno getötet. Am 15. März wurden sechs SoldatInnen bei einem Angriff der Boko Haram im Gebiet Banki getötet. Bei Luftangriffen im Gebiet Tschadsee wurden am 18. März mehrere ISIS-Mitglieder getötet. Bei Anti-Terror-Einsätzen im Gebiet Gorgi wurden Militärangaben zufolge zwischen 21. und 23. März über 100 Boko-Haram-Mitglieder und 29 SoldatInnen getötet. Bei ISIS -Anschlägen auf Fahrzeuge nahe Maiduguri am 28. März wurden fünf Personen getötet. Bei einem Angriff der Boko Haram auf die Ortschaft Goneri im Bundesstaat Yobe wurden am 23. März etwa 50 SoldatInnen getötet. Sicherheitskräften zufolge gebe es Hinweise auf ein erneutes Auftauchen der Boko-Haram-Splittergruppe Ansaru. Bei Einsätzen in drei Ortschaften im Bundesstaat Kaduna wurden fünf Ansaru-Kommandanten und zwölf Banditen getötet. Bei Angriffen von Banditen in den Bundesstaaten Zamfara, Kaduna und Niger wurden im März über 110 Personen getötet. (ICG, April 2020)

Im Bundesstaat Borno kam es im Februar 2020 weiterhin zu Angriffen von ISIS und der Boko-Haram-Fraktion von Abubakar Shekau (Jama’tu Ahlis Sunna Lidda’awati wal-Jihad, JAS) auf Sicherheitskräfte und ZivilistInnen. Am 9. Februar wurden Berichten zufolge mindestens 30 ZivilistInnen in der Ortschaft Auno von mutmaßlichen Aufständischen getötet. Bei Zusammenstößen zwischen Boko-Haram-Kämpfern und Sicherheitskräften in den Gebieten Konduga, Magumeri und Kala-Balge wurden am 10. Februar drei SoldatInnen, drei Angehörige von Vigilantengruppen und sechs Aufständische getötet. Bei Einsätzen des Militärs wurden am 4. und 5. Februar im Gebiet Ngala ISIS-Kämpfer und am 8. und 9. Februar in den Gebieten Gwoza und Damboa Boko-Haram-Kämpfer getötet. (ICG, März 2020)

Im Bundesstaat Kaduna wurden bei Angriffen von Banditen zwischen 3 und 12. Februar mindestens 40 Personen getötet, während im Bundesstaat Katsina am 14. Februar 30 ZivilistInnen getötet wurden. Bei Zusammenstößen zwischen Banditen und Angehörigen von Vigilantengruppen im Bundesstaat Katsina wurden am 27. Februar 21 Personen getötet. Polizeiberichten zufolge wurden am 5. Februar bei einer Razzia auf ein Lager der dschihadistischen Gruppe Ansaru im Bundesstaat Kaduna über 250 Aufständische und Banditen sowie zwei Polizeibeamte getötet. Ansaru zufolge wurden 34 PolizistInnen getötet. (ICG, März 2020)

Im Bundesstaat Borno wurden bei Zusammenstößen zwischen dem Militär und der Boko Haram im Gebiet Konduga am 4. Jänner sechs Aufständische und vier Soldaten getötet. Die Boko Haram tötete am selben Tag drei ZivilistInnen im Gebiet Chibok. ISIS bekannte sich zu einem Angriff auf die Stadt Monguno, bei dem am 7. Jänner acht Soldaten getötet wurden. Zudem kam es im Jänner zu Angriffen von Aufständischen auf Reisende an der Straße zwischen Maiduguri und Damaturu. Am 20. Jänner tötete die Boko Haram 20 Vertriebene und einen Soldaten in der Stadt Ngala. Am 12. Jänner tötete das Militär vier ISIS-Kommandanten im Gebiet Tschadsee. Zwischen 24. und 25. Jänner seien zudem mehrere ISIS-Kämpfer durch Luftstreitkräfte getötet worden. Bei Selbstmordanschlägen in der Stadt Gwoza wurden am 26. Jänner drei Personen und außerhalb Maiduguris am 30. Jänner vier Personen getötet. Bei Einsätzen gegen Banditen in den Bundesstaaten Zamfara und Katsina wurden zwischen 16. Dezember 2019 und 9. Jänner 2020 laut Armeeangaben 106 Banditen getötet. Am 14. und 15. Jänner töteten Banditen 31 Personen im Bundesstaat Zamfara und zwischen 5. und 25. Jänner mindestens 20 im Bundesstaat Niger. Im Bundesstaat Kaduna töteten Bewaffnete zwischen 6. und 12. Jänner etwa 35 Personen. Die Gruppe Ansaru bekannte sich zu einem Angriff auf einen Konvoi eines traditionellen Führers, bei dem mindestens sechs Personen getötet wurden. (ICG, Februar, 2020)

Im November 2019 griffen Fulani-Milizen die Stadt Karaye im Bundesstaat Zamfara an und töteten 14 Menschen. Es wird vermutet, dass es sich dabei um einen Vergeltungsangriff für einen Angriff in Yansakai handelte, bei dem zuvor 9 Fulani-Hirten getötet worden waren. Im Bundesstaat Borno wurden zudem mindestens 8 Soldaten bei Zusammenstößen mit Boko-Haram-Kämpfern nahe Gwoza und Marte getötet. In Jubillaram führten Luftstreitkräfte Angriffe auf Stellungen der Boko Haram durch. (ACLED, 26 November 2019)

In Malam Fatori, im Bundesstaat Borno kam es im November 2019 zu zweitägigen Kämpfen zwischen Militärstreitkräften und Boko Haram/ISIS-WA. (ACLED, 19. November 2019, S. 1)

Die Boko Haram verkündete Ende Oktober 2019, dass sie eine Offensive gegen das Militär im Bundesstaat Sokoto begonnen habe. Es wird angenommen, dass viele Soldaten getötet wurden, jedoch ist die genaue Anzahl nicht bekannt. (ACLED, 30. Oktober 2019)

Am 25. September 2019 griff die Boko Haram im Bundesstaat Borno einen Militärkonvoi an und tötete 14 Soldaten. Am selben Tag führte die Armee Luftangriffe gegen die Boko Haram in Kusuma durch. In den folgenden Tagen griff die Boko Haram ZivilistInnen in Biu an, tötete sieben Menschen und entführte zehn weitere. Bei einem weiteren Angriff in Mafa wurden zwei Menschen getötet und ein Markt niedergebrannt. (ACLED, 2. Oktober 2019, S. 1-2)

Im September 2019 tötete die Boko Haram neun Mitglieder einer Familie im Bundesstaat Borno. (ACLED, 25 September 2019, S. 2) In den Bundesstaaten Katsina, Kaduna, Gombe und Bauchi wurden bei Demonstrationen der Islamischen Bewegung nach dem Einschreiten der Polizei mehrere DemonstrantInnen getötet. (ACLED, 17. September 2019, S. 2)

Im Bundesstaat Borno wurden bei einem Angriff der Boko Haram auf eine Militärstellung in Gajiram vier Sicherheitskräfte getötet. (ACLED, 10. September 2019, S. 2)

Laut Angaben des staatlichen nigerianischen Fernsehens wurden mindestens 65 Personen bei einem mutmaßlichen Angriff von Islamisten auf Besucher eines Begräbnisses getötet. Bislang bekannte sich keine Gruppe zu dem Anschlag, jedoch hatten die Boko Haram und die rivalisierende Splittergruppe Islamic State in West Africa (ISWA) zuvor oft Angriffe im Gebiet durchgeführt. (Reuters, 28. Juli 2019)

Im Juli 2019 kam es zu einem Angriff der Boko Haram auf das Binnenvertriebenenlager Dalori nahe Maiduguri im Bundesstaat Borno. Am 27. Juli 2019 wurden zudem mindestens 23 ZivilistInnen im Gebiet Nganzai im Bundesstaat Borno bei einem Selbstmordanschlag der Boko Haram auf Besucher eines Begräbnisses getötet (siehe auch oben erwähnten Vorfall). (ACLED, 30. Juli 2019)

Zwischen 29. Juni und 3. Juli kam es im Bundesstaat Katsina zu einer Serie von Angriffen auf ZivilistInnen. Bei Angriffen auf zehn Ortschaften in der Local Government Area (LGA) Kankara wurden 11 Personen und bei Angriffen auf drei Ortschaften in der LGA Dan Musa 17 Personen getötet. Es ist unklar, wer für die Angriffe verantwortlich ist. Im Bundesstaat Zamfara startete das Militär Angriffe gegen Milizen. In Bawa wurden zehn Milizangehörige getötet. Bei Luftangriffen in Dumburum und Munhaye wurden Berichten zufolge 30 Menschen getötet. (ACLED, 9. Juli 2019)

Ende Juni 2019 wurden bei Angriffen der Boko Haram auf Bauern und örtliche Gemeinschaften im Bundesstaat Borno 29 ZivilistInnen getötet. Im Bundesstaat Yobe griff die Boko Haram einen Miitärstützpunkt in Goniri an. Berichten zufolge wurden mehrere Boko-Haram-Kämpfer getötet. (ACLED, 1. Juli 2019)

Am 16. Juni 2019 kam es in Konduga zu einem dreifachen Sebstmordanschlag der Boko Haram, der von drei Kindern durchgeführt wurde. Berichten zufolge wurden 30 Menschen getötet. Bei Einsätzen des Militärs im Gebiet Baga [im Bundesstaat Borno] gegen Stützpunkte von Boko Haram und ISWA wurden 42 Menschen getötet. (ACLED, 25. Juni 2019)

Am 14. Juni 2019 kam es zu einem Anschlag der Boko Haram auf einen Militärstützpunkt in Kareto, im Bundesstaat Borno. Ein Militärangehöriger wurde getötet und die Aufständischen entwendeten Waffen und Fahrzeuge. Im Gebiet Shiroro im Bundestaat Niger wurden bei Angriffen einer unbekannten bewaffneten Gruppe auf acht Ortschaften 62 ZivilistInnen getötet. (ACLED, 17. Juni 2019)

Bei Militäreinsätzen gegen die Boko Haram im Bundesstaat Borno wurden Anfang Juni 20 an den Kampfhandlungen beteiligte Personen getötet. Im Bundesstaat Zamfara wurden am 3. Juni 2019 beim Angriff einer Miliz auf die Ortschaft Kanoma 16 ZivilistInnen getötet. Am 1. Juni 2019 wurden beim Angriff einer Miliz acht ZivilistInnen in der Ortschaft Lilo getötet. (ACLED, 11. Juni 2019)

Beim Angriff der Boko Haram auf einen IDP-Konvoi im Bundesstaat Borno am 26. Mai 2019 wurden 25 Personen, darunter fünf Soldaten getötet. Die Boko Haram griff im Bundesstaat Borno zudem das Bakassi-Binnenvertriebenenlager an, wobei fünf ZivilistInnen getötet wurden. Auch die Stadt Maiduguri im Bundesstaat Borno wurde am 28. Mai 2019 Ziel eines Boko-Haram-Angriffs, jedoch wurden keine Todesfälle bestätigt. (ACLED, 4. Juni 2019)

Trotz Bemühungen zur Terrorismusbekämpfung konnte die Boko-Haram-Fraktion ISWA zwischen 1. Jänner und 30. Juni 2019 ihr Einsatzgebiet ausdehnen. Im Jänner 2019 übernahm die Boko Haram kurzfristig die Kontrolle in der Stadt Rann. Laut Angaben der nigerianischen Polizei wurden in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias zwischen Jänner und April 2019 189 terroristische Anschläge durchgeführt, wobei 453 Menschen getötet und 201 Menschen entführt wurden. (UN Security Council, 5. Juli 2019, S. 4)

In Kajuru und Kachia, im Bundesstaat Kaduna wurden 117 Menschen getötet und mehrere Häuser, Farmen und Viehbestand zerstört. Zwischen Jänner und April 2019 wurden im Bundesstaat Zamfara bei Angriffen von bewaffneten Banditen, Viehdieben und Milizen auf ZivilistInnen etwa 497 Menschen getötet und 385 entführt. (UN Security Council, 5. Juli 2019, S. 4-5)

Zwischen 7. und 9. April 2019 griffen unbekannte Bewaffnete im Bundesstaat Katsina Ortschaften an. Bei den folgenden Kämpfen mit örtlichen Bürgerwehren wurden mindestens 47 Menschen getötet. Im Bundesstaat Zamfara griff die nigerianische Luftwaffe Stellungen von ‘Banditen’, darunter Viehirten in Waldgebieten, wobei Dutzende Personen getötet wurden.” (ACLED, 16. April 2019, S. 2)

“Am 30.03.19 griffen Bewaffnete im nordwestlichen Bundesstaat [Zamfara, Anm. ACCORD] die Dörfer Kursasa, Kurya und Gidan Achali (Shinkafi Local Government Area) an. Laut Angaben von Dorfbewohnern wurden hierbei über 40 Personen, meist Bauern, getötet. Laut Polizeiangaben sollen lediglich zehn Personen auf einem Bauernhof im Dorf Kursasa getötet worden sein.” (BAMF, 1. April 2019, S. 4)

“Am Morgen des 23.02.19, kurz vor der Öffnung der Wahllokale, wurde Maiduguri (Hauptstadt des Bundesstaates Borno) von mehreren Explosionen und Gewehrfeuer erschüttert. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, sollen Boko-Haram-Kämpfer die Stadt mit Granaten angegriffen haben. Die Angreifer seien jedoch von Soldaten zurückgedrängt worden. Laut offiziellen Armeeangaben habe es sich bei dem Geräuschlärm um Militärübungen gehandelt. Noch am 23.02.19 erklärte die von der Terrororganisation Boko Haram abgespaltene Gruppe ISWA (Islamic State in West Africa), dass sie in Maiduguri den Flughafen, eine Armeebasis und ein Regierungsgebäude angegriffen habe. […] Am 18.02.19 attackierten mutmaßliche Kämpfer der Terrororganisation Boko Haram eine Gruppe von Feuerholz- und Holzkohlenhändler bei Koshebe (Jere Local Government Area, Bundesstaat Borno), die sich im Busch aufhielten. Hierbei wurden mindestens 18 von ihnen getötet.” (BAMF, 25. Februar 2019, S. 5)

“Am 12.02.19 attackierten Kämpfer der von der Terrororganisation Boko Haram abgespaltenen Gruppe IS-WA (Islamic State in West Africa) den Autokonvoi des Gouverneurs von Borno, Kashim Shettima. Dieser war von Maiduguri aus auf der Dikwa-Ngala Straße unterwegs zu einer Wahlkampfveranstaltung in Gam-boru-Ngala (Hauptsitz der Ngala Local Government Area). Laut Angaben des Sprechers von Shettima sollen bei dem Angriff drei Personen im Konvoi getötet worden sein. Teilweise wird in der Presse von bis zu zehn Toten und mehreren entführten Personen berichtet. Laut ISWA, der sich am 13.02.19 zu dem Angriff bekannte, soll es 42 Todesopfer gegeben haben.” (BAMF, 18. Februar 2019, S. 6)

Laut offiziellen Angaben wurden in acht Ortschaften im Gebiet Kujuru im Bundesstaat Kaduna die Leichen von 66 Personen entdeckt, Davon 22 Kinder und 12 Frauen, die von ‘kriminellen Elementen’ getötet worden waren. (BBC, 15. Februar 2019)

Das BAMF erwähnt den Vorfall ebenso und berichtet weiters: “Laut Maisamari Dio, Anführer der im Kujuru Gebiet vorherrschenden christlichen Ethnie der Adara, sollen am 10.02.19 muslimische Fulani ein Dorf der Adara angegriffen und mehrere Personen getötet haben. Hierauf hätten die Adara Vergeltungsangriffe auf Fulani unternommen.” (BAMF, 18. Februar 2019, S. 6)

“Am Morgen des 28.01.19 nahmen Kämpfer der Boko Haram kampflos die etwa sieben Kilometer von der kamerunischen Grenze in der Region des Tschadsees gelegene Ortschaft Rann (Bundesstaat Borno, Verwaltungssitz der Kala Balge Local Government Area) ein. Laut Angaben von Amnesty International töteten sie mindestens 60 Einwohner und brannten, wie eine Auswertung von Satellitenbildern ergeben habe, Hunderte von Gebäuden nieder. Die nigerianische Armee hatte einen Tag vor dem Angriff der Terroristen die Stadt verlassen, nachdem kurze Zeit vorher die ebenfalls in der Stadt zum Schutz der Bevölkerung stationierten kamerunischen Einheiten der Multi-National Joint Task Force (MNJTF) abgezogen worden waren. Boko Haram hatte die Stadt Rann, in der sich auch ein Lager mit Zehntausenden von intern Vertriebenen befindet, bereits am 14.01.19 nach Kämpfen mit der Armee für einen Tag besetzt. Laut UN-Angaben flüchteten in Folge der beiden Angriffe der Boko Haram auf Rann insgesamt rund 35.000 Zivilisten über die Grenze nach Kamerun.“ (BAMF, 4. Februar 2019, S. 4)

