a-4164 (ACC-AFG-4164)

Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:
 
Die Sayyed (auch: Sayyid, Sayed, Said) gehören zur traditionellen religiösen Elite Afghanistans, die auch einen erheblichen politischen Einfluss hat(te). Laut Rasuly „übten die Sayyeds und Pire [spirituelle Führer der Sufi] ihren größten politischen Einfluss auf der gesellschaftlichen Ebene aus und mobilisierten dort ihre Anhänger“ (Rasuly, 1994, S. 203; zur gesellschaftlichen Führungsrolle der Sayyed siehe auch Harpviken). Sie waren die mächtigsten „mir“ (das traditionelle Clanoberhaupt der Hazara) und erreichten als solche nicht nur sehr hohe politische und soziale Positionen, sondern gehörten auch zu den reichsten Grundbesitzern (Johnson, 2000, S. 52).
 
Die Shura-e-Ittifaq (Islamischer Einheitsrat) wurde von Sayyed und Beheshti 1979 als erste Gruppierung des schiitischen Widerstandes gegen das kommunistische Regime gegründet; (Johnson, 2000, S. 50; Rasuly, 1994, S. 313; Rubin, 1996) die Sayyed konnten nach internen Konflikten die volle Kontrolle in der Shura ausüben. Bis 1978 bestimmten die Sayyed das religiöse Leben der Hazara-Schiiten; (Rasuly, 1994, S. 314) in den Jahren 1982 und 1983 forderten vom Iran unterstützte Hazara den Führungsanspruch der Shura und der Sayyed heraus und konnten sich als wichtigste politische Kraft im Hazarajat etablieren (Johnson, 2000, S. 50; Rasuly, 1994, S. 314). Rasuly schreibt über die weitere Entwicklung der schiitischen Opposition: „Fast alle schiitischen Gruppierungen sind inzwischen zu den beiden Organisationen Harakat-e islami-e Afghanistan und in Hezb-e Wahdat islami-e Afghanistan übergegangen, sodaß heute nur diese beiden Parteien die Vertretung der schiitischen Bevölkerung innehaben.“ (Rasuly, 1994, S. 314)
 
Folgende Informationen sind Chris Johnsons’s Hazarajat Baseline Study (März 2000) zu entnehmen: Sie führen ihre Ahnenreihe auf den Propheten zurück und waren ursprünglich Araber. Heirat zwischen Sayyed-Männern und Hazara-Frauen komme häufig vor, daher gebe es einige Sayyed mit den phänotypischen Kennzeichen von Hazara. Die Sayyed werden manchmal zu den Hazara gerechnet, manchmal werden sie als eine separate Gruppe bezeichnet. In den letzten zwanzig Jahren soll sich das Gefühl eines Unterschiedes zwischen Hazara und Sayyed verstärkt haben. Manchen Sayyed wird von den Hazara vorgeworfen, sie beanspruchen für sich eine höhere Stellung und erwarten Tribut von den Hazara (was in früheren Zeiten so gehandhabt wurde). 
"The sayyid derive their authority from a central Shia doctrine, the return of the twelfth imam, who is to bring about a divine order. He will come, it is believed, from the family of the Prophet, to which the sayyid belong. The sayyid are bearers of miracle, karamat. They are seen as Arabs, not Hazara, are disconnected from the normal kinship system, and rarely intermarry with the Hazara. The sayyid network covers the whole of Hazarajat, and has both as local and a regional level. Frequently they also acknowledge Shia religious authorities in Iran or Iraq. Financial contributions from Hazara to sayyid-khums is traditionally paid as one fifth of income. Some of this is passed on to higher levels, some is lent to sayyid of lower rank, as a large group of poor sayyid exists. Most sayyid have no religious education, but for those who have, this significantly enhances their prestige as religious leaders. Writing on the sayyid before the coup in 1978, Kopecky found their contribution to the integration of Hazara society crucial, particularly in times of crisis:
For it is not the Hazara who integrate the Sayyed population, but the Sayyed who manage to unite the continually contending and divisive groups and tribes of the Hazara, as well as all the other Imami groups, into a political unit. For the Sayyed, as descendants of the Prophet, not only have the highest jurisdiction for resolving conflicts within the Imami sect in times of peace, but in periods of crisis they provide the charismatic leadership who organize and coordinate these heterogeneous forces.
The sayyid represent a religious identity, with the Shia community a the ultimate boundary. However, their ties to followers are personal, and they are self-contained as a group. Hence they can represent the Hazara, but are not recruited among the Hazara participation. The sayyid as a group can activate a regional, horizontal identity, while the Hazara client can only mobilize a vertical tie to the local sayyid. With regard to political representation, there tends to be an inherent limitation in the sayyid institution." (Harpviken) 
ACCORD Reisebericht, September 2003:
"6.8.3 Bezirk Kahmard
190. Die Tadschiken bilden laut der Vertreterin einer in Bamiyan stationierten internationalen Organisation in Kahmard wie auch im angrenzenden Bezirk Saighan die Mehrheit. Hazara und Sayyed befinden sich in der Minderheit und verhielten sich daher sehr vorsichtig. Außerdem gebe es Minderheit von Paschtunen und Tataren, die mit den Tadschiken Hand in Hand arbeiteten. Der Bezirk wurde bis Jänner 2003 von einem Taliban-Kommandanten Malauwi Islam Mullah Nasim kontrolliert. Seit Sommer 2002 haben Auseinandersetzungen zwischen Taliban unter dem von der Jamiat gestützten Kommandanten Rahmatullah und einer mit der Hezb-e Wahdat (Khalili) alliierten tadschikischen Fraktion stattgefunden. Dabei sei es auch zu Übergriffen (Landraub, Erpressungen, Bedrohungen) der Hazara und Sayyed-Minderheit in dem Bezirk gekommen.
192. Nachdem im Juni 2003 die US-Truppen aus dem Bezirk abgezogen seien, sei unklar, wie nachhaltig die Entwaffnung ist. Die Taliban würden nun nach Kahmard zurückkommen. Es sei wahrscheinlich, dass sie durch den von Fahim gestützte Kommandanten Rahmatullah Zugang zu den Waffendepots erhalten würden. Ebenso könnte es neuerlich zu Verfolgungshandlungen gegen Hazara und Sayyed kommen.
193. Die Minderheit der Sayyed (Hazara, die als direkte Nachkömmlinge des Propheten gelten) habe abgesehen von Ressentiments aufgrund des höheren Status der Sayyed grundsätzlich ein gutes Verhältnis mit den Hazara. Allerdings hätten einige Sayyed eine Rolle in der Talibanverwaltung gespielt – obwohl sie auch gleichzeitig Opfer von Hinrichtungen der Taliban waren – und wären jetzt mit Repressalien konfrontiert. Im August 2002 sei ein Rückkehrer trotz zugesicherter Amnestie des Gouverneurs verhaftet worden. Ungeprüften Berichten zufolge sei er vor kurzem wieder freigelassen worden. Die Sayyed wären außerdem Opfer von Landraub seitens der tadschikischen Bevölkerung." (ACCORD, September 2003, Abs. 190, 192, 193)
Trotz intensiver Recherche konnte in den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen leider keine Informationen zur aktuellen Situation der Sayyed gefunden werden.
 
Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Die Antwort stellt keine abschließende Meinung zur Glaubwürdigkeit eines bestimmten Asylansuchens dar.
Quellen:
Konsultierte Quellen und Datenbanken: