Anfragebeantwortung zum Irak: Lage der Jesiden in Mosul; IFA [a-8101]

27. Juli 2012
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Das UNO-Flüchtlingshochkommisariat (UNHCR) geht in seinen Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs von Asylsuchenden aus dem Irak vom Mai 2012 auf die Lage von Jesiden ein. Diese könnten als eigene religiöse Gruppe eingestuft werden. Es sei umstritten, selbst innerhalb der jesidischen Gemeinschaft, ob es sich bei ihnen um ethnische Kurden oder eine eigene ethnische Gruppe handle. Die Zahl der im Irak lebenden Jesiden werde laut jesidischen Führern auf 550.000 bis 800.00 geschätzt, wobei die meisten im Gouvernement Ninawa (auch: Ninewa) leben würden. Vorrangige Siedlungsgebiete dort seien der Gebirgszug Sinjar, das Gebiet Sheikhan und die Dörfer Bahzani und Bashiqa. Eine Minderheit der Jesiden, rund 15 Prozent, würde außerdem in der Provinz Dahuk in der Autonomen Region Kurdistan leben.
Seit 2003 seien die Jesiden wegen ihrer (als solche wahrgenommenen) Unterstützung des US-Einsatzes im Irak und ihrer (als solche wahrgenommenen) ethnischen Zugehörigkeit zum Kurdentum ins Visier bewaffneter sunnitischer Gruppen geraten. Dabei habe sich am 14. August 2007 mit über 400 Toten der schwerste Angriff seit dem Fall des alten Regimes ereignet. In den Jahren 2009 und 2010 seien 3 große Angriffe auf Jesiden verzeichnet worden, und in den Jahren 2011 und 2012 hätten Medien über einige Vorfälle berichtet, bei denen Jesiden entführt und/oder getötet worden seien. Darüber hinaus würden Jesiden mit dem Verkauf von Alkohol in Verbindung gebracht, weshalb sie ein wahrscheinliches Angriffsziel islamistischer Gruppen darstellen würden. Weiters hätten jesidische AktivistInnen berichtet, dass seit 2003 rund 30 jesidische Frauen und Mädchen entführt und mit Mitgliedern des kurdischen Sicherheitsdienstes Asayish zwangsverheiratet worden seien.
Die UNHCR-Richtlinien erwähnen außerdem Berichte über Probleme, auf die Jesiden treffen würden, wenn sie in die Autonome Region Kurdistan (KRG) einreisen wollen. Weiters müssten Jesiden die Zustimmung der Regierung der Autonomen Region Kurdistan einholen, um Jobs in jenen Gebieten innerhalb der Provinz Ninawa zu finden, die von dieser verwaltet werden:
„vi. Yazidis
The Yazidi people can be classified as a distinct religious group. It is disputed, even among the community itself as well as among Kurds, whether they are ethnically Kurds or form a distinct ethnic group. Most Yazidis speak Kurmanji, a Kurdish dialect, though the Yazidis in Bahzani, Bashiqa and Sinjar often speak Arabic. According to Yazidi leaders, the number of Yazidis in Iraq is estimated at 550,000 to 800,000. Yazidis reside mostly in the Governorate of Ninewa (primarily in the Sinjar mountain range, the Sheikhan area and the villages of Bahzani and Bashiqa near Mosul), while a minority of around 15 per cent live in the Kurdistan Region (Dahuk Governorate).
Since 2003, Yazidis have been targeted, including by threats, public defamation campaigns and 30 assassinations. Armed Sunni groups targeted Yazidis as ‘infidels’, as (perceived) supporters of the US intervention and on the basis of their (perceived) Kurdish ethnicity. On 14 August 2007, they were targeted in the deadliest attack since the fall of the former regime, in which over 400 people died. In 2009 and 2010, three major attacks against Yazidis were recorded. And in 2011 and 2012, media reported several incidents in which members of the Yazidi community were kidnapped and/or killed. In addition, Yazidis are associated with the sale of alcohol, making them a likely target for Islamist groups.
Yazidi activists reported that some 30 Yazidi women and girls had been abducted and forcibly married to members of the Asayish since 2003 and their families threatened with reprisals.
Additionally, Yazidi traditions such as forced marriages, ‘honour killings’ or the prohibition on marriage outside one’s caste and religion may result in serious human rights violations by a victim’s family or community. There has been a reported increase in (attempted) suicides among mainly young Yazidi women, though there are indications that at least some of these suicides may actually be disguised ‘honour killings’. Yazidi women who have been kidnapped or sexually assaulted by Muslims may, reportedly, face severe sanctions by the Yazidi community, including exclusion from the Yazidi religion and community. At times, mere rumours can be a sufficient basis to impose such sanctions.
