a-4290 (ACC-SRB.4290)

Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:

Besteht eine besondere Gefährdungslage bei einer hypothetischen Rückkehr?

Laut der ungarischen Nachrichtenagentur MIT (MIT, 16. Februar 2005) kommt es seit der Wahl Vojislav Kostunicas zum Präsidenten von Serbien und Montenegro häufig zu Gewalttaten gegen Angehörige der ungarischen Minderheit in der serbischen Provinz Vojvodina („frequent phenomenon“).

Am 2. Februar 2005 wurde laut der Website der American Hungarian Federation (AHF, 2. Februar 2005) eine sechsköpfigen Familie getötet, die der ungarischen Minderheit angehört. AHF bezieht sich dabei auf eine Meldung der Nachrichtenagentur AP. Sowohl AHF als auch AP sehen die Tat in Zusammenhang mit rassistischen Gewalttaten.

Das US State Department (USDOS, 28. Februar 2005) spricht in seinem Länderbericht 2004 ebenfalls von einer steigenden Zahl an Gewalttaten:

“The number of antiminority incidents in Serbia’s northern province of Vojvodina increased markedly after the SRS won a plurality of votes in Serbian parliamentary elections in December 2003. While the incidents consisted mainly of vandalism targeting cemeteries, homes, churches, and cultural sites, there were also death threats and assaults (see Section 2.c.). For example, on April 9, Bela Csorba, Vice President of the Hungarian Democratic Party of Vojvodina, found a 12-inch kitchen knife wrapped in paper slipped under his door. Attached to the weapon was a note in Serbian, `we will slaughter you.’” (USDOS, 28. Februar 2005)

Im Frühsommer 2004 kam es laut zweier Berichte des Helsinki Committee for Human Rights in Serbia zu einer Häufung von Übergriffen gegen Angehörige der ungarischen Minderheit (Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, Dezember 2004 und Oktober 2004):

“A number of ethnically motivated incidents have been registered in Vojvodina in the wake of the early parliamentary election of December 2003. As many as 40 such incidents have taken place in the province just between March 17 and March 21, 2004. Not only more and more frequent, interethnic incidents have been also horizontally spreading targeting other ethnic communities - Croats, Hungarians, Roma, Ashkalia, Albanians, Muslims, Slovaks and Ruthenians.” (Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, Oktober 2004)

Weiters berichtet das Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, dass Vertreter der ungarischen Minderheit dem serbisch-montenegrinischen Staat vorwerfen, die Übergriffe gut zu heißen. Die staatlichen Behörden würden gegen die Gewalttäter nicht vorgehen:

“On several occasions, Hungarian representatives expressed doubts that minors or young people under the influence were perpetrators. According to them, the very fact that perpetrators were not prosecuted for crime led to the conclusion that incidents were silently backed by the state. `This is about the production of widespread, low intensity conflicts in the long run,’ said Pal Sandor, the leader of the Democratic Union of Vojvodina Hungarians (DZVM). Incidents are not spontaneous but, as he put it, results of a strategy involving certain centers of power. Claiming that Hungarians in Serbia were jeopardized, the Alliance of Vojvodina Hungarians (SVM) messaged it would inform the US Congress about all incidents that had taken place over the past two years. The decision to have the problem of ethnically motivated violence internationalized was called a Hobson’s choice, given that domestic authorities had done nothing to prevent them.” (Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, Oktober 2004)

Laut einem anderen Bericht des Helsinki Committee for Human Rights in Serbia hat die serbische Presse erst mit Monaten Verspätung über die Übergriffe berichtet:

“Though attacks on Hungarians and other minorities in Vojvodina intensified in March 2004, the Belgrade press started covering them only in September when the issue was internationalized. Such belated coverage is tantamount to attempts to hush up cases of blatant violations of human and minority rights.” (Helsinki Committee for Human Rights in Serbia, Dezember 2004)

Im März 2004 hatten Canak und der Vorsitzende der Vereinigung von Ungarn aus der Vojvodina (VMSZ), Jozsef Kasza, laut der Website des Belgrader Radiosendes B92 (B92, 13. März 2004), Morddrohungen erhalten (siehe ausführliches Zitat Punkt 2). In einem Bescheid des UBAS wird für einen politisch engagierten Journalisten eine interne Fluchtalternative ausgeschlossen (UBAS, 28. Oktober 2002, siehe ebenfalls Punkt 2).

Sind Mitglieder der Sozialdemokratischen Liga der Vojvodina (LSV) heutzutage Verfolgung oder Übergriffen ausgesetzt?

