Document #2140605
ACCORD – Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation (Author)
19. März 2026
Das vorliegende Dokument beruht auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen sowie gegebenenfalls auf Expertenauskünften, und wurde in Übereinstimmung mit den Standards von ACCORD und den Common EU Guidelines for processing Country of Origin Information (COI) erstellt.
Dieses Produkt stellt keine Meinung zum Inhalt eines Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar. Alle Übersetzungen stellen Arbeitsübersetzungen dar, für die keine Gewähr übernommen werden kann.
Wir empfehlen, die verwendeten Materialien im Original durchzusehen. Originaldokumente, die nicht kostenfrei oder online abrufbar sind, können bei ACCORD eingesehen oder angefordert werden.
Mehrere Quellen führen an, dass ungefähr 99 Prozent der tunesischen Bevölkerung sunnitische Muslim·innen seien, es jedoch unter den christlichen religiösen Minderheiten in Tunesien auch Zeug·innen Jehovas gebe (USDOS, 26. Juni 2024, Section I; UK APPG FoRB/RFI, Juli 2023, S. 6; UN OHCHR 19. April 2018). Das US-Außenministerium (USDOS) beschreibt in seinem zuletzt im Juni 2024 erschienenen Bericht zur Religionsfreiheit, dass laut dem Ministerium für religiöse Angelegenheiten ungefähr 30.000 christlich Personen in Tunesien wohnen würden, die meisten davon seien Ausländer·innen. 80 Prozent der in Tunesien lebenden Christ·innen seien römisch-katholisch. Weiters gebe es Protestant·innen, russisch-orthodoxe Christ·innen, französische Reformierte, Anglikaner·innen, Evangelikale, griechisch-orthodoxe Christ·innen, Zeug·innen Jehovas und Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Unter den Staatsbürger·innen würden sich ungefähr 5.000 christliche Personen befinden, davon seien die meisten laut Gemeindevorsteher·innen anglikanisch oder evangelisch (USDOS, 26. Juni 2024, Section I).
Genauere Angaben zu Zahlen der Zeug·innen Jehovas in Tunesien konnten nur in älteren Quellen gefunden werden. Einem archivierten Bericht zur Religionsfreiheit des USDOS aus dem Jahr 2010 zufolge habe es etwa 50 Zeug·innen Jehovas in Tunesien gegeben, von denen die Hälfte ausländische Einwohner·innen und die andere Hälfte gebürtige Staatsbürger·innen gewesen seien (USDOS, 17. November 2010). Laut eines Artikels auf der Website „Focus Sociologique“ vom Jänner 2017 hätten im Jahr 1970 34 Zeug·innen Jehovas und im Jahr 1993 33 Zeug·innen Jehovas in Tunesien gelebt. In Ländern des Maghreb, darunter auch Tunesien, würden Zeug·innen Jehovas streng überwacht (Focus Sociologique, Jänner 2017). Im Jahr 1999 berichtet die Jewish Virtual Library (JVL), dass es in Tunesien eine Gemeinschaft von 43 Zeug·innen Jehovas gegeben habe, von denen etwa die Hälfte ausländische Einwohner·innen und die andere Hälfte einheimische Staatsbürger·innen gewesen seien. Obwohl die Regierung christlichen Kirchen erlaube frei zu wirken, verfüge nur die katholische Kirche über eine formelle Anerkennung durch die Regierung (JVL, 1999).
Ein Delegationsbericht der britischen überparteilichen parlamentarischen Gruppe für Religions- und Glaubensfreiheit (UK All-Party Parliamentary Group for Freedom of Religion or Belief, UK APPG FoRB) in Zusammenarbeit mit dem Religious Freedom Institute (RFI) vom Juli 2023 beschreibt ebenfalls, dass die katholische Kirche die einzige christliche Konfession mit formeller Vereinigungsgenehmigung sei. Religiöse Minderheiten würden bei der offiziellen Registrierung als Vereinigungen vor erheblichen Herausforderungen stehen und Angehörige religiöser Minderheiten würden von Diskriminierung und Schikanen berichten (UK APPG FoRB/RFI, Juli 2023, S. 6). Die Stiftung Fanack beschreibt in einem im November 2019 veröffentlichten Überblick zu Zeug·innen Jehovas in Nordafrika und im Nahen Osten, dass Tunesien und Jordanien sich geweigert hätten, die Zeug·innen Jehovas als christliche Gemeinschaft anzuerkennen und ihre Aktivitäten und Veröffentlichungen verboten seien. Das würde Zeug·innen Jehovas jedoch nicht daran hindern, zu predigen, zu missionieren und informelle Zentren zu errichten (Fanack, 19. November 2019).
[Bild entfernt]
Im Februar 2019 veröffentlichte Radio Free Europe (RFE/RL) folgende Karte zu Ländern, in denen Aktivitäten der Zeug·innen Jehovas verboten seien, auf der Tunesien unter der Nummer 29 verzeichnet ist. Als Quelle für die Landkarte wird der „Jehova’s Witnesses 2017 Country and Territory Reports” genannt (RFE/RL, 7. Februar 2019).
Auf der offiziellen Website der Zeug·innen Jehovas kann der von RFE/RL als Quelle genannte „2017 Country and Territory Reports“ abgerufen werden, es sind allerdings keine Daten zu Tunesien enthalten (JW, 2017). Im aktuellen Eintrag „2025 Country and Territory Reports“ wird Tunesien ebenfalls nicht angeführt (JW, 2025).
Im April 2022 beschreibt das Auswärtiges Amt Deutschlands (AA) in seinem Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in Tunesien (Stand: März 2022), dass Zeug·innen Jehovas in der Vergangenheit des Öfteren staatlichen Repression unterlegen hätten, in jüngster Zeit seien allerdings keine Zwischenfälle bekannt geworden (AA, 29. April 2022, S. 10).
In den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen konnten im Rahmen der zeitlich begrenzten Recherche keine weiteren Informationen zur Lage von Zeug·innen Jehovas im Allgemeinen und in verschiedenen Landesteilen Tunesiens sowie zur Wahrnehmung von Zeug·innen Jehovas als Christ·innen oder Sekte, oder zu Fällen von Verurteilungen und Festnahmen gefunden werden. Dies lässt nicht notwendigerweise Rückschlüsse auf die Lage von Zeug·innen Jehovas in Tunesien zu. Gesucht wurde mittels ecoi.net, Google und Factiva nach einer Kombination aus folgenden Suchbegriffen: Tunesien, Tunis, Regierung, Zeugen Jehovas, Wachtturm-Gesellschaft („Watchtower Society“), christliche Minderheiten, religiöse Minderheiten, Sekte, Kult, Verbot („ban“), verboten, anerkannt, verurteilt, inhaftiert. Wir haben zu der Fragestellung externe Expert·innen kontaktiert, allerdings noch keine Auskunft erhalten. Sollte eine Antwort bei uns einlangen, werden wir diese umgehend an Sie weiterleiten.
Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 19. März 2026)
· AA – Auswärtiges Amt: Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in Tunesien (Stand: März 2022), 29. April 2022
https://media.frag-den-staat.de/files/foi/767841/aa-tunesien-202301.pdf
· Fanack: Jehovah’s Witnesses, the Largely Unrecognized Christian Sect, 19. November 2019
https://fanack.com/religions-in-the-middle-east-and-north-africa/christianity/jehovahs-witnesses/
· Focus Sociologique: Les Témoins de Jéhovah dans le monde, Jänner 2017
https://barbey.jimdofree.com/monde/
· JW – Jehova’s Witnesses: 2017 Country and Territory Reports, 2017
https://www.jw.org/en/library/books/2017-service-year-report/2017-country-territory/
· JW – Jehova’s Witnesses: 2025 Country and Territory Reports, 2025
https://www.jw.org/en/library/books/2025-Service-Year-Report-of-Jehovahs-Witnesses-Worldwide/2025-Country-and-Territory-Reports/
· JVL – Jewish Virtual Library: Reports on Religious Freedom: Tunisia, 1999
https://jewishvirtuallibrary.org/tunisia-religious-freedom-report-1999
· RFE/RL: Countries Where Jehovah's Witnesses' Activities Are Banned, 7. Februar 2019
https://www.rferl.org/a/countries-where-jehovahs-witnesses-activities-are-banned/29757419.html
· UK APPG FoRB – UK All-Party Parliamentary Group for Freedom of Religion or Belief, RFI – Religious Freedom Institute: Tunisia Delegation Report, Juli 2023
https://religiousfreedominstitute.org/wp-content/uploads/2023/12/20231123-Tunisia-Report-Final.pdf
· UN OHCHR – Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights: Preliminary findings of the visit to Tunisia by the UN Special Rapporteur on Freedom of Religion or Belief, 19. April 2018
https://www.ohchr.org/en/statements-and-speeches/2018/04/preliminary-findings-visit-tunisia-un-special-rapporteur-freedom
· USDOS – US Department of State: 2010 Report on International Religious Freedom: Tunisia, 17. November 2010
https://2009-2017.state.gov/j/drl/rls/irf/2010/148847.htm
· USDOS – US Department of State: 2023 Report on International Religious Freedom: Tunisia, 26. Juni 2024
https://www.ecoi.net/de/dokument/2111975.html
Anhang: Quellenbeschreibungen und Informationen aus ausgewählten Quellen
Das Auswärtige Amt (AA) ist das Ministerium der Bundesrepublik Deutschland, das für die Außen- und Europapolitik des Landes zuständig ist.
· AA – Auswärtiges Amt (Deutschland): Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage in Tunesien (Stand: März 2022), 29. April 2022
https://media.frag-den-staat.de/files/foi/767841/aa-tunesien-202301.pdf
„Die Zeugen Jehovas unterlagen in der Vergangenheit des Öfteren staatlicher Repression; in jüngster Zeit wurden allerdings keine Zwischenfalle bekannt.“ (AA, 29. April 2022, S. 10)
Fanack ist eine Online-Medienorganisation zur Veröffentlichung von Analysen über den Nahen Osten und Nordafrika, die 2010 als niederländische gemeinnützige Organisation in Den Haag gegründet worden ist.
· Fanack: Jehovah’s Witnesses, the Largely Unrecognized Christian Sect, 19. November 2019
https://fanack.com/religions-in-the-middle-east-and-north-africa/christianity/jehovahs-witnesses/
„Similarly, Tunisia and Jordan have refused to recognize Jehovah’s Witnesses as a Christian community and have banned their activities and publications. However, this has not prevented them from preaching, proselytizing and establishing some informal centres.” (Fanack, 19. November 2019)
Focus Sociologique ist eine Website zur Religionssoziologie des Sozialwissenschaftlers Philippe Barbey, der an der Universität Sorbonne in Paris arbeitet.
· Focus Sociologique: Les Témoins de Jéhovah dans le monde, Jänner 2017
https://barbey.jimdofree.com/monde/
„En Tunisie, on compte 34 proclamateurs en 1970, 33 en 1993. Dans ces pays du Maghreb, les Témoins de Jéhovah sont étroitement surveillés.” (Focus Sociologique, Jänner 2017)
Die Jewish Virtual Library (JVL) ist eine Online-Enzyklopädie, die von der American–Israeli Cooperative Enterprise (AICE) herausgegeben wird.
· JVL – Jewish Virtual Library: Reports on Religious Freedom: Tunisia, 1999
https://jewishvirtuallibrary.org/tunisia-religious-freedom-report-1999
„The vast majority of the population of 9.2 million is nominally Muslim. There is no reliable data on the number of practicing Muslims The nominal Christian community--composed of foreign temporary and permanent residents and a small group of native-born citizens of both European and Arab origin--numbers approximately 20,000 and is dispersed throughout the country. According to church leaders, the practicing Christian population numbers approximately 2,000 and includes an estimated 200 native-born ethnic Arab citizens who have converted to Christianity. The Catholic Church operates 5 churches, 14 private schools, and 7 cultural centers throughout the country, as well as 1 hospital in Tunis, the capital. It has approximately 1,400 practicing members, composed of temporary and permanent foreign residents and a small number of native-born citizens of European and Arab origin. In addition to holding religious services, the Catholic Church also freely organizes cultural activities and performs charitable work throughout the country. The Russian Orthodox Church has 340 practicing members and operates two churches--one in Tunis and one in Bizerte. The French Reform Church operates one church in Tunis, with a congregation of 140 primarily foreign members. The Anglican Church has approximately 50 foreign members who worship in a church in Tunis. The 30-member Greek Orthodox Church maintains 1 church each in Tunis, Sousse, and Jerba. A community of 43 Jehovah's Witnesses, of which about half are foreign residents and half are native-born citizens, also exists. Although the Government permits these Christian churches to operate freely, only the Catholic Church has formal recognition from the post-independence Government. The other churches operate under land grants signed by the Bey of Tunis in the 18th and 19th centuries, which are respected by the post- independence Government.” (JVL, 1999)
Die UK All-Party Parliamentary Group on Freedom of Religion or Belief (APPG FoRB) ist eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe aus britischen Parlamentarier·innen. Das Religious Freedom Institute (RFI) ist eine Forschungsgruppe mit Sitz in Washington, D.C., die sich für Religionsfreiheit als grundlegendes Menschenrecht einsetzt.
· UK APPG FoRB – UK All-Party Parliamentary Group for Freedom of Religion or Belief, RFI – Religious Freedom Institute: Tunisia Delegation Report, Juli 2023
https://religiousfreedominstitute.org/wp-content/uploads/2023/12/20231123-Tunisia-Report-Final.pdf
„According to official figures, nearly 99% of the Tunisian population are Sunni Muslim and less than 1% of the population adhere to other minority faiths, including Baha’i, Christian, Jewish, Shi’a Muslim, Ahmadiyya, Jehovah’s Witness, Mormon, and secular beliefs. Articles 27 and 28 of the 2022 constitution guarantee ‘freedom of belief and conscience’ and protects ‘the free exercise of worship as long as it does not undermine public security.’
Challenges to religious freedom have, nevertheless, persisted in the country. The Baha’i faith is not officially recognised. Other religious minority groups face significant challenges to official registration as associations. Social perceptions of religious freedom vary among Tunisians. Members of religious minority communities have reported discrimination and harassment, and some members of the Sunni Muslim majority have pushed back against efforts to promote religious freedom and tolerance across society, including those efforts led or supported by Sunni imams and other religious leaders.
The Catholic Church is the only Christian denomination granted formal association permissions. A ‘Modus Vivendi’ signed in 1964 allows the Catholic Church to function in the country and provides state recognition. However, it restricts religious activities and services to the physical confines of authorised churches, outlaws proselytism, and prohibits construction of new churches and the ringing of church bells.” (UK APPG FoRB/RFI, Juli 2023, S. 6)
Das Büro des Hohen Kommissars für Menschenrechte (OHCHR) ist eine Abteilung des Sekretariats der Vereinten Nationen mit dem Auftrag, Menschenrechte zu fördern und zu schützen sowie Menschenrechtsverletzungen zu verhindern.
· UN OHCHR – Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights: Preliminary findings of the visit to Tunisia by the UN Special Rapporteur on Freedom of Religion or Belief, 19. April 2018
https://www.ohchr.org/en/statements-and-speeches/2018/04/preliminary-findings-visit-tunisia-un-special-rapporteur-freedom
„Tunisia is a country with a rich history of religious diversity which in its present context, includes persons of Sunni, Ibadi, Shia, Jewish, Catholic, Orthodox and Protestant faiths, along with persons belonging to newer religious or belief groups such as Salafis, Baha'i, Jehovah’s Witnesses, and free thinkers. According to official figures, 99% of the population of 11 million people are identified as Muslim.” (UN OHCHR, 19. April 2018)
Das US Department of State (USDOS) ist das US-Bundesministerium, das für die auswärtigen Angelegenheiten der Vereinigten Staaten zuständig ist.
· USDOS – US Department of State: 2010 Report on International Religious Freedom: Tunisia, 17. November 2010
https://2009-2017.state.gov/j/drl/rls/irf/2010/148847.htm
[archived]
„The Christian community, composed of foreign residents and a small group of native-born citizens of European or Arab descent, numbers approximately 25,000 and is dispersed throughout the country. […] There are also approximately 50 Jehovah's Witnesses, of whom half are foreign residents and half are native-born citizens.” (USDOS, 17. November 2010)
· USDOS – US Department of State: 2023 Report on International Religious Freedom: Tunisia, 26. Juni 2024
https://www.ecoi.net/de/dokument/2111975.html
„Section I.Religious Demography
The U.S. government estimates the total population at 12 million (mid-year 2023), of which approximately 99 percent are Sunni Muslim. Christians, Jews, Shia Muslims, Baha’is, and nonbelievers constitute less than 1 percent of the population. The Ministry of Religious Affairs (MRA) estimates there are approximately 30,000 Christian residents, most of whom are foreigners, and of whom 80 percent are Roman Catholic. The remaining 20 percent of the Christian population is composed of Protestants, Russian Orthodox, French Reformists, Anglicans, evangelicals, Greek Orthodox, Jehovah’s Witnesses, and members of the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. There are approximately 5,000 Christian citizens, according to community leaders, most of whom are Anglicans or evangelicals.” (USDOS, 26. Juni 2024)