Amnesty International Report 2011 - Zur weltweiten Lage der Menschenrechte

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Amnesty Report 2011

Indien

Amtliche Bezeichnung: **Republik Indien
**Staatsoberhaupt:
Pratibha Patil
Regierungschef: Manmohan Singh
Todesstrafe: nicht abgeschafft
Einwohner: 1,2 Mrd.
Lebenserwartung: 64,4 Jahre
Kindersterblichkeit (m/w): 77/86 pro 1000 Lebendgeburten
Alphabetisierungsrate: 62,8%

In den Bundesstaaten Chhattisgarh, Jharkhand und Westbengalen eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten maoistischen Gruppen und Sicherheitskräften. Bombenanschläge in diesen Bundesstaaten sowie ethnisch motivierte Anschläge in Assam und anderen Bundesstaaten kosteten mehr als 350 Menschen das Leben. Nach Protesten von Adivasi (Angehörige indigener Völker) und anderen gesellschaftlichen Randgruppen gegen Pläne, ihr Land und ihre Bodenschätze ohne Rücksprache und ohne ihre Zustimmung in Besitz zu nehmen, wurden Großprojekte von Unternehmen eingestellt. Die mit diesen Fällen befassten Menschenrechtsverteidiger wurden von staatlichen oder privaten Interessenvertretern mit politisch motivierten Anklagen überzogen; einigen von ihnen legte man Aufwiegelung zur Last. Zwischen Juni und September wurden im Tal von Kaschmir mehr als 100 Personen, darunter zahlreiche Jugendliche, bei Protestkundgebungen getötet. Folter und andere Misshandlungen, außergerichtliche Hinrichtungen, Todesfälle im Gewahrsam und Administrativhaft (ohne Anklage und Prozess) waren nach wie vor weit verbreitet. Die institutionellen Mechanismen zum Schutz der Menschenrechte und der Menschenrechtsverteidiger waren weitgehend wirkungslos. Gerichtsverfahren, die sich mit Menschenrechtsverletzungen und Verstößen der Vergangenheit befassten, verhalfen den Opfern oft nicht zu ihrem Recht. Mindestens 105 Personen wurden 2010 zum Tode verurteilt. Es fanden jedoch im sechsten Jahr in Folge keine Hinrichtungen statt.

Hintergrund

Indiens schnelles wirtschaftliches Wachstum beschränkte sich auf die wichtigsten Städte und deren Umland. In den meisten ländlichen Gebieten herrschte hingegen weiterhin bittere Armut, die sich durch eine Krise der Landwirtschaft und ein sinkendes Nahrungsmittelangebot für in Armut lebende Menschen noch verschärfte. Offiziellen Angaben zufolge lebten zwischen 30 und 50% der Bevölkerung in Armut. Zu ihnen zählten auch Menschen in ländlichen Gebieten, denen an mindestens 100 Tagen im Jahr Arbeit zustand. Die Behörden bezahlten ihnen dafür aber nach wie vor weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn.
Der Besuch von US-Präsident Barack Obama im November 2010 unterstrich die wachsende Bedeutung des Landes auf internationaler Ebene sowie in der Region. Allerdings stellte Indien regelmäßig wirtschaftliche und strategische Interessen in den Vordergrund, während menschenrechtliche Überlegungen vernachlässigt wurden. So bezogen die indischen Behörden nicht gegen die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen Stellung, die staatliche Stellen im benachbarten Myanmar begingen. Sie schwiegen auch angesichts von Forderungen, die Regierung von Sri Lanka müsse wegen Menschenrechtsverletzungen in der Endphase des Bürgerkriegs 2009 zur Verantwortung gezogen werden.
Die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan waren 2010 weiterhin belastet, da sich Pakistan noch immer weigerte, angemessen auf die Anschläge von Mumbai im November 2008 zu reagieren. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wurden auch dadurch getrübt, dass es im indisch verwalteten Teil Kaschmirs vermehrt zu Protesten kam, die Unabhängigkeit forderten.

Gewalttätige Auseinandersetzungen

Im zentralindischen Bundesstaat Chhattisgarh eskalierten die Kampfhandlungen zwischen bewaffneten maoistischen Gruppen und Sicherheitskräften. Letztere wurden von der Miliz Salwa Judum unterstützt, von der allgemein angenommen wird, dass sie finanzielle Zuwendungen von staatlicher Seite erhält. Bei einer Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof bezüglich Eingaben, die sich gegen die Straflosigkeit richteten, erklärten die bundesstaatlichen Behörden im November, die Miliz sei nicht mehr aktiv. Menschenrechtsorganisationen erklärten hingegen, sie sei zu einer lokalen "Friedenstruppe" umgebildet worden.
In den Adivasi-Gebieten der Bundesstaaten Jharkhand und Westbengalen fanden vergleichbare Auseinandersetzungen und Bombenanschläge statt. Beide Seiten gingen immer wieder gezielt gegen Zivilpersonen vor, insbesondere gegen Adivasi. Berichten zufolge wurden sie Opfer von Tötungen und Entführungen. Es gab weiterhin ungefähr 30000 Binnenflüchtlinge, die den Adivasi angehörten und allein im Bundesstaat Chhattisgarh vertrieben worden waren. 10000 von ihnen waren in Lagern untergebracht, 20000 lebten verstreut in den benachbarten Bundesstaaten Andhra Pradesh und Orissa.

  • Im Mai 2010 wurden mindestens 144 Passagiere getötet und 200 weitere verletzt, als ein Expresszug im Bezirk West-Medinipur (Bundesstaat Westbengalen) nach einer Explosion auf den Schienen entgleiste. In dem Gebiet kam es regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Maoisten auf der einen Seite sowie der regierenden Kommunistischen Partei Indiens - Marxisten (Communist Party of India-Marxist - CPI-M) und zentralstaatlichen paramilitärischen Verbänden auf der anderen Seite. Im August wurde Umakanta Mahato, ein Adivasi-Sprecher des Volkskomitees gegen Polizeigewalt (People's Committee against Police Atrocities - PCPA), außergerichtlich hingerichtet. Er war einer derjenigen, gegen die im Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Zug Anklage erhoben worden war. Die Tat ereignete sich nach einer Welle politischer Gewalt, bei der drei Anhänger der CPI-M vom PCPA getötet worden waren.
  • Im September 2010 nahmen Sicherheitskräfte bei Militäroperationen in Chhattisgarh, die sich gegen die Maoisten richteten, 40 Adivasi widerrechtlich fest, zogen sie nackt aus und folterten sie. Sie nahmen 17 weitere Personen fest, von denen zwei erst 16 Jahre alt waren. Zwei Frauen, die der Gruppe angehörten, wurden sexuell missbraucht. Obwohl erste Ermittlungen ergeben hatten, dass die Sicherheitskräfte für die Verstöße verantwortlich waren, unternahmen die Behörden nichts, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.
  • Friedensaktivisten des Vanvasi Chetna Ashram (VCA), einer im Geiste Gandhis arbeitenden NGO, wurden gezwungen, ihre Arbeit in den Konfliktgebieten von Chhattishgarh einzustellen. Der Gründer des VCA, Himanshu Kumar, konnte nicht nach Dantewada zurückkehren. Er war 2009 aus der Stadt geflohen, nachdem die Miliz Salwa Judum, die Polizei des Bundesstaats und paramilitärische Truppen ihn unablässig schikaniert und eingeschüchtert hatten.
  • Im September 2010 beschuldigte die Polizei von Chhattisgarh den Adivasi-Sprecher und gewaltlosen politischen Gefangenen Kartam Joga, dessen Eingabe gegen Straflosigkeit vor dem Obersten Gericht verhandelt wurde, er würde mit den bewaffneten Maoisten zusammenarbeiten.
  • Im Dezember 2010 sprach ein örtliches Gericht in Chhattisgarh den Menschenrechtsverteidiger, Arzt und gewaltlosen politischen Gefangenen Binayak Sen der Zusammenarbeit mit den Maoisten schuldig und verurteilte ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Verantwortung von Unternehmen

Marginalisierte Bevölkerungsgruppen vor Ort, die von Bergbau-, Bewässerungs- und anderen Unternehmensprojekten betroffen waren, wurden von Behörden und Wirtschaftsunternehmen weder in angemessener Weise einbezogen noch wurden ihre Rechte geschützt. Adivasi und andere gesellschaftliche Randgruppen organisierten in mehreren Bundesstaaten Protestaktionen, weil ihr Land durch Vorhaben von Wirtschaftsunternehmen bedroht wurde und die Behörden ihre Ansprüche auf das Land, die durch die Verfassung und Gesetze aus der jüngsten Vergangenheit garantiert wurden, nicht respektierten. Einige dieser Aktionen endeten erfolgreich.

  • Es war ein historischer Sieg für die Rechte der Adivasi, als die indische Regierung Pläne zum Bauxitabbau in den Bergen von Niyamgiri sowie die Erweiterung einer Aluminiumraffinerie im benachbarten Lanjigarh im Bundesstaat Orissa ablehnte. Die Pläne waren von einem Tochterunternehmen des in Großbritannien ansässigen Bergbaukonzerns Vedanta Resources und der staatseigenen Orissa Mining Corporation vorgelegt worden. Nach Ansicht der Behörden standen die beiden Projekte im Widerspruch zu Forst- und Umweltgesetzen und stellten Verstöße gegen die Rechte der Dongria Kondh und anderer Adivasi-Gemeinschaften dar.
  • Im Juni 2010 verurteilte ein Gericht in Bhopal acht indische Führungskräfte des US-amerikanischen Chemieunternehmens Union Carbide zu zwei Jahren Gefängnis für ihre Rolle, die sie bei der Giftgaskatastrophe in Bhopal im Jahr 1984 gespielt hatten. Damals war aus einem Leck Giftgas ausgeströmt, das 7000-10000 Menschen tötete. In den folgenden zwei Jahrzehnten starben weitere 15000 Menschen an den Spätfolgen des Unglücks. Im August nahm der Oberste Gerichtshof das Verfahren erneut auf, nachdem in der Öffentlichkeit Unmut über das Strafmaß aufgekommen war, das als zu gering empfunden wurde.

Exzessive Gewaltanwendung

Die Polizei setzte 2010 exzessive Gewalt ein, um Proteste lokaler Gemeinschaften gegen rechtswidrige Zwangsräumungen und die Übernahme ihres Landes für Projekte von Wirtschaftsunternehmen niederzuschlagen. Auch schützte die Polizei Demonstrierende nicht gegen private Milizen, die dem Vernehmen nach mit den Regierungsparteien in Verbindung standen und Protestkundgebungen gewaltsam unterdrückten. Die Behörden leiteten bei den meisten Vorfällen dieser Art keine unabhängigen und umgehenden Untersuchungen ein.

  • Im Mai wurde der Adivasi-Sprecher Laxman Jamuda getötet, als die Polizei auf Demonstrierende schoss, die in Kalinganagar im Bundesstaat Orissa gegen die Übernahme von Adivasi-Land für ein geplantes Stahlwerk des Unternehmens Tata Steel protestierten. 19 Personen wurden verletzt, zehn erlitten Schusswunden. Rund 1000 Polizisten riegelten mehrere Dörfer ab, während 200 Angehörige einer privaten Miliz gewaltsam dort eindrangen und einige Häuser zerstörten.
  • Im Mai wurden mindestens 20 Menschen verletzt, als die Polizei Tränengas und Schlagstöcke einsetzte, um etwa 1000 Bauern auseinanderzutreiben, die im Bezirk Jagatsinghpur in Orissa gegen die Inbesitznahme ihres Ackerlandes und ihres Gemeinschaftslandes protestierten. Das südkoreanische Unternehmen Pohong Steel Company (POSCO) wollte auf ihrem Land ein Stahlwerk errichten.
  • Im Juli wurden zwei Fischer getötet, als die Polizei auf Teilnehmer einer Kundgebung schoss, die gegen eine Landnahme durch die Regierung für ein Wasserkraftwerk des Unternehmens Nagarjuna Construction Company in Sompeta (Bundesstaat Andra Pradesh) protestierten. Fünf Personen erlitten Schussverletzungen, als die Polizei mit Unterstützung einer privaten Miliz die Protestierenden aus zehn Dörfern der Gegend auseinandertrieb. 350 Personen wurden verletzt, darunter 60 Polizeibeamte. Einen Tag später zogen die Behörden eine zuvor ausgestellte Bescheinigung über die ökologische Unbedenklichkeit des Projekts zurück.
    Die anhaltenden Proteste zwangen die Behörden dazu, die existierenden Gesetze zur Übernahme von Land zu prüfen. Im September schlugen die Bundesbehörden ein neues Gesetz für den Rohstoffsektor vor, das Vorkehrungen zur Gewinnbeteiligung lokaler Gemeinschaften enthält. Der Entwurf sieht auch neue Rahmenrichtlinien bezüglich der freien, auf vorheriger Information begründeten Zustimmung der Adivasi und Absprachen mit anderen marginalisierten Gemeinschaften vor. Dem Parlament lagen Gesetzentwürfe vor, die Reformen bei den Verfahren des Landerwerbs umfassten sowie Maßnahmen bezüglich Umsiedlung und Wiedereingliederung.

Menschenrechtsverteidiger

Personen, die die Landrechte der Adivasi und anderer gesellschaftlicher Randgruppen verteidigten und die sich zum Schutz dieser Rechte in einigen Fällen auf das gesetzlich garantierte Recht auf Information (Right to Information Act) beriefen, waren weiterhin schwerwiegenden Bedrohungen und gewalttätigen Übergriffen durch private Milizen ausgesetzt.

  • Im Januar 2010 wurde Sadhu Singh Takhtupura im Bezirk Amritsar im Bundesstaat Punjab ermordet. Er war der Anführer von Bauern, die sich gegen Landaneignungen durch ein Bündnis lokaler Politiker, Unternehmer und korrupter Beamter zur Wehr setzten. Im Oktober wurde ein weiterer Bauernführer, Pirthipal Singh Alishar, von Angreifern erschossen. Er leitete eine Kampagne gegen Geldverleiher, die Wucherzinsen verlangten. In beiden Fällen warfen die lokalen Gemeinschaften der Polizei vor, sie habe keine Ermittlungen eingeleitet und nichts unternommen, um die Schuldigen vor Gericht zu stellen.
  • Im Januar 2010 wurde Satish Shetty ermordet, der unter Berufung auf das Recht auf Information die illegale Inbesitznahme von Land in der Stadt Pune angeprangert hatte. Eine Aufforderung, seine Proteste einzustellen, hatte er zuvor zurückgewiesen.
  • Im Juli 2010 wurde Amit Jethwa, der sich gegen illegale Bergbauaktivitäten im Nationalpark Gir Forest im Bundesstaat Gujarat eingesetzt hatte, vor dem Gebäudekomplex eines erstinstanzlichen Gerichts in Ahmedabad erschossen.
  • Personen, die sich gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzten, waren Schikanen, Einschüchterungen und Festnahmen auf Grundlage falscher und politisch motivierter Anschuldigungen ausgesetzt.
  • Zwischen März und Juni 2010 nahm die Polizei des Bundesstaats Gujarat 13 politisch engagierte Bürger fest, unter ihnen Avinash Kulkarni, der sich für Arbeitnehmerrechte von Adivasi einsetzte. Gegen die Festgenommenen wurde Anklage wegen Zusammenarbeit mit bewaffneten maoistischen Gruppen erhoben.

Straflosigkeit

Es herrschte weiterhin überwiegend Straflosigkeit für Menschenrechtsverletzungen. Trotz anhaltender Proteste im Nordosten zeigten sich die Behörden nicht bereit, das Sonderermächtigungsgesetz für die Streitkräfte von 1958 (Armed Forces Special Powers Act) aufzuheben, das Straflosigkeit ermöglicht. Diejenigen, die für das "Verschwindenlassen" von Personen, außergerichtliche Hinrichtungen und andere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich waren, die zwischen 1984 und 1994 im Punjab sowie zwischen 1998 und 2001 in Assam begangen worden waren, entzogen sich weiterhin der Justiz. Angehörige der Dalit-Gemeinschaften (Kastenlose) waren in mehreren Bundesstaaten Übergriffen und Diskriminierung ausgesetzt. Die Behörden brachten die existierenden Sondergesetze nicht zur Anwendung, die erlassen worden waren, um die Verantwortlichen für diese Gewalttaten strafrechtlich zu verfolgen.

Massaker von 1984

Im September 2010 ordnete der Oberste Gerichtshof die Fortsetzung des Verfahrens gegen einen führenden Politiker der Kongresspartei, Sajjan Kumar, an. Das Verfahren gegen ein weiteres ehemaliges Führungsmitglied der Kongresspartei, Jagdish Tytler, wurde im April von einem Gericht in Neu-Delhi abgeschlossen. Beiden Männern war vorgeworfen worden, sie hätten nach dem Mord an der damaligen Premierministerin Indira Gandhi 1984 ihre Anhänger aufgestachelt, das Massaker in Neu-Delhi zu verüben, bei dem Tausende von Sikhs getötet wurden.

Ethnisch-religiöse Gewalt

In den Gerichtsverfahren gegen einige der Personen, denen die Verantwortung für die Angriffe auf die muslimische Minderheit im Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002 zur Last gelegt wurde, bei denen rund 2000 Menschen ums Leben kamen, waren kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die Verfahren wiesen schwerwiegende Defizite auf: So wurden Zeugen von den Behörden mit unverhohlener Feindseligkeit behandelt; zentrale Beweismittel, darunter offizielle Telefonmitschnitte, wurden nicht ausgewertet, und Beweismittel, die wichtige politische Führer mit den Gewalttaten in Zusammenhang brachten, wurden vernichtet.

  • Im Dezember 2010 wurden Teesta Setalvad, die Leiterin des Zentrums für Gerechtigkeit und Frieden, sowie ein Team von Anwälten, das die Opfer der Anschläge verteidigte, von der Polizei des Bundesstaats Gujarat schikaniert. Man warf ihnen vor, Beweismittel zu erfinden.

Jammu und Kaschmir

Es herrschte weiterhin Straflosigkeit bezüglich Menschenrechtsverletzungen, die während des bewaffneten Konflikts in Kaschmir seit 1989 begangen wurden, darunter das "Verschwindenlassen" von Tausenden von Menschen. Offizielle Untersuchungen, die sich auf einige der Menschenrechtsverletzungen bezogen, machten geringe oder keine Fortschritte.

  • Zwischen Juni und September 2010 fanden im Kaschmir-Tal Demonstrationen statt, die Unabhängigkeit forderten sowie eine Bestrafung derjenigen, die für Menschenrechtsverletzungen in der Vergangenheit verantwortlich waren. Angehörige der Polizei und der Sicherheitskräfte gaben Schüsse auf die Demonstrierenden ab. Dabei wurden mehr als 100 Personen getötet, in der Mehrzahl Jugendliche. 800 weitere Personen wurden verletzt, unter ihnen auch Journalisten. Eine von den staatlichen Behörden eingeleitete Untersuchung bezog sich nur auf 17 der 100 Todesfälle, obwohl Amnesty International und andere Organisationen eine unabhängige, unparteiische und gründliche Untersuchung aller Todesfälle gefordert hatten. Die Ermittlungen verliefen schleppend.
    Die Behörden des Bundesstaats Jammu und Kaschmir machten in zahlreichen Fällen Gebrauch von der Administrativhaft: Von Januar bis September wurden 322 Personen festgenommen. Nach den Demonstrationen ließen die Behörden des Bundesstaats die beiden Separatistenführer Shabir Shah und Mohammad Nayeem Khan frei. Sie folgten damit den Empfehlungen einer von der indischen Regierung ernannten Gruppe von Vermittlern, die das Kaschmir-Tal besuchten, um einen Dialog zwischen den Konfliktparteien zu fördern.
  • Der 14-jährige Mushtaq Ahmad Sheikh wurde im April 2010 in Srinigar festgenommen und beschuldigt, an gewalttätigen Protestaktionen teilgenommen zu haben. Er wurde in das Gefängnis von Udhampur gebracht und später in eine Haftanstalt in Jammu, wo er sich Ende des Jahres noch immer befand.

Widerrechtliche Tötungen

Die Nationale Menschenrechtskommission (National Human Rights Commission - NHRC) veröffentlichte Angaben zu Todesfällen, die sich zwischen 1993 und 2008 bei Zusammenstößen mit der Polizei ereignet hatten. Diesen Angaben zufolge gab es insgesamt 2560 Todesfälle, davon waren 1224 auf sogenannte vorgetäuschte Zusammenstöße zurückzuführen, was nichts anderes hieß, als das es sich dabei um außergerichtliche Hinrichtungen handelte. Bis zum Jahresende hatte die NHRC den Familien von 16 Opfern Entschädigungen zugesprochen. Die Verantwortlichen für die widerrechtlichen Tötungen wurden nur in den seltensten Fällen zur Rechenschaft gezogen, und die Verfahren in diesen Fällen kamen weiterhin nur langsam voran.

  • Im Falle der Tötung von Sohrabuddin und seiner Frau Kausar Bi im Jahr 2005 sowie der späteren Tötung des Tatbeteiligten Tulsiram Prajapati, für die vermutlich die Polizei des Bundesstaats Gujarat verantwortlich war, ordnete der Oberste Gerichtshof im Januar 2010 neue Ermittlungen an. Das Gericht bewertete die Untersuchung der Polizei von Gujarat als unbrauchbar und beauftragte die Zentrale Ermittlungsbehörde (Central Bureau of Investigation) mit dem Fall.
  • Im November 2010 setzte die Regierung des Bundesstaats Gujarat eine neue Sonderkommission der Polizei ein, um die Tötung von Ishrat Jahan und drei weiteren Personen im Jahr 2004 durch die Polizei von Gujarat zu untersuchen.

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Willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen]
Mehr als 100 Personen wurden im Zusammenhang mit Bombenanschlägen in mehreren Bundesstaaten, darunter Delhi, Uttar Pradesh und Rajasthan, ohne Anklage inhaftiert. Die Zeiträume der Haft reichten dabei von einer Woche bis zu einem Monat. Sowohl muslimische als auch hinduistische Organisationen sahen sich veranlasst, gegen Folter und andere Misshandlungen von Verdächtigen zu protestieren. Die Sicherheitsgesetze, die nach den Anschlägen in Mumbai im November 2008 verschärft worden waren, dienten dazu, Verdächtige festzunehmen. Trotz anhaltender Proteste wurde das Sonderermächtigungsgesetz für die Streitkräfte nicht außer Kraft gesetzt, das es den Sicherheitskräften in bestimmten Gebieten oder Bundesstaaten erlaubt, auch dann tödliche Schüsse abzugeben, wenn ihnen keine unmittelbare Gefahr droht.
Todesstrafe
Im Dezember 2010 stimmte Indien gegen eine Resolution der UN-Generalversammlung, die zu einem weltweiten Hinrichtungsmoratorium aufrief. Gegen 105 Personen ergingen Todesurteile, darunter auch gegen Ajmal Kasab. Der pakistanische Staatsbürger wurde wegen Beteiligung an den Anschlägen in Mumbai 2008 - als einziger überlebender Tatbeteiligter - zum Tode verurteilt. Im sechsten Jahr in Folge fanden jedoch keine Hinrichtungen statt, und die Todesurteile gegen 13 Personen wurden in lebenslange Freiheitsstrafen umgewandelt. Gesetzesänderungen weiteten die Todesstrafe auf den Straftatbestand Entführung aus. Gemäß einer neuen Gesetzgebung veröffentlichten 16 Bundesstaaten Daten über die Zahl der im Todestrakt einsitzenden Personen. Mindestens fünf Bundesstaaten lehnten die Veröffentlichung dieser Zahlen jedoch ab.
Amnesty International: Missionen und Berichte
M Delegationen von Amnesty International besuchten Indien in den Monaten Februar, Mai/Juni sowie im Dezember.
B Don't mine us out of existence: Bauxite mine and refinery devastate lives in India (ASA 20/001/2010)
B India: Chhattisgarh authorities must immediately release witness to extrajudicial executions (ASA 20/002/2010)
B India: Government of Manipur must release Irom Sharmila Chanu (ASA 20/003/2010)
B India's relations with Myanmar fail to address human rights concerns in run up to elections (ASA 20/016/2010)
B India: Urgent need for Government to act as death toll rises in Kashmir (ASA 20/027/2010)
B India: Briefing on the Prevention of Torture Bill (ASA 20/030/2010)