Document #1289123
ACCORD – Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation (Author)
6. März 2015
Das vorliegende Dokument beruht auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen, und wurde in Übereinstimmung mit den Standards von ACCORD und den Common EU Guidelines for processing Country of Origin Information (COI) erstellt.
Diese Antwort stellt keine Meinung zum Inhalt eines Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar. Alle Übersetzungen stellen Arbeitsübersetzungen dar, für die keine Gewähr übernommen werden kann.
Wir empfehlen, die verwendeten Materialien im Original durchzusehen. Originaldokumente, die nicht kostenfrei oder online abrufbar sind, können bei ACCORD eingesehen oder angefordert werden.
1) Lage von staatenlosen Palästinensern, insbesondere solchen, die zuvor in Syrien gelebt haben und über ein syrisches Reisedokument für Flüchtlinge verfügen (u.a. Zugang zu staatlicher Unterstützung und medizinischer Hilfe, zu Bildung für ihre Kinder und zu regulärer Arbeit)
In einer E-Mail-Auskunft vom 13. Jänner 2015 schreibt UNHCR Libyen, dass Libyen seit den 1960er-Jahren PalästinenserInnen das Recht zur Einreise und zum Aufenthalt gewähre, vorausgesetzt, sie würden über Dokumente verfügen, die ihre palästinensische Herkunft belegen würden. Bei PalästinenserInnen würden keine Unterschiede auf Basis des Landes des letzten Wohnsitzes oder der Art des Reisedokuments, über das sie verfügen würden, gemacht. Wie UNHCR Libyen weiters anführt, hätten PalästinenserInnen nach den entsprechenden Rechtsvorschriften und politischen Richtlinien ebenso wie LibyerInnen das Recht auf Zugang zu öffentlichen Bildungseinrichtungen und Gesundheitsdiensten. Außerdem könnten sie Geschäfte eröffnen und um Arbeitserlaubnisse ansuchen:
„Since the 1960s, Libya has granted entry to Palestinians and access to residency, provided they have documentation proving they are of Palestinian origin. A distinction is not made between Palestinians based on country of last residence or the type of travel documents they carry.”
„Under related legislation and policies, Palestinians are entitled to access to public education and healthcare, on par with Libyans, and may open businesses and apply for work permits.” (UNHCR Libyen, 13. Jänner 2015)
Laut der Auskunft von UNHCR Libyen gebe es Hinweise darauf, dass beide Konfliktparteien in Libyen PalästinenserInnen mit Argwohn betrachten würden. (UNHCR Libyen, 13. Jänner 2015)
Die Economist Intelligence Unit (EIU), ein auf die Bereitstellung von Wirtschaftsinformationen spezialisiertes, unabhängiges Unternehmen innerhalb des in London ansässigen Medienunternehmens The Economist Group, führt in einem Artikel vom Februar 2014 an, dass Libyen im Jahr 1995 insgesamt 30.000 Palästinenser ausgewiesen habe, um gegen das Oslo-Abkommen (zwischen Palästinensern und Israel zur Lösung des Nahostkonflikts, Anm. ACCORD) zu protestieren. Heutzutage befänden sich Palästinenser in Libyen, deren Zahl auf über 50.000 geschätzt werde, in einer höchst unsicheren Lage:
„Tragically, thousands of Palestinians from Iraq who found sanctuary in Syria have now become refugees once again. In other cases, Palestinians have faced forcible expulsion for political reasons. Kuwait ejected around 300,000 after the Gulf War, accusing them of being sympathetic to Iraq. Then Libya temporarily expelled 30,000 in 1995, in a political stunt used by the former Libyan leader, Muammar Qadhafi, to express his opposition to the Oslo Accords peace agreement. Palestinians in Libya today, thought to number over 50,000, are in a highly insecure situation.” (EIU, 4. Februar 2014)
In einem im November 2013 veröffentlichten Bericht für das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UN High Commissioner for Refugees, UNHCR) schreibt die Beratungsfirma Altai Consulting, dass es in Libyen eine kleine Gemeinschaft von Asylsuchenden gebe, die vor allem aus Syrern, Eritreern, Somaliern, Äthiopiern, Palästinensern und Irakern bestehe. Die arabischen Asylsuchenden seien gut integriert und würden in manchen Fällen über einen Flüchtlingsstatus verfügen, den sie unter dem alten Regime erhalten hätten.
Arabische Asylsuchende würden eher in Familienverbänden nach Libyen kommen und aufgrund der gemeinsamen Sprache und Religion besser als afrikanische Asylsuchende in die libysche Gesellschaft integriert sein. Dies ermögliche es ihnen, sich relativ gute Lebensbedingungen in Libyen zu schaffen.
Palästinensische Asylsuchende seien in zwei Wellen nach Libyen gekommen. Es gebe jene, die vor kurzem aus Syrien, wo sie als Flüchtlinge gelebt hätten, gekommen seien und jene, die in den 1990er-Jahren aufgrund der Präsenz der Hamas im Gazastreifen (oder allgemeiner wegen des Konflikts mit Israel) aus den palästinensischen Gebieten geflohen seien.
Die Palästinenser, die in den 1990er-Jahren aus den palästinensischen Gebieten gekommen seien (im Gegensatz zu den neuangekommenen Palästinensern aus Syrien), seien im Allgemeinen gut ausgebildet und würden hochqualifizierte Jobs verrichten. Einige von ihnen seien unter dem alten Regime auch von UNHCR als Flüchtlinge registriert worden.
Während Syrer und palästinensische Neuankömmlinge aus Syrien einige dieser Charakteristika teilen würden, würden sie sich eher in niedrigqualifizierten Jobs wiederfinden und weniger Verbindungen zur libyschen Gesellschaft aufweisen. Trotzdem seien syrische Asylsuchende vor allem wegen der Sympathie der Libyer für den syrischen Kampf relativ gut integriert. Palästinensische Neuankömmlinge seien weniger gut integriert, insbesondere da es an Verständnis für die Zugeständnisse, die das alte Regime den Palästinensern gemacht habe, fehle. Nichtsdestotrotz seien sie aufgrund des verhältnismäßig hohen Integrationslevels arabischer Asylsuchender in Libyen weniger gefährdet als afrikanische Asylsuchende.