There are reports that Yazidis face difficulties when entering the Kurdistan Region and are required to obtain KRG [Kurdistan Regional Government] approval to find jobs in areas within Ninewa Province administered by the KRG.” (UNHCR, 31. Mai 2012, S. 29-30)
Nach Angaben des Länderberichts zur Menschenrechtslage des US-Außenministeriums (US Department of State, USDOS) vom Mai 2012 habe Diskriminierung von ethnischen Minderheiten im Berichtsjahr (2011) weiterhin ein Problem dargestellt. Es lägen zahlreiche Berichte über Diskriminierung von Minderheiten – darunter Turkmenen, Araber, Jesiden und Assyrer – durch kurdische Behörden in den umstrittenen Gebieten, die sich unter de-facto-Kontrolle der Regierung der Autonomen Region Kurdistan (KRG) befinden, vor. Diesen Berichten zufolge hätten die Behörden einigen Ortschaften die Bereitstellung von Dienstleistungen verweigert, Angehörige von Minderheiten ohne ordnungsgemäßes Verfahren festgenommen und sie an unbekannten Orten inhaftiert sowie Minderheitenschulen gezwungen, in kurdischer Sprache zu unterrichten:
„During the year discrimination against ethnic minorities was a problem. There were numerous reports of Kurdish authorities discriminating against minorities, including Turkmen, Arabs, Yezidis, and Assyrians, in the disputed territories under the de facto control of the KRG. According to these reports, authorities denied services to some villages, arrested minorities without due process, took them to undisclosed locations for detention, and pressured minority schools to teach in the Kurdish language. Ethnic and religious minorities in Tameem frequently charged that Kurdish security forces targeted Arabs and Turkmen.” (USDOS, 24. Mai 2012, Section 6)
Die UN Assistance Mission in Iraq (UNAMI) merkt in einem Bericht (Berichtsjahr: 2011) vom Mai 2012 an, dass die Lage ethnischer und religiöser Gruppen im Irak weiterhin unsicher sei, obwohl in Bezug auf ihre Sicherheit einige Verbesserungen stattgefunden hätten. Im Berichtszeitraum habe UNAMI Berichte über ethnisch oder religiös motivierte Angriffe auf Personen erhalten, jedoch sei bis dahin keiner der Angriffe mit denen vergleichbar, die im Jahr 2010 verübt worden seien. Laut vom Ministerium für Menschenrechte bereitgestellten Zahlen seien im Berichtsjahr 14 ChristInnen, zwei SabäerInnen, 16 JesidInnen und zwölf Angehörige der Schabak bei gezielten Angriffen getötet worden:
„While there have been some improvements in terms of security for Iraq’s ethnic and religious groups, their situation continues to be precarious. Throughout the reporting period, UNAMI received reports of attacks directed at persons on account of their ethnic or religious affiliations, although so far none were on the scale seen in 2010. Figures provided by the MoHR [Ministry of Human Rights] indicated that 14 Christians, 2 Sabeans, 16 Yazidis and 12 Shabak were killed in targeted attacks.” (UNAMI, Mai 2012, S. 30)
Weiters schreibt die UNAMI in ihrem Bericht, dass sich VertreterInnen der jesidischen Gemeinschaft in Shekhan und Bashiqa mit Blick auf die Lage der Jesiden in den zwischen der Regierung der Autonomen Region Kurdistan und der Zentralregierung umstrittenen Gebieten beunruhigt gezeigt hätten. Darüber hinaus hätten sie ihre Besorgnis hinsichtlich des Zugangs zu Ressourcen, Bildung und besseren Beschäftigungsmöglichkeiten geäußert. Laut einigen VertreterInnen der jesidischen Gemeinschaft seien die Jesiden weiterhin wirtschaftlich und sozial marginalisiert. Dies sei ein Grund dafür, dass sie unverhältnismäßig stark unter den Überschwemmungen im März 2011 gelitten hätten. Gemäß der aktuellen Vereinbarung zwischen der Regierung der Autonomen Region Kurdistan und der Zentralregierung könnten Jesiden, die in den umstrittenen Gebieten bedroht würden, ebenso wie Christen in die Autonome Region Kurdistan umgesiedelt werden. Im Berichtsjahr seien 60 jesidische StudentInