Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Lage von MusikerInnen [a-9728-v2]

22. Juli 2016

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Ein im Mai 2016 veröffentlichter Artikel von Borhan Osman, Forscher beim Afghanistan Analysts Network (AAN), einer unabhängigen, gemeinnützigen Forschungsorganisation mit Hauptsitz in Kabul, die Analysen zu politischen Themen in Afghanistan und der umliegenden Region erstellt, geht auf den neuen Taliban-Anführer Mullah Haibatullah ein. Laut Angaben von Personen aus seinem Bekanntenkreis sei Haibatullah ein sogenannter „Mutasharri’a“ (eine Person, die ihr Leben vollkommen nach der Scharia ausrichtet) und Befürworter einer möglichst umfassenden Umsetzung islamischer Vorschriften. Wie Osman bemerkt, verheiße dies nichts Gutes für die relative Mäßigung, die die Taliban in Bezug auf bestimmte Themen gezeigt hätten, etwa indem sie ihre „puritanische“ Haltung zu Musik aufgegeben hätten. Allerdings hänge Haibatullahs Fähigkeit, diesen Mäßigungsprozesses der Taliban rückgängig zu machen, davon ab, wie weit er sich mit den anderen hohen religiösen Autoritäten innerhalb der Taliban-Bewegung verstehe, die anderer Meinung sein könnten:

„People in the Taleban who know Haibatullah personally say he favours enforcing Islamic injunctions as robustly as possible. They describe him as a mutasharri’a (absolutely conforming to Sharia in his own life). In his speech to a gathering in the wake of the announcement of Mullah Omar’s death last year, he frequently commended Omar’s lack of compromise on Sharia and the fact that he had paid particular attention to the amr bil-maruf wa nahya an al-munkar (commanding what is right, and forbidding what is wrong, a moral norm originating from the Quran central to the Taleban’s interpretation of Islam – and used as the name for its ‘religious police’ between 1996 and 2001). This may favour his chances of consolidating his status as a ‘jihadi leader’, but bodes ill for the relative moderation the Taleban have displayed on certain issues, such as giving up puritanical stances on music, beards, imagery and education. However, (as will be discussed in an upcoming piece), his role in reversing the Taleban’s progress in ‘moderation’ – if that is what he decides to do – will depend on how far can he get along with the other highest religious authorities in the movement, who might have different opinions.” (Osman, 27. Mai 2016)

Die britische Tageszeitung Guardian berichtet im September 2015, dass Afghanistan über eine lange, reiche und vielfältige Musiktradition verfüge. Doch unter der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 sei das Musizieren verboten worden. Es habe Übergriffe auf MusikerInnen gegeben und Musikinstrumente und Schallplatten seien zerstört worden. Laut Guardian werde Musik weiterhin von den zahlreichen konservativen Mullahs, die in der Bevölkerung hohes Ansehen genießen würden, vehement abgelehnt: Diese seien der Auffassung, dass Musik unislamisch sei. So sei das (in Kabul befindliche) Afghanistan National Institute of Music (ANIM), das Straßenkindern sowie Kindern aus entlegenen Provinzen kostenlosen Musikunterricht und Unterricht in allgemeinen Fächern anbiete, von Personen des öffentlichen Lebens, die das Unterrichten von Musik, insbesondere den Musikunterricht für Frauen, ablehnen würden, scharf kritisiert worden:

„There is a long tradition of rich musical diversity in Afghanistan, including enraptured Zikr rituals, Sufi traditions, and a Raga repertoire influenced by India. But from 1996 to 2001 all such practices were forbidden under the Taliban, as part of their imposition of an extremist vision of Islam. Musicians were attacked, instruments broken, and records destroyed.

The Afghanistan National Institute of Music (ANIM) was founded as an independent school that would provide free vocational music training and a general education to street children and those from remote provinces. […]

Music in Afghanistan still faces harsh disapproval from the country’s many popular, conservative mullahs, who argue that it is unIslamic. The ANIM has received considerable criticism from some public figures who are against the teaching of music, especially to women.” (Guardian, 16. September 2015)

Ein Artikel der Nachrichtenagentur Reuters vom April 2016 bemerkt, dass das Spielen von Musikinstrumenten während der Taliban-Herrschaft verboten gewesen sei. Auch heute noch würden viele konservative Muslime die meisten Musikformen ablehnen. In dem Artikel wird über eine 19-jährige, aus der Provinz Kunar stammende Frau namens Negin Khpalwak berichtet, die in einem Waisenhaus in Kabul lebe und nun das „Zohra-Orchester“, ein Ensemble, das aus 35 Frauen des Afghanistan National Institute for Music (ANIM) bestehe, dirigiere. Khpalwak habe zunächst heimlich damit begonnen zu musizieren, später habe sie dann ihren Vater eingeweiht. Dieser habe sie ermutigt, Musik zu machen, jedoch habe der Rest ihrer konservativen paschtunischen Familie auf ihre musikalischen Aktivitäten mit starker Ablehnung reagiert. Sie hätten gefragt, wie ein paschtunisches Mädchen Musik spielen könne, insbesondere in ihrem Stamm, in dem nicht einmal Männer das Recht hätten, zu musizieren. Bei einem kürzlichen Besuch in ihrem Heimatort hätten ihre Onkel und Brüder ihr angedroht, sie wegen eines musikalischen Auftrittes im Fernsehen zu verprügeln. Laut Ahmad Naser Sarmast, einem zuvor in Australien ansässigen afghanischen Musikwissenschaftler, der bei der Gründung des ANIM im Jahr 2010 mitgeholfen habe, könnten die Kinder und Jugendlichen an dieser Musikschule auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen, würden jedoch häufig im weiteren Kreis ihrer Familie bzw. durch religiöser Autoritäten unter Druck gesetzt. Einige Frauen am ANIM hätten erzählt, dass ihre Verwandten stolz auf ihre musikalischen Leistungen seien, doch andere Leute ihnen mit Argwohn begegnen und sie auch einschüchtern würden. Eine Trompeterin im oben genannten Orchester habe angegeben, dass die Leute hinter ihrem Rücken über sie reden würden, wenn sie ihre Musikinstrumente dabei habe. Es gebe weiters viele Sicherheitsprobleme, sodass die MusikerInnen immer mit dem Auto fahren müssten, um sich mit ihren Instrumenten von einem Ort an den anderen zu begeben, so die Musikerin. Wie Reuters in diesem Zusammenhang bemerkt, sei Sarmast im Jahr 2014 bei einem Selbstmordanschlag auf einer Musikvorführung an einer von Franzosen geleiteten Schule beinahe ums Leben gekommen:

„Like many teenagers, 19-year-old Negin Khpalwak from Kunar in eastern Afghanistan loves music, but few people of her age have battled as fiercely to pursue their passion in the face of family hostility and threats.

Playing instruments was banned outright during the period of Taliban rule in Afghanistan, and even today, many conservative Muslims frown on most forms of music.

Negin took her first steps learning music in secret, before eventually revealing her activity to her father. He encouraged her, but the reaction from the rest of her conservative Pashtun family was hostile.

‘Apart from my father, everybody in the family is against it,’ she said. ‘They say, 'How can a Pashtun girl play music?' Especially in our tribe, where even a man doesn't have the right to do it.’

Now living in an orphanage in the Afghan capital of Kabul, Negin leads the Zohra orchestra, an ensemble of 35 women at the Afghanistan National Institute for Music that plays both Western and Afghan musical instruments.

When she went home on a recent visit, her uncles and brothers threatened to beat her for a performing appearance on television, and she had to return to Kabul the next day. […]

‘The formation of the orchestra is an achievement in itself,’ said Ahmad Naser Sarmast, a musicologist who returned home from Australia after the fall of the Taliban to help found the National Institute for Music in 2010. […]

While children at the school have the support of their parents, they often face pressure from their wider family as well as from religious authorities, he said. […]

Some of the women say their relatives are proud of their achievements, but they face suspicion from others, as well as intimidation.

‘When I have my musical instruments with me, people talk a lot behind my back,’ said Mina, a trumpeter in the orchestra, whose mother is a policewoman in the eastern city of Jalalabad.

‘There are a lot of security problems, and if we go from one place to another with our instruments, then we have to go by car,’ she added.

The dangers awaiting performers in Afghanistan were brutally highlighted in 2014, when Sarmast was nearly killed by a suicide bomber who blew himself up during a show at a French-run school in Kabul.” (Reuters, 18. April 2016)

Die Berliner Tageszeitung Der Tagessspiegel schreibt in einem Artikel vom Dezember 2015, der von einem in Berlin lebenden afghanischen Musikerpaar handelt, Folgendes:

„Paradise ist eine der ersten Rapperinnen Afghanistans. Seit vier Wochen wohnt sie in einem Neuköllner Flüchtlingsheim. An diesen Sonnabend rappt die 26-Jährige mit ihrem Freund Diverse als 143Band auf der Bühne der Platoon Kunsthalle in Prenzlauer Berg. Seine richtigen Namen verrät das Musikerpaar aus Sicherheitsgründen nicht. […]

In der Untergrundszene der Hauptstadt Kabul hatte Paradise vier Jahre feministische Musik gemacht. Doch die Drohungen und die Gewalt gegen die Musikerin nahmen überhand: ‚Ich wurde mehrmals geschlagen und bedroht‘, erzählt sie. ‚Es gibt weiterhin viele Fundamentalisten in Afghanistan, die verbieten wollen, Musik zu hören und zu machen.‘ Und Diverse fügt hinzu: ‚Sängerinnen gelten vielen in Afghanistan als Huren. Paradise wurde in einem TV-Sender beschuldigt, mit ihrem Rap die Prostitution zu unterstützen.‘ Der 29jährige erklärt sich dieses Verhalten mit der ‚Gehirnwäsche der Taliban‘.“ (Der Tagesspiegel, 6. Dezember 2015)

BBC News berichtet in einem Artikel vom April 2016, dass die beliebte afghanische Fernseh-Gesangs-Castingshow „Afghan Star“ von den Taliban als „anstößig“ bzw. „unmoralisch“ abgelehnt werde. So sei das weibliche Jurymitglied der Show, Aryana Sayeed, welche selbst zu den berühmtesten Sängerinnen Afghanistans gehöre, zu einem Hauptziel der Taliban geworden, zumal sie auch ohne Kopftuch und in eng anliegender Kleidung auftrete. Immer wenn sie aus London (wo sie wohne) nach Afghanistan fliege, gebe es Gerüchte, dass ihr Leben in Gefahr sein könnte. Nach einem Auftritt im nationalen Fußballstadion im Jahr 2015 habe sie Morddrohungen erhalten. Zudem habe es [im Jänner 2016, Anm. ACCORD] einen Anschlag auf einen Bus mit MitarbeiterInnen des afghanischen Fernsehsenders Tolo TV gegeben, während in der Nähe gerade Aufnahmen für Afghan Star im Gange gewesen seien, bei denen auch Sayeed anwesend gewesen sei:

„Afghan Star, a version of Pop Idol, is the most popular show on television in Afghanistan, but it’s been condemned by the Taliban for its ‘lewdness’ and ‘immorality’.

This has made Aryana Sayeed, the programme’s female judge, and one of Afghanistan's most famous singers, a prime Taliban target.

She refuses to wear a headscarf, and performs in tight-fitting clothing, like any pop diva anywhere in the world. Her lyrics, meanwhile - urging women to be strong, and not to give up fighting for a better future - have become a rallying cry for many Afghan women. […]

This explains the constant rumours that she may be in danger, whenever she flies into Afghanistan from her home in London.

‘They would say, you know, 'This this week, they're going to attack Aryana, they're going to kill Aryana,' and stuff like that,’ she says. […]

Death threats made after a performance at the national football stadium in Kabul last year make it unlikely that she will be able to give a show like that again.

And then there was the attack on the Tolo TV bus, which came half-way through the latest series of Afghan Star.