Das größte Problem, mit dem syrische und palästinensische Neuankömmlinge konfrontiert seien, sei, dass sie üblicherweise über kein hohes Qualifikationsniveau verfügen würden. Deshalb seien sie für Arbeitgeber auf dem lokalen Arbeitsmarkt nicht attraktiver als andere niedrigqualifizierte Wirtschaftsmigranten. Für lange in Libyen lebende Iraker und Palästinenser scheine Unsicherheit ein großes Problem zu sein, vor allem da sie sich in gut bezahlten Jobs befänden und einen guten Lebensstandard hätten, wodurch sie zum Ziel von kleineren Diebstählen und Verbrechen werden könnten. Darüber hinaus könnten sie ihre derzeitige Lage mit der während des alten Regimes vergleichen und würden die Situation nach der Revolution als einen Zustand relativer Gesetzlosigkeit wahrnehmen:
„There is also a small community of asylum seekers, mainly Syrians, Eritreans, Somalis, Ethiopians, Palestinians and Iraqis. While the Arab asylum seekers are well integrated and in some cases, have refugee status, which they gained under the former regime, the African asylum seekers, particularly those that arrived recently, are vulnerable to abuse and exploitation and arbitrary arrest and detention (since Libya maintains no framework for asylum). This causes them to live deeply underground in Libya and to board boats to Europe as soon as they have enough money to do so.” (Altai Consulting, November 2013, Executive Summary)
„Arab asylum seekers, such as Iraqis, Palestinians, and Syrians are an exception. They tend to arrive in families and are better integrated into Libyan society, given shared language and religion, which allows them to create relatively good living conditions in the country. This discourages them from wanting to move on to Europe and, unlike their counterparts from the Horn of Africa, they tend to settle for the long term. A number of communities of long-term Arab asylum seekers can be found in the country today.” (Altai Consulting, November 2013, S. 87)
„Palestinian asylum seekers arrived in two waves in Libya. There are those that arrived recently from Syria, as they had been living there as refugees, and those that fled from the Palestinian territories in the 90’s due to the presence of Hamas in the Gaza strip (or more generally, the conflict with Israel).” (Altai Consulting, November 2013, S. 88)
„Arab asylum seekers in Libya (such as the Iraqis, Palestinians, and Syrians) tend to be relatively well integrated given the fact that they share language and religion with Libyans. Moreover, Iraqis and Palestinians that came from Palestinian territories in the 90’s (as opposed to the newly arrived Palestinians from Syria) are generally well educated and occupy high-skilled jobs, such as working as university professors in some cases. Some of them were also registered as refugees by the UNHCR under the former regime.
While Syrians, and Palestinian newcomers from Syria, share some of these characteristics, they tend to be in low skilled jobs and have fewer links to Libyan society. Despite this, levels of integration for Syrian asylum seekers remain quite good, mainly due to sympathy from Libyans for the Syrian struggle. Palestinian newcomers are less integrated, mainly due to a lack of appreciation for the concessions that were given to Palestinians under the former regime. Nonetheless, the relatively good levels of integration for Arab asylum seekers in the country makes them far less vulnerable when compared to their African counterparts.
The main problem encountered by Syrian and Palestinian newcomers is that they usually do not possess high skills or qualifications for employment, which means that they are not particularly more attractive to employers when compared to other low skilled economic migrants on the local employment market. Insecurity appears to be a primary issue for long time Iraqis and Palestinians mainly because they are in well-paid employment and enjoy a good standard of living, which can make them targets for petty theft and crime. Moreover, they have lived in Libya for a number of years so they have a point of comparison for life under the new regime and perceive a relative state of lawlessness post-revolution.” (Altai Consulting, November 2013, S. 91)
Das US-amerikanische Außenministerium (US Department of State, USDOS) schreibt in seinem Länderbericht zur Menschenrechtslage vom Februar 2014 (Berichtsjahr 2013), dass die libysche Übergangsregierung im Allgemeinen mit dem Büro des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) und anderen humanitären Organisationen zusammengearbeitet habe, um Binnenvertriebenen, Flüchtlingen, zurückkehrenden Flüchtlingen, Asylsuchenden, staatenlosen Personen und anderen hilfsbedürftigen Personen Schutz und Unterstützung zukommen zu lassen.
Laut USDOS habe UNHCR die Registrierung von 8.499 Flüchtlingen und 21.968 Asylsuchenden im November 2013 berichtet. Darunter hätten sich auch 4.158 Palästinenser befunden.
Wie der Bericht weiters anführt, erkenne die Verfassungserklärung das Recht auf Asyl an und verbiete die zwangsweise Rückführung von Asylsuchenden. Allerdings habe die Regierung kein System zur Bereitstellung von Schutz für Flüchtlinge oder Asylsuchende eingerichtet. Die Regierung habe Asylsuchende rechtlich nicht als eine von Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis verschiedene Kategorie anerkannt. Dementsprechend habe die Regierung bei Flüchtlingen und Asylsuchenden dieselben Gesetze wie bei irregulären Migranten angewendet und sie regelmäßig zusammen mit Straftätern in Haft gehalten. Die Behörden hätten Ausländer (Migranten, Asylsuchende und Flüchtlinge) oftmals anders als Libyer behandelt und sie in Haftanstalten voneinander getrennt. Laut USDOS habe es Verwirrung und Frustration bei den Migranten im Hinblick auf ihre rechtliche Situation gegeben:
„The interim government generally cooperated with the Office of the UN High Commissioner for Refugees (UNHCR) and other humanitarian organizations in providing protection and assistance to internally displaced persons (IDPs), refugees, returning refugees, asylum seekers, stateless persons, and other persons of concern. […]
In cooperation with the Libyan Humanitarian Relief Agency, the UNHCR reported the registration of 8,499 refugees and 21,968 asylum seekers in November. The overall figure included 15,898 Syrians, 4,158 Palestinians, 3,092 Iraqis, 3,315 Eritreans, and 1,860 Somalis. […]
The Constitutional Declaration recognizes the right of asylum and forbids forcible repatriation of asylum seekers, but the government did not establish a system for providing protection to refugees or asylum seekers. The government did not legally recognize asylum seekers as a class distinct from migrants without residency permits. As such, the government subjected refugees and asylum seekers to laws pertaining to irregular migrants and regularly held them in detention centers alongside criminals. Authorities often treated the foreigners (migrants, asylum seekers, and refugees) differently from their Libyan counterparts and segregated them inside the detention centers. There was confusion and frustration among the migrants as to their legal situation.” (USDOS, 27. Februar 2014, Section 1d)
In einem Artikel vom Frühjahr 2012 schreibt Elena Fiddian-Qasmiyeh vom Refugee Studies Centre der Universität Oxford, dass Gaddafis Regierung Palästinenser in Übereinstimmung mit Libyens Vorbehalten gegenüber Artikel 1 (Recht auf Beschäftigung auf einer Stufe mit den Staatsbürgern des Gastlandes, Anm. ACCORD) des Protokolls über die Behandlung von Palästinensern in arabischen Staaten (Casablanca-Protokoll) eher als „arabische Bürger, die in Libyen leben“ denn als Flüchtlinge per se angesehen habe. Jedoch hätten palästinensische Flüchtlinge, wie in anderen Ländern in der Region auch, zunehmend verlangt, als Flüchtlinge anerkannt zu werden.
Laut Fiddian-Qasmiyeh hätten tausende Palästinenser, die als Flüchtlinge geboren und bei ihrer Geburt im Gazastreifen, im Westjordanland, im Libanon, in Syrien, in Jordanien oder in Ägypten von UNRWA als Flüchtlinge registriert worden seien, auch in Libyen um Asyl angesucht. UNHCR habe dokumentiert, dass seit 1996 tausende Palästinenser entweder im Rahmen der Genfer Flüchtlingskonvention als Flüchtlinge oder als Personen, die alternative Formen humanitären Schutzes benötigen würden, (durch UNHCR, Anm. ACCORD) anerkannt worden seien. Bei den 943 palästinensischen Asylanträgen in Libyen im Jahr 2008 sei in 544 Fällen der Flüchtlingsstatus gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention und in 344 Fällen komplementärer Schutz gewährt worden. 63 Fälle seien am Ende des Jahres noch nicht entschieden gewesen. Viele Palästinenser in Libyen könnten deshalb als „doppelte Flüchtlinge“ angesehen werden:
„In line with Libya’s Reservation to Article 1 of the Protocol for the Treatment of Palestinians in Arab States, Gaddafi’s government has historically considered Palestinians to be ‘Arab citizens residing in Libya’ rather than refugees per se. However, as in other countries in the region, Palestinian refugees have been ‘increasingly asking to be recognized as just refugees, full stop.’
Indeed, thousands of Palestinians who were born as refugees and were registered by the United Nations Relief and Works Agency (UNRWA) as refugees at birth in Gaza, West Bank, Lebanon, Syria, Jordan or Egypt, have also applied for and have been granted asylum in Libya. Since 1996, the United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) has documented that thousands of Palestinians have been recognised as refugees under the 1951 Geneva Convention or as individuals in need of alternative forms of humanitarian protection (Tables 2 and 3, and Chart 1). Of the 943 Palestinian applications for asylum in Libya in 2008, for instance, 544 were offered 1951 Geneva Convention Refugee Status, and 344 were granted complementary protection (63 cases were pending at the end of the year). In the case of Palestinians in Libya, many can therefore be considered to be ‘double refugees.’” (Fiddian-Qasmiyeh, 2012, S. 7-8)
Auf der Website des laut eigenen Angaben freien und unabhängigen Online-Mediums NEOPresse findet sich eine deutsche Übersetzung eines im Juni 2012 veröffentlichten Artikels der internationalen Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS), deren Schwerpunkt der Berichterstattung auf entwicklungspolitischen Themen liegt. Der Artikel berichtet wie folgt über die Lage von Palästinensern in Libyen nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes:
„Kurz vor dem Sturz des Gaddafi-Regimes vor einem Jahr wurden Huda und ihre palästinensische Familie aus ihrer Wohnung in Tripolis geworfen. Von den Eigentumsstreitigkeiten in Libyen sind in besonderem Maße staatenlose Palästinenser betroffen, die in dem nordafrikanischen Land lediglich einen Gästestatus haben.
‚Im vergangenen August gab es viel Gewalt und keine Regierung. Mein Mann hatte einen Herzinfarkt, und wir hatten große Angst‘, schildert Huda das Leid, das ihre Familie seit dem Verlust der Wohnung erlitten hat. ‚Wir baten um Aufschub. Doch dann kamen die Kinder des Eigentümers und beschimpften uns. Wir wurden gewaltsam mit unseren Möbeln auf die Straße gesetzt.‘
Das Eigentum des ursprünglichen Besitzers war 1978 im Rahmen eines Gesetzes konfisziert worden, das jeder Familie höchstens ein Haus zubilligt. Als im letzten Jahr die Revolution ausbrach, forderte der Eigentümer seine Immobilie zurück, wie Huda berichtet. Zunächst habe es geheißen, die Familie könne dort wohnen bleiben. Dies habe sich dann aber als Trugschluss erwiesen.
Ihre Eltern, die aus der palästinensischen Stadt Akka stammen, waren 1948 vor der Gewalt in den Südlibanon geflohen. Drei Jahrzehnte später entkamen Huda und ihre Familie einen anderen brutalen Krieg. Nachdem sie mit libanesischen Reisedokumenten in Libyen angekommen waren, bauten sie sich dort eine Existenz auf. […]
Seit der libyschen Revolution haben sich Eigentumsstreitigkeiten zu einer der größten Bedrohungen der nationalen Sicherheit entwickelt. Obwohl in erster Linie Libyer betroffen sind, gehören auch palästinensische Flüchtlinge zu den Leidtragenden.
Schätzungsweise 45.000 bis 70.000 Palästinenser halten sich derzeit in Libyen auf. Insbesondere seit dem Konflikt im vergangenen Jahr sind diese Zahlen nur schwer zu überprüfen. Viele Palästinenser sind in andere Staaten geflohen oder innerhalb des Landes vertrieben worden. Andere kommen in Scharen aus dem umkämpften Syrien.
Libyen, das 1965 das Protokoll von Casablanca zum Schutz der Rechte von Palästinensern in arabischen Staaten unterschrieben hatte, hat Flüchtlingen aus dem Gaza-Streifen, dem Libanon und aus anderen Teilen der Region immer gern aufgenommen. Viele Palästinenser fanden als Fachkräfte in der Erdöl- und Gasindustrie einen Job, erhielten staatlich bezuschusste Wohnungen sowie eine freie Bildung und Gesundheitsversorgung.
Obgleich sich Gaddafi für die Rechte der Palästinenser einsetzte und immer andere palästinensische Gruppen begünstigte, indem er beispielsweise ein Palästinenserheer für seinen Krieg gegen den Tschad aufstellte, kam es auch zu seiner Zeit zu Massenausweisungen. Nach den Osloer Abkommen wurden Mitte der neunziger Jahre Tausende Palästinenser abgeschoben. Zahlreiche weitere campierten in Zelten an der Grenze zu Ägypten. […]
Viele Palästinenser, denen die Rückkehr nach Libyen gelang, mussten schnell feststellen, dass es weder subventionierte Wohnungen noch Jobs gab. […]
Der neue palästinensische Botschafter in Libyen, Al Mutawakel Taha, sieht das größte Problem derzeit darin, dass mehr als die Hälfte aller Palästinenser abgelaufene Pässe hat, weil sie sich nicht trauen, die Behörden zu kontaktieren. ‚Die libysche Regierung wird von den Palästinensern bald Aufenthaltsgenehmigungen verlangen‘, sagt er. ‚Mit den neuen Gesetzen werden sich die Dinge ändern – in sozialer, wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht.‘ Taha rechnet damit, dass die von der Regierung vorangetriebene Marktöffnung den Alltag der Palästinenser erheblich verteuern wird, da Subventionen auf Lebensmittel wegfallen und für Bildung und Gesundheitsversorgung Kosten anfallen werden.
Über die Neuordnung des Wohnungsrechts ist noch nicht entschieden. Ein neuer Vorschlag des Parlaments muss von der neuen Regierung abgesegnet werden. ‚Wahrscheinlich waren alle diese Hausräumungen illegal‘, meint der Menschenrechtsanwalt Salah Marghani. ‚Das Gerichtssystem ist aber in den vergangenen Monaten zusammengebrochen. Wenn jemand mit Gewalt aus der Wohnung vertrieben wird und vor Gericht zieht, wird er kaum einen Richter finden, der ihm wieder Zugang zu seiner Bleibe verschafft.‘“ (IPS, 23. August 2012)
Ein im Jänner 2012 veröffentlichter Artikel des Integrated Regional Information Network (IRIN), einem redaktionell unabhängigen humanitären Nachrichtendienst des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs, OCHA), zitiert eine seit 30 Jahren in Libyen lebende palästinensische Gemeindesprecherin, laut der nach dem Fall der Hauptstadt Tripolis viele Palästinenser gewaltsam aus ihren Häusern, die sie vom alten Regime erhalten hätten, vertrieben worden seien. Hunderte weitere, die durch heftige Kämpfe in den Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid vertrieben worden seien, seien nach Tripolis gekommen und seien nun obdachlos.
Laut UNHCR seien vor dem Krieg in Libyen nur wenige Palästinenser als Flüchtlinge im Rahmen der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt worden. Hunderten weiteren habe UNHCR „komplementären Schutz“ zugestanden. Damit sei anerkannt worden, dass sie staatenlos seien, nicht zurückkehren könnten und humanitären Schutz benötigen würden. Wiederum andere seien für Studienzwecke nach Libyen gekommen. Die große Mehrheit allerdings seien Migranten und qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Gazastreifen, dem Westjordanland oder anderen Gastländern palästinensischer Flüchtlinge – Syrien, Libanon und Jordanien – gewesen, mit oder ohne Arbeitsvertrag und/oder regulären Status:
„After the fall of the capital Tripoli, many Palestinians were evicted by force from their homes, given to them by the former government, Fatima [a Palestinian community leader who has lived in Libya for 30 years] said. Hundreds of others displaced by heavy fighting in the Gaddafi strongholds of Sirte and Bani Walid came to Tripoli and are now homeless, she said. […]
According to UNHCR, only a few thousand Palestinians in pre-war Libya were registered as refugees under the 1951 Geneva Convention. Hundreds of others were offered ‘complimentary protection’ by UNCHR - a recognition that they were stateless, could not be returned, and required humanitarian protection. Still others came to study through Libyan scholarship programmes. The vast majority, though, were migrants or skilled labourers who came from Gaza, the West Bank or other Palestinian refugee-hosting countries in the region - Syria, Lebanon and Jordan - with or without a contract and/or regular status. Many have lived in Libya for decades or were born there.” (IRIN, 31. Jänner 2012)
In einem im Jahr 2010 veröffentlichten Bericht über die Lage von palästinensischen Flüchtlingen und Binnenvertriebenen in Libyen in den Jahren 2008 und 2009 schreibt die Advocacy-Organisation BADIL Resource Center for Palestinian Residency and Refugee Rights, dass die meisten arabischen Staaten, wo die Mehrheit der palästinensischen Flüchtlinge lebe, der Flüchtlingskonvention von 1951 und ihrem Protokoll von 1967 nicht beigetreten seien. Arabische Gastländer hätten trotzdem die Verpflichtung, palästinensische Flüchtlinge gemäß internationaler Standards, die von Menschenrechtskonventionen und völkerrechtlichem Gewohnheitsrecht gesetzt würden, zu schützen. Allerdings würden die arabischen Gastländer dieser Verpflichtung weitgehend nicht nachkommen.
Das Protokoll über die Behandlung von Palästinensern (Casablanca-Protokoll) sei das Hauptinstrument der Liga Arabischer Staaten hinsichtlich des Status und der Behandlung von palästinensischen Flüchtlingen in arabischen Ländern. Laut Bestimmungen des Casablanca-Protokolls hätten Palästinenser dasselbe Recht auf Beschäftigung wie die Staatsbürger des Gastlandes, das Recht, das Gastland zu verlassen und einzureisen, das Recht auf Bewegungsfreiheit, das Recht auf ein Reisedokument und das Recht auf dieselbe Behandlung wie Staatsbürger der Länder der Arabischen Liga bei der Beantragung von Visa und Aufenthaltsgenehmigungen. Das Protokoll sei allerdings nicht bindend und nicht alle Länder der Arabischen Liga seien Unterzeichner. Wie BADIL anführt, habe Libyen das Protokoll angenommen, allerdings mit Einschränkungen.
In Libyen wohnende Palästinenser hätten vor 1994 im Allgemeinen dieselben Aufenthaltsrechte gehabt wie libysche Staatsangehörige, obwohl viele in speziell ausgewiesenen Gebieten hätten leben müssen. Als Reaktion auf das Oslo-Abkommen von 1993 habe die libysche Regierung Palästinenser ausgewiesen, was zu einer humanitären Krise an der libyschen Grenze und einer politischen Krise mit Ägypten geführt habe. Die Krise sei 1998 in Folge einer internationalen Intervention gelöst worden. Ausgewiesenen Palästinensern sei schließlich die Wiedereinreise nach Libyen erlaubt worden, allerdings seien die Aufenthaltsrechte nicht auf dem vorherigen Niveau wiederhergestellt worden:
„Most Arab states in the Middle East and North Africa where the majority of Palestinian refugees reside are not party to the 1951 Refugee Convention and its 1967 Protocol, or either of the two conventions on statelessness. Arab host states are nonetheless obliged to protect Palestinian refugees in accordance with the international standards set by the human rights conventions they are party to, and under customary international law. Arab host states largely fail to meet this obligation. The level of protection provided to Palestinian refugees under Arab regional and national instruments and mechanisms is significantly less than that provided to other refugees internationally and regionally elsewhere in the world. […]
The 1965 Protocol on the Treatment of Palestinians (Casablanca Protocol) is the primary LAS [League of Arab States] instrument governing the status and treatment of Palestinian refugees in Arab states. Under the Casablanca Protocol, Palestinians have the right to employment on par with citizens of the host country, the right to leave and enter host states, freedom of movement, the right to a travel document, and the right to the same treatment as LAS citizens with regard to visas and residency applications. […] The Casablanca Protocol, however, is not binding and not all LAS member states are signatories. Jordan, Syria, Algeria, Iraq, Yemen and Sudan have all ratified the Casablanca Protocol, while Egypt has effectively withdrawn from it. Kuwait, Libya and Lebanon have endorsed the Casablanca Protocol, but with reservations and Saudi Arabia, Morocco and Tunisia are not signatories. […]
Protection accorded to Palestinian refugees in Egypt, Iraq, Lebanon, Libya, Kuwait and other Gulf states, in particular, is very partial, discriminatory and inconsistent with regional and international standards.” (BADIL, 2010, S. 108-110)
„Libya has proven an unstable host state with regard to Palestinian residency rights. Prior to 1994, Palestinians generally enjoyed the same residency rights as Libyan nationals, although many Palestinians had to live in specially designated areas. As a protest against the 1993 Oslo peace process, the Libyan government expelled Palestinians from its territory, causing a humanitarian crisis on its border and a political crisis with Egypt. The crisis was resolved in 1998 following international intervention. Expelled Palestinians were eventually readmitted, but residency rights have not been reinstated to their previous level.” (BADIL, 2010, S. 113)
Ein im Jahr 2006 veröffentlichter Bericht von Abbas F. Shiblak, einem Forschungsmitarbeiter des Refugee Studies Centre (RSC) der Universität Oxford und Gründer des Palestinian Refugee and Diaspora Centre (SHAML) in Ramallah, erwähnt, dass arabische Regierungen konsequent darum bemüht seien, das Thema der palästinensischen Vertreibung aktuell zu halten und zu verhindern, dass die Hauptverantwortung vom Verursacherstaat (Israel) auf die Gastländer übertragen werde. Zwei wichtige Prinzipien, die in einem im Jahr 1965 in Casablanca unterzeichneten Protokoll der Arabischen Liga festgelegt seien, würden die Behandlung palästinensischer Flüchtlingen in arabischen Gastländern bestimmen: die Verleihung aller Staatsbürgerschaftsrechte an palästinensische Flüchtlinge ohne diese einzubürgern, und die Ausstellung von Reisedokumenten für Flüchtlinge, um ihren Flüchtlingsstatus aufrechtzuerhalten.
Wie Shiblak anführt, sei die pan-arabische Brüderlichkeit der 1950er- und 1960er-Jahre verschwunden und habe einer selbstzentrierten Agenda von fragmentierten, subnationalen Staaten und Eigeninteressen Platz gemacht. Syrien sei das einzige Land, das seinen Verpflichtungen nachkomme. Bei mehr als einer Gelegenheit hätten Spannungen zwischen der PLO und arabischen Regierungen zur kollektiven Bestrafung von einfachen Palästinensern geführt. So seien Palästinenser im Jahr 1995 in Massen aus Libyen ausgewiesen worden:
„Arab governments have consistently focused on keeping alive the issue of Palestinian displacement and preventing primary responsibility being shifted from the source country (Israel) to host states. Two main principles – set out in an Arab League protocol signed in Casablanca in 1965 – have determined the treatment of Palestinian refugees in host Arab states: granting Palestinian refugees full citizenship rights – but denying them naturalisation – and issuing them with Refugee Travel Documents (RTD) in order to maintain their refugee status.
The pan-Arab national brotherhood of the 1950s and 1960s has faded away, to be replaced by a self-centred agenda of fragmented, sub-national states and narrow interests. Syria is the only country that upholds its commitment. Some states, including Lebanon and Saudi Arabia, expressed reservations in 1965 and have showed no interest in applying the Protocol. Egypt, once fully committed, has effectively withdrawn from the Protocol. On more than one occasion rifts between the leadership of the Palestine Liberation Organisation and Arab governments have resulted in collective punishments being imposed on ordinary Palestinians. Palestinians were expelled en masse from Kuwait in 1991 and from Libya in 1995. Palestinians in Iraq have recently had to endure acts of vengeance including killings, evacuation and deportation.” (Shiblak, August 2006, S. 8)
In einem Beitrag zu einem Sammelband von 2012 geht Abbas F. Shiblak auf den Aufenthaltsstatus und die bürgerlichen Rechte von Palästinensern in arabischen Gastländern ein. Laut Shiblak hätten nahezu alle arabischen Staaten das Prinzip der gleichen Aufenthaltsrechte für Palästinenser aufgehoben. Nach dem Golfkrieg hätten arabische Staaten dem Casablanca-Protokoll von 1965 offiziell ein Ende gesetzt. Das Protokoll werde nun durch die innerstaatlichen Gesetze jedes Gastlandes ersetzt. In allen arabischen Staaten würden nun Einschränkungen verschiedener Art und verschiedenen Ausmaßes gegen Inhaber von speziellen Flüchtlingsdokumenten für Palästinenser verhängt, wodurch unter anderem die Aufenthaltsrechte, die Bewegungsfreiheit und der Zugang zu staatlichen Leistungen beeinträchtigt würden. So werde der Zugang zu Bildung sowie Gesundheits- und Sozialleistungen zunehmend beschränkt und verweigert.
Eine der Hauptschwierigkeiten bei der Feststellung des rechtlichen Status und der bürgerlichen Rechte von palästinensischen Flüchtlingen in arabischen Gastländern sei, dass ihr Status nicht durch klar definierte Gesetze geregelt sei. Vielmehr würden palästinensische Angelegenheiten durch Ministerialdekrete oder behördliche Anordnungen geregelt. Beides erlaube verschiedene Interpretationen und Machtmissbrauch und könne in Reaktion auf politische Entwicklungen rückgängig gemacht werden:
„Virtually all Arab states have now revoked the principle of equal residency rights for the Palestinians. After the Gulf War, Arab states officially put an end to the 1965 Protocol, which has now been superseded by the internal laws of each host states. Restrictions of various kinds and degrees are now imposed on RD [Refugee Documents] holders in all Arab states, affecting residency rights, freedom of movement, employment, poverty ownership and access to government services. Indeed, education, services, and health and social benefits are being increasingly restricted and denied and, in some cases, Palestinians have lost pension schemes to which they have contributed during their working lives. […]
One of the main difficulties in establishing the legal status and civil rights of the Palestinian refugees in host Arab states is that their status is not regulated by clear and well-defined legislation. Instead Palestinian affairs are regulated by ministerial decrees or administrative orders, both of which allow different interpretations and abuses of power and which can easily be reversed in response to changing political conditions.” (Shiblak, 2012)
Weitere Informationen zur Lage von Palästinensern in Libyen finden sich in folgender etwas älterer ACCORD-Anfragebeantwortung vom November 2010:
· ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation: Anfragebeantwortung zu Libyen: 1) Situation von PalästinenserInnen; 2) Zugang von AusländerInnen oder staatenlosen PalästinenserInnen zu Behörden [a‑7433], 4. November 2010 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/file_upload/response_de_150367.html
2) Anspruch von staatenlosen Palästinensern auf UNRWA-Unterstützung
Auf der Website des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East, UNRWA) findet sich ein ausführliches Dokument aus dem Jahr 2014, in dem die Organisation unter anderem über ihre Strukturen und Tätigkeitsbereiche berichtet. Das Dokument führt an, dass das Hilfswerk Operationen in folgenden fünf Ländern bzw. Gebieten durchführe: Jordanien, Libanon, Syrien, Gazastreifen und Westjordanland. Libyen wird in dem Dokument nicht erwähnt:
„UNRWA has operations in five fields – Jordan, Lebanon, Syria, the Gaza Strip and the West Bank, including East Jerusalem – and employs close to 30,000 people.” (UNRWA, 2014, S. 5)
Auf der UNRWA-Website findet sich weiters die Kategorie „Where we work“, in der ebenfalls nur die fünf oben angeführten Länder bzw. Gebiete gelistet werden (UNRWA, ohne Datum (a)). An einer anderen Stelle der Website wird erläutert, dass die UNRWA-Dienste denjenigen Palästina-Flüchtlingen und Nachkommen männlicher Palästina-Flüchtlinge zur Verfügung stehen würden, die in den Operationsgebieten des Hilfswerks leben würden, beim Hilfswerk registriert und auf Unterstützung angewiesen seien:
„Palestine refugees are defined as ‘persons whose normal place of residence was Palestine during the period 1 June 1946 to 15 May 1948, and who lost both home and means of livelihood as a result of the 1948 conflict.’ UNRWA services are available to all those living in its area of operations who meet this definition, who are registered with the Agency and who need assistance. The descendants of Palestine refugee males, including adopted children, are also eligible for registration.” (UNRWA, ohne Datum (b)).
3) Sicherheitslage für staatenlose Palästinenser
In der bereits weiter oben zitierten E-Mail-Auskunft vom 13. Jänner 2015 schreibt UNHCR Libyen, dass PalästinenserInnen in Libyen lange Zeit zu einem gewissen Grad willkommen, gut integriert und akzeptiert gewesen seien. Im aktuellen Kontext der erhöhten Unsicherheit, Instabilität und des allgemeinen Zusammenbruchs von Recht und Ordnung habe UNHCR Libyen im zunehmenden Maße Berichte über PalästinenserInnen und SyrerInnen erhalten, die aus Angst um ihre Sicherheit oder nachdem sie durch die Kämpfe und die Gewalt, die sich mittlerweile in mehrere Teile des Landes ausgebreitet hätten, vertrieben worden seien, das Land verlassen hätten. Seit kurzem erhalte UNHCR Libyen Berichte über neu angekommene PalästinenserInnen und SyrerInnen, die festgenommen und beschuldigt worden seien, nach Libyen gekommen zu sein, um hier zu kämpfen. Laut anderen Berichten würden diese Gruppen beschuldigt, zum Schmuggelproblem beizutragen:
„Palestinians long enjoyed a certain welcome and were well integrated and accepted in Libya. In the current context of heightened insecurity, instability and general breakdown in law and order, UNHCR Libya has been receiving increasing reports of both Palestinians and Syrians leaving the country out of fear for their safety or after being displaced by the fighting and violence that has now spread to several parts of the country. The office has recently begun to receive reports of newly arrived Palestinians and Syrians being arrested and accused of entering Libya for the purpose of joining the fighting, as well as reports of these groups being blamed for contributing to the smuggling problem.” (UNHCR Libyen, 13. Jänner 2015)
In einer Pressemitteilung vom August 2014 äußert sich UNHCR wie folgt zur Sicherheitslage von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Libyen:
„Aufgrund der eskalierenden Kämpfe in Libyen fürchtet UNHCR um die Sicherheit von rund 37.000 registrierten Flüchtlingen und Asylsuchenden in Tripolis und Bengasi. Viele dieser Menschen leben in Stadtvierteln, die stark zerstört wurden und aus denen sie wegen anhaltender Gefechte nicht fliehen können.
Allein in Tripolis haben 150 Menschen die UNHCR-Telefonhotline kontaktiert, um sich nach medizinischer Hilfe oder sicheren Aufenthaltsorten zu erkundigen. In Bengasi erreichen UNHCR Anrufe von vorrangig syrischen oder palästinensischen Asylsuchenden oder Flüchtlingen, die dringend um Hilfe bitten.
UNHCR arbeitet weiterhin eng mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, um Flüchtlinge und Asylsuchende zu unterstützen und sich für ihre Belange einzusetzen. Die Sicherheitslage verschlechtert sich aber rapide und viele sehen es als ihre einzige Option das Land zu verlassen.” (UNHCR, 5. August 2014)
Die schiitische iranische Nachrichtenagentur Ahlul Bayt News Agency (ABNA) schreibt in einem Artikel vom Jänner 2014, dass laut Angaben der Aktionsgruppe für Palästinenser in Syrien palästinensische Flüchtlinge, die aus Syrien geflohen seien, in Libyen aufgrund der dortigen schlechten Sicherheitslage mit harten („cruel“) Lebensbedingungen konfrontiert seien. Einige dieser Flüchtlinge seien von libyschen Milizen entführt oder ermordet worden. Die Aktionsgruppe habe einen Flüchtling zitiert, der angegeben habe, dass er von einer bewaffneten Gruppe entführt, geschlagen und ausgeraubt worden sei. Anschließend hätten die Angreifer seinen Bruder angerufen und Lösegeld gefordert. Die Aktionsgruppe habe außerdem über einen zweiten, ähnlichen Fall berichtet. Der Gruppe zufolge seien diese zwei Fälle allerdings nur ein kleiner Bruchteil dessen, womit Flüchtlinge in Libyen konfrontiert seien. So seien die Flüchtlinge, und insbesondere jene, die illegal nach Libyen eingereist seien, rechtlichen Schwierigkeiten ausgesetzt, die sie veranlasst hätten, zu versuchen, Europa mit dem Boot zu erreichen. Laut Aktionsgruppe hätten sich unter den 80.000 bis 100.000 syrischen Flüchtlingen, die nach Libyen gekommen seien, 5.000 palästinensische Flüchtlinge befunden, die von UNHCR registriert worden seien. Die Zahl sei auf 2.000 gesunken, nachdem sich viele dieser Flüchtlinge mit Booten nach Europa begeben hätten:
„The action group for Palestinians in Syria said that Palestinian refugees fleeing war-torn Syria were experiencing cruel living conditions in Libya. The group said in a statement on Wednesday that some of those refugees were kidnapped or murdered by armed Libyan militias, adding that the refugees are experiencing tragic living conditions due to Libya’s security instability. The group quoted a refugee as saying that he was kidnapped and beaten by an armed group that stole his belongings and money. He said that they then called his brother and asked for ransom after threatening to kill him within 24 hours. In another incident, a Palestinian young man was kidnapped and severely beaten a few days ago by a group of armed men that stole his money, the group said. It said that these two incidents were only a small fraction of what the refugees were subjected to in that country. The group pointed to legal difficulties suffered by those refugees especially those who entered the country illegally, which made them take the risk of trying to reach Europe via what came to be called ‘death boats’. It noted that among 80,000 to 100,000 Syrian refugees who entered Libya there were 5,000 Palestinian refugees, who were registered with the high commissioner for refugees, adding that the figure decreased to 2,000 after dozens of boats took many of those refugees to Europe.” (ABNA, 29. Jänner 2014)
Im oben bereits zitierten IPS-Artikel vom August 2012 werden folgende Informationen angeführt, die sich auf die Sicherheitslage von Palästinensern nach dem Ausbruch der libyschen Revolution im Jahr 2011 beziehen:
„Laut Elena Fiddian-Qasmiyeh vom ‘Refugee Studies Centre’ an der Universität Oxford war der Ausbruch der Revolution 2011 für die Palästinenser, die den Aufstand aus einer Zuschauerposition heraus erlebten, der blanke Horror. ‚Mehrere Menschen, mit denen ich sprach, wurden von regimetreuen Kräften angegriffen, weil sie sich nicht an den Kämpfen beteiligten. Von den Aufständischen wurden sie attackiert, weil sie verdächtigt wurden, auf Seiten Gaddafis zu stehen‘, sagt sie.“ (IPS, 23. August 2012)
In den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen konnten im Rahmen der zeitlich begrenzten Recherche keine weiteren spezifischen Informationen zur Sicherheitslage für (staatenlose) Palästinenser in Libyen gefunden werden. Im Folgenden finden sich Links zu Artikeln und Berichten, die allgemeine Informationen zur aktuellen Sicherheitslage in Libyen enthalten:
· Der Standard: Regierungstreue Truppen erobern Teile von Bengasi, 2. November 2014
http://derstandard.at/2000007600223/Regierungstreue-Truppen-eroberten-Teile-von-Bengasi-zurueck
· SRF - Schweizer Radio und Fernsehen: Schwere Kämpfe in Bengasi, 1. November 2014
http://www.srf.ch/news/international/schwere-kaempfe-in-bengasi
· Augsburger Allgemeine: Warum in Libyen Chaos herrscht, 31. Oktober 2014
http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Warum-in-Libyen-Chaos-herrscht-id31855377.html
· UNHCR - UN High Commissioner for Refugees: Over 100,000 people displaced in Libya over the past three weeks, 10. Oktober 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/288261/422641_de.html
· UNSMIL - UN Support Mission in Libya; OHCHR - Office of the High Commissioner for Human Rights: Overview of Violations of International Human Rights and Humanitarian Law During the Ongoing Violence in Libya, 4. September 2014 (veröffentlicht von OHCHR, verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/file_upload/1930_1410336056_human-rights-report-on-libya-04-09-14-english.pdf
4) Ist mit einem syrischen Reisedokument für palästinensische Flüchtlinge eine legale Rückkehr nach Libyen möglich?
In der oben bereits zitierten E-Mail-Auskunft vom 13. Jänner 2015, erläutert UNHCR Libyen, dass PalästinenserInnen, die eine libysche Aufenthaltsgenehmigung erhalten hätten, eine Genehmigung einholen müssten, um das Land zu verlassen. Wenn sie dies nicht getan hätten, müssten sie entweder ein Arbeitsvisum oder ein Touristenvisum beantragen, um wieder nach Libyen einreisen zu können. PalästinenserInnen mit einem abgelaufenen syrischen oder jordanischen Reisedokument könnten auf zusätzliche Probleme stoßen, da ihre einzige Möglichkeit zur Erneuerung der Dokumente darin bestehe, diese an die Behörden in Syrien oder Jordanien zu schicken:
„Palestinians who have obtained a Libyan residency permit must obtain permission to leave the country. If they have not, they must apply for either a work visa or tourist visa in order to return to Libya. Palestinians with an expired Syrian or Jordanian travel document, may experience additional difficulties as their only option for renewal is to send their documents to authorities in Syria or Jordan.” (UNHCR Libyen, 13. Jänner 2015)
Laut der Auskunft von UNHCR Libyen habe die international anerkannte libysche Regierung vor kurzem ein Dekret erlassen, das es PalästinenserInnen (ebenso wie SyrerInnen und SudanesInnen) verbiete, nach Libyen einzureisen. Dies stehe in Zusammenhang mit Vorwürfen, dass sich Personen dieser Nationalitäten an den Kämpfen von terroristischen Gruppen und Milizen gegen Regierungstruppen beteiligt hätten:
„Recently (less than one week) the internationally recognized Libyan government has issued a decree that bans Palestinians (in addition to Syrians and Sudanese) from entering Libya under the allegations that individuals from those nationalities were found engaged in fighting with terrorist groups and militias fighting the government forces.” (UNHCR Libyen, 13. Jänner 2015)
Im bereits weiter oben zitierten Sammelbandbeitrag von Abbas F. Shiblak wird erwähnt, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Sammelbandes Inhabern von Flüchtlingsdokumenten für Palästinenser häufig Einreisevisa für fast alle arabischen Staaten verweigert würden:
„Currently, RD holders are frequently denied entry visas to almost all Arab states. Palestinians with Arab or foreign passports also find it difficult to acquire entry visas to the Gulf States and Egypt.” (Shiblak, 2012)
Der US-amerikanische Think Tank Gatestone Institute, der sich selbst als unparteiisch bezeichnet, berichtet in einem Artikel vom April 2012, dass die jordanischen Behörden mehr als 1.000 Palästinensern, die aus Syrien geflüchtet seien, verboten hätten, nach Jordanien einzureisen. In der Vergangenheit sei Palästinensern auch in anderen arabischen Ländern, darunter Libyen, die Einreise verweigert worden:
„More than 1,000 Palestinians who fled from the violence in Syria and were hoping to find temporary shelter in Jordan, have been stranded along the border between Syria and Jordan for the past few weeks. The Jordanian authorities have been refusing to allow them into the kingdom. The Jordanian authorities have set up a makeshift refugee camp along the border with Syria, where the Palestinians are being held in tents, with poor sanitary conditions. Jordan’s treatment of Palestinian refugees is not uncommon for an Arab country. Lebanon and Egypt have also refused to grant asylum to the fleeing Palestinians. This is also not the first time that an Arab country keeps Palestinians waiting on the border. In the past, Palestinians have also been denied entry into Iraq, Syria, Lebanon, Egypt and Libya.” (Gatestone Institute, 17. April 2012)
Es wurden zu der Fragestellung weitere externe Experten kontaktiert. Einer der Experten gab an, dass es ihm nicht möglich sei, gerade jetzt, da in Libyen Umwälzungen stattfänden, eine Auskunft zu der Fragestellung zu erteilen. Von den anderen angefragten Experten liegt bislang noch keine Antwort vor. Sollten wir eine Auskunft erhalten, werden wir diese unverzüglich an Sie weiterleiten.
Ein Mitarbeiter der libyschen Botschaft in Wien teilte bei einem Telefongespräch am 5. November 2014 mit, dass es aufgrund der Komplexität der Fragestellung nicht möglich sei, eine telefonische Auskunft zu erteilen. Stattdessen solle die Fragestellung per Mail an die Botschaft gesendet werden. Eine Beantwortung der Frage könne einige Zeit in Anspruch nehmen, da unter Umständen auch in Libyen nachgefragt werden müsse. Eine entsprechende Mail wurde von ACCORD formuliert und an die Botschaft gesendet. Von drei weiteren per Mail kontaktierten libyschen Botschaften liegt ebenfalls noch keine Auskunft vor.
![]()
Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 6. März 2015)
· ABNA - Ahlul Bayt News Agency: Palestinian refugees fleeing Syria experiencing harsh living conditions in Libya, 29. Jänner 2014
http://www.abna.co/data.asp?lang=3&Id=501254
· ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation: Anfragebeantwortung zu Libyen: 1) Situation von PalästinenserInnen; 2) Zugang von AusländerInnen oder staatenlosen PalästinenserInnen zu Behörden [a‑7433], 4. November 2010 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/file_upload/response_de_150367.html
· Altai Consulting: Mixed Migration: Libya at the Crossroads; Mapping of Migration Routes from Africa to Europe and Drivers of Migration in Post-revolution Libya, Prepared by Altai Consulting for the UNHCR, November 2013 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/file_upload/1930_1388999548_52b43f594.pdf
· Augsburger Allgemeine: Warum in Libyen Chaos herrscht, 31. Oktober 2014
http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Warum-in-Libyen-Chaos-herrscht-id31855377.html
· BADIL: Survey of Palestinian Refugees and Internally Displaced Persons 2008-2009, 2010
http://www.badil.org/phocadownload/Badil_docs/publications/survey08-09/survey08-09-ch-3.pdf
· Der Standard: Regierungstreue Truppen erobern Teile von Bengasi, 2. November 2014
http://derstandard.at/2000007600223/Regierungstreue-Truppen-eroberten-Teile-von-Bengasi-zurueck
· EIU - Economist Intelligence Unit: Middle East and North Africa politics: Syrian conflict worsens the plight o, 4. Februar 2014 (verfügbar auf Factiva)
· Fiddian-Qasmiyeh, Elena: Palestinian Refugees Affected by the 2011 Libyan Uprising. In: Journal of Palestinian Refugee Studies, Volume 2, Issue, Spring 2012, S. 7-11 (verfügbar auf reemkelani.com)
http://www.reemkelani.com/docs/JPRS%20-%20Spring%202012%20edition.pdf
· Gatestone Institute: Why Is Jordan Keeping Out Palestinian Refugees?, 17. April 2012
http://www.gatestoneinstitute.org/3019/jordan-palestinian-refugees
· IPS - Inter Press Service: Palestinians Live on the Edge in New Libya, 23. August 2012 (deutsche Übersetzung verfügbar auf neopresse.com)
· IRIN - Integrated Regional Information Network: The Middle East’s “invisible refugees”, 31. Jänner 2012 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/209729/329820_de.html
· Shiblak, Abbas F.: Stateless Palestinians. In: Forced Migration Review, Issue 26, August 2006, S. 8-9
http://www.fmreview.org/en/FMRpdfs/FMR26/FMR2603.pdf
· Shiblak, Abbas F.: In Search of a Durable Solution: Residency Status and Civil Rights of Palestinians in Host Arab States. In: Pratical Peacemaking in the Middle East, Vol. II, The Environment, Water, Refugees, and Economic Cooperation and Development (Hg.: Steven L. Spiegel und David J. Pervin), 2012 (Auszüge auf Google Books verfügbar)
· SRF - Schweizer Radio und Fernsehen: Schwere Kämpfe in Bengasi, 1. November 2014
http://www.srf.ch/news/international/schwere-kaempfe-in-bengasi
· UNHCR - UN High Commissioner for Refugees: UNHCR besorgt wegen eskalierender Gewalt in Libyen, 5. August 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
· UNHCR - UN High Commissioner for Refugees: Over 100,000 people displaced in Libya over the past three weeks, 10. Oktober 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/288261/422641_de.html
· UNHCR Libyen - UN High Commissioner for Refugees Libya: E-Mail-Auskunft, 13. Jänner 2015
· UNRWA - United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East: About UNRWA, 2014
http://www.unrwa.org/sites/default/files/about_unrwa_01_2014_english.pdf
· UNRWA - United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East: Where we work, ohne Datum (a)
http://www.unrwa.org/where-we-work
· UNRWA - United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East: Paelstine refugees, ohne Datum (b)
http://www.unrwa.org/palestine-refugees
· UNSMIL - UN Support Mission in Libya; OHCHR - Office of the High Commissioner for Human Rights: Overview of Violations of International Human Rights and Humanitarian Law During the Ongoing Violence in Libya, 4. September 2014 (veröffentlicht von OHCHR, verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/file_upload/1930_1410336056_human-rights-report-on-libya-04-09-14-english.pdf
· USDOS - US Department of State: Country Report on Human Rights Practices 2013 - Libya, 27. Februar 2014 (verfügbar auf ecoi.net)
http://www.ecoi.net/local_link/270770/400875_de.html