Am 14. Jänner 2019 griff die Boko Haram die Stadt Rann im Bundesstaat Borno an, wobei mehr als 9.000 Personen vertrieben wurden. Westlich und südliche von Rann wurden große Gebiete niedergebrannt. Über 100 Gebäude wurden durch das Feuer zerstört oder schwer beschädigt. (AI, 18. Jänner 2019)

Amnesty International veröffentlicht im Dezember 2018 einen Bericht zu Zusammenstößen zwischen Hirten und Bauern, insbesondere in den nördlichen Landesteilen. Die Organisation dokumentierte 312 Angriffe und Vergeltungsangriffe in 22 Bundesstaaten und Abuja zwischen Jänner 2016 und Oktober 2018. Mindestens 3.641 Personen wurden schätzungsweise getötet, 406 verletzt, 5.000 Häuser niedergebrannt und 182.530 Personen vertrieben. Die Organisation besuchte im Zuge der Erstellung des Berichts 56 Gemeinschaften in den Bundesstaaten Adamawa, Benue, Kaduna, Taraba und Zamfara. (AI, 17. Dezember 2018, S. 6-16)

4. Südnigeria, Biafra und das Nigerdelta

(Bundesstaaten: Abia, Akwa-Ibom, Anambra, Bayelsa, Cross River State, Delta, Edo, Enugu, Imo, Ondo, Rivers)

4.1. Allgemeine Informationen

Das im Süden Nigerias gelegene Nigerdelta ist reich an Ressourcen aber von Unsicherheit betroffen (ICG, 29 September 2015, S. 1). Der Konflikt im Nigerdelta ist durch Vandalismus an Erdöleinrichtungen, massiven Diebstahl in Verbindung mit der Erdölproduktion, Protesten wegen Umweltverschmutzung, Entführungen zur Erpressung von Lösegeld, Unsicherheit und Gewalt zwischen Gemeinschaften gekennzeichnet. Die Forderungen der verschiedenen militanten Gruppen variierten, schließen aber oft eine größere Autonomie für die Region und einen größeren Anteil der Einkünfte aus dem Erdölgeschäft ein (CRS, 18 July 2012, S. 13). Der von der Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) angeführte Aufstand hatte die nigerianische Ölindustrie und die Einkünfte aus den Exporten zum Erliegen gebracht. Im Juni 2009 wurde der Aufstand durch eine Amnestie für die Aufständischen beendet. Eine gewisse Stabilität konnte wiederhergestellt werden (ICG, 29 September 2015, S. 1). In Folge der Amnestie ist es zu einer Verringerung des Gewaltniveaus gekommen, jedoch ist dieses im Jahr 2014 erneut angestiegen (USDOS, 25. Juni 2015, Executive Summary). Die Präsidentschaft von Präsident Jonathan von 2010 bis 2015, Geldleistungen und Ausbildung für die ehemaligen Aufständischen und Vereinbarungen mit Anführern des Aufstands konnten die Konflikte aber unter Kontrolle halten. (ICG, 29 September 2015, S. 1).

2016 griffen neue militante Gruppen, die verschiedene Forderungen stellten, jedoch wieder zu den Waffen. Die Namen der Gruppen änderten sich zwar, doch es besteht kein Zweifel, dass dies „alter Wein in neuen Flaschen“ ist. Die neuen militanten Gruppen beharren weiterhin auf Kontrolle der Ressourcen und führen Anschläge auf Erdöleinrichtungen durch. (African Centre for the Constructive Resolution of Disputes, 12. September 2017)xvii

Seit die Regierung im November 2016 mit ethnischen und politischen AnführerInnen in der Region Gespräche führte, kam es nicht mehr zu größeren Anschlägen auf Erdöleinrichtungen durch militante Gruppen im Nigerdelta. Trotzdem ist die Lage in der Region weiterhin fragil. Angriffe auf die Bevölkerungsgruppe der Igbos oder andere „Southeners“ im Norden könnten dazu führen, dass einige militante Gruppen im Nigerdelta erneut Erdöleinrichtungen angreifen, um entweder die Regierung unter Druck zu setzen, die Igbo-feindliche Gewalt zu beenden oder um kriminelle Aktivitäten zu verschleiern. (ICG, 20. Juli 2017)