‘We were actually on the set of Afghan Star. We had just finished a show when we heard the blast,’ she says.

‘And it was so loud and so scary that we actually thought that it’s happening right outside our gate probably. Basically, we thought the Taliban were going to come in and attack us.’

Sayeed and others on the show were rushed out of the studio and driven to their hotel. Some of the expats working for the channel were immediately flown out of the country, but Sayeed stayed.

‘I thought, you know what, no matter what happens, even if I die, I'll die, if it's in your destiny, you can die anywhere, any part of the world and I thought I'm not going to give up. Not for a second I thought I'd go back,’ she says.

She was issued, though, with a flak jacket.” (BBC News, 29. April 2016)

Über den soeben erwähnten Anschlag auf MitarbeiterInnen von Tolo TV wird unter anderem auch in folgenden Artikeln berichtet:

·      BBC News: Kabul blast: Suicide bomber kills seven TV staff, 20. Jänner 2016
http://www.bbc.com/news/world-asia-35359215

·      Guardian: Suicide bomb attack hits Afghan TV station in Kabul, 20. Jänner 2016
https://www.theguardian.com/world/2016/jan/20/car-bomb-explodes-near-russian-embassy-in-kabul

·      NYT – New York Times: Vibrant Lives of Afghan TV Crew, Erased in a Taliban Bombing, 21. Jänner 2016
http://www.nytimes.com/2016/01/22/world/asia/afghanistan-tolo-tv-bombing.html?_r=0

 

Ältere Informationen zur Lage von MusikerInnen in Afghanistan finden sich in einer Anfragebeantwortung von ACCORD vom 24. Februar 2014:

·      ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation: Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Behandlung durch staatliche und nicht-staatliche Akteure von Personen, die öffentlich (Pop-)Musik machen bzw. versuchen, mit (Pop-)Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen; Schutzfähigkeit und -willigkeit des afghanischen Staates [a-8612], 24. Februar 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/273680/402713_de.html

 

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Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 22. Juli 2016)

·      ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation: Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Behandlung durch staatliche und nicht-staatliche Akteure von Personen, die öffentlich (Pop-)Musik machen bzw. versuchen, mit (Pop-)Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen; Schutzfähigkeit und -willigkeit des afghanischen Staates [a-8612], 24. Februar 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/273680/402713_de.html

·      BBC News: Kabul blast: Suicide bomber kills seven TV staff, 20. Jänner 2016
http://www.bbc.com/news/world-asia-35359215

·      BBC News: Threatened with death for working on TV, 29. April 2016
http://www.bbc.com/news/magazine-36149688

·      Der Tagesspiegel: Afghanische Rapper, Neukölln und der Beat der Freiheit, 6. Dezember 2015
http://www.tagesspiegel.de/berlin/musiker-als-fluechtlinge-in-berlin-afghanische-rapper-neukoelln-und-der-beat-der-freiheit/12682270.html

·      Guardian: The Kabul college turning street children into musicians, 16. September 2015
http://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2015/sep/16/the-kabul-college-street-children-musicians-audio-visual-national-institute-music

·      Guardian: Suicide bomb attack hits Afghan TV station in Kabul, 20. Jänner 2016
https://www.theguardian.com/world/2016/jan/20/car-bomb-explodes-near-russian-embassy-in-kabul

·      NYT – New York Times: Vibrant Lives of Afghan TV Crew, Erased in a Taliban Bombing, 21. Jänner 2016
http://www.nytimes.com/2016/01/22/world/asia/afghanistan-tolo-tv-bombing.html?_r=0

·      Osman, Borhan: Taleban in Transition: How Mansur’s death and Haibatullah’s ascension may affect the war (and peace), 27. Mai 2016 (veröffentlicht von AAN, verfügbar auf ecoi.net)
https://www.ecoi.net/local_link/325372/465204_de.html

·      Reuters: Afghan teenager braves threats, family pressure to lead women’s orchestra, 18. April 2016
http://www.reuters.com/article/us-afghanistan-orchestra-idUSKCN0XF00X

 

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