Die LSV (Liga Socijaldemokrata Vojvodine) fordert eine stärkere Autonomie der Vojvodina (Homepage der LSV, März 1999), was in der Vergangenheit zu Spannungen mit serbischen Politikern führte und von serbischen Medien intensiv thematisiert wurde (Helsinki Commitee for Human Rights in Serbia, Dezember 2004, S. 27). So forderte etwa Vojislaf Seseli, Vorsitzender der Serbischen Radikalen Partei (SRS) 1999 die Verhaftung von Nenad Canak, dem Vorsitzenden der LSV (Mother Jones Magazine, 3. Juni 1999). Im Mai 2000 wurde Canak bei einer Demonstration verhaftet (USDOS, 23. Februar 2001). Es liegen keine Informationen darüber vor, wie lange er festgehalten wurde. Später wurde Canak zum Präsidenten der Regionalversammlung der Vojvodina gewählt (UNMIK, 20. September 2003). Er hatte diesen Posten bis 2004 inne (Homepage der Regionalversammlung der Vojvodina, Zugriff am 14. März 2005). Sein Nachfolger Bojan Kostres wird ebenfalls von der LSV gestellt (BBC, 30. Oktober 2004). Bei der Wahl Kostres durch die Regionalversammlung verließen Vertreter der SRS den Saal.

Im März 2004 hatten Canak und der Vorsitzende der Vereinigung von Ungarn aus der Vojvodina (VMSZ), Jozsef Kasza, laut der Website des Belgrader Radiosendes B92 (B92, 13. März 2004), Morddrohungen erhalten:

“A Chicago-based organisation going by the name of the Diaspora’s Revolutionary Court Martial has written to two prominent Vojvodina politicians warning them that they have been “sentenced to death.” The letter accused Vojvodina parliament speaker Nenad Canak and the leader of the League of Vojvodina Hungarians, Jozsef Kasza, of working for the “secession” of Serbia’s northern province. It added that the sentence would be carried out in 2004, reports Novi Sad daily Dnevnik. Both men have said they take the threat seriously.“ (B92, 13. März 2004)

In einem Bescheid des UBAS vom 28. 10. 2002 ist von einer Gefahr für Leib und Leben von politisch engagierten Menschen in der Vojvodina die Rede, zumal wenn sie einer Minderheit angehören:

„[…] Es ist daher davon auszugehen, dass der Berufungswerber als politisch engagierte Person und aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit in Verbindung mit seiner Zugehörigkeit zu einer Minderheit in seinem Heimatland im Falle einer Rückkehr mit einer asylrechtlich relevanten Verfolgung zu rechnen hat, welche die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Herkunftsstaates bzw. die Rückkehr in diesen begründet. Da die o.a. Informationsquellen Übergriffe gegen (politsich tätige) Journalisten in ganz Serbien aufzeigen, ist auch eine inländische Fluchtalternative für den Berufungswerber auszuschließen.“ (UBAS, 28. Oktober 2002)

In diesem Zusammenhang ist auch das bereits unter Punkt 1 wiedergegebene Zitat aus einem Bericht des US State Department (USDOS) über eine Morddrohung gegen einen Politiker der ungarischen Minderheit zu sehen:

“[…] on April 9, Bela Csorba, Vice President of the Hungarian Democratic Party of Vojvodina, found a 12-inch kitchen knife wrapped in paper slipped under his door. Attached to the weapon was a note in Serbian, `we will slaughter you.’” (USDOS, 28. Februar 2005)

Welchen Zugang haben Angehörige der ungarischen Minderheit zum Gesundheits- und Sozialsystem und zum Arbeitsmarkt? Welchen Formen von Diskriminierung (beim Zugang zu diesen Systemen) ist diese Minderheit eventuell ausgesetzt? Ist ein familiäres/soziales Netz nötig um sich eine Existenz bei einer möglichen Rückkehr erwirtschaften zu können?

Der Vorsitzende der Vereinigung von Ungarn aus der Vojvodina (VMSZ), Jozsef Kasza, sprach laut der ungarischen Nachrichtenagentur MIT im Februar 2005 von wirtschaftlicher Diskriminierung und Arbeitslosigkeit der ungarischen Minderheit in der serbischen Provinz Vojvodina. Diese Probleme seien noch schlimmer als die sich in letzer Zeit häufenden gewalttätigen Übergriffe auf Angehörige der Minderheit (MIT, 17. Februar 2005).

Die First Lady Ungarns, Dalma Madl, Frau von Präsident Ferenc Madl, hatte nach einer Wohltätigkeitsreise in die Vojvodina laut MIT den Eindruck, die ungarische Minderheit brauche finanzielle Hilfe von Ungarn (MIT, 14. Oktober 2003).

Darüber hinaus konnten in den ACCORD zur Verfügung stehenden Quellen keine Informationen gefunden werden, ob ein familiäres/soziales Netz nötig ist, um sich eine Existenz bei einer möglichen Rückkehr erwirtschaften zu können.

Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Die Antwort stellt keine abschließende Meinung zur Glaubwürdigkeit eines bestimmten Asylansuchens dar.

Quellen:

Gefährdungslage bei Rückkehr

LSV

Soziale Lage