Kriminelle Gruppen entführten im Jahr 2019 im Nigerdelta und im Südosten ZivilistInnen - oftmals, um Lösegeld zu fordern. Entführungen auf See seien weiterhin verbreitet gewesen, da sich Aufständische mittels Piraterie und ähnlichen Verbrechen zu finanzieren versuchten. (USDOS, 11. März 2020, Section 1b)

4.2. Aktuelle Lage

Im Bundesstaat Delta wurden bei Zusammenstößen zwischen Hirten und Farmern am 13. Februar 14 Personen in Uwheru getötet. (ICG, März 2020)

Am 3. Jänner 2020 töteten Piraten im Bundesstaat Bayelsa vier Marineangehörige und entführten drei ausländische Arbeiter. Am 7. Jänner befreite die Marine die entführten Männer. (ICG, Februar, 2020)

In der Stadt Nembe, im Bundesstaat Bayelsa kam es im November 2019 zu Zusammenstößen zwischen Milizen der politischen Parteien All Progressives Congress (APC) und der People's Democratic Party (PDP). Eine Person wurde getötet und mehrere weitere verwundet. Zudem wurden in den Bundesstaaten Bayelsa und Kogi am Wahltag sechs Menschen getötet. Mehrere Wahleinrichtungen berichteten zudem über Angriffe auf JournalistInnen und WählerInnen. (ACLED, 19. November 2019, S. 1)

Kriminelle Gruppen entführten im Jahr 2018 im Nigerdelta und im Südosten ZivilistInnen, oftmals um Lösegeld zu erhalten. Entführungen auf dem Meer waren weit verbreitet. (USDOS, 13. März 2019, Section 1b)

5. Weitere Quellen mit Informationen zur sicherheitsrelevanten Lage in Nigeria

Unter folgendem Link findet sich eine Datenbank des Projekts Nigeriawatch[xx], die gefiltert nach Bundesstaaten auf Gewaltvorfälle durchsucht werden kann:

Weitere Informationen zu sicherheitsrelevanten Entwicklungen finden sich auch unter
folgendem Link:

Weitere Überblickskarten zu Gewaltvorfällen in Nigeria finden sich auch unter folgenden Links:

6. Quellen:

(Zugriff auf alle Links am 2. September 2020)


i Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist eine staatliche Entwicklungszusammenarbeitsorganisation der Bundesrepublik Deutschland.

ii Das Congressional Research Service (CRS) ist der Recherchedienst des US-amerikanischen Kongresses.

iii Der Fund for Peace (FfP) ist eine unabhängige, gemeinnützige Forschungs- und Bildungsorganisation mit Hauptsitz in Washington, D.C., deren Arbeit darauf abzielt, zur Vermeidung gewaltsamer Konflikte und zur Förderung nachhaltiger Sicherheit beizutragen.

iv Das US Department of State (USDOS) ist das US-amerikanische Außenministerium.

v Die British Broadcasting Corporation (BBC) ist eine britische Rundfunkanstalt.

vi Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts und Trägerin des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit.

vii Die International Crisis Group (ICG) ist eine unabhängige, nicht profitorientierte Nicht-Regierungsorganisation, die mittels Informationen und Analysen gewaltsame Konflikte verhindern und lösen will.

viii Agence France-Presse (AFP) ist eine internationale Nachrichtenagentur.

ix Human Rights Watch (HRW) ist eine internationale Menschenrechtsorganisation.

x Der UN Security Council ist ein Organ der Vereinten Nationen, das für die Wahrung des Friedens und der Sicherheit zuständig ist.

xi Das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) ist ein Projekt, das Daten zu Konflikten sammelt, analysiert und Daten zu Krisen aufbereitet.

xii Das BAMF ist das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

xiii Die Zeit ist eine deutsche Wochenzeitung

xiv Amnesty International (AI) ist eine internationale Menschenrechtsorganisation.

xv Das Institute for Economics and Peace (IEP) ist eine Denkfabrik mit Sitz in Sydney, die sich für ein besseres Verständnis der sozialen und wirtschaftlichen Faktoren einsetzt, die zu einer friedlicheren Gesellschaft führen.

xvi United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) ist das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationan.

xvii Das African Centre for the Constructive Resolution of Disputes ist eine südafrikanische zivilgesellschaftliche Organisation, die in ganz Afrika im Bereich Konfliktverhinderung tätig ist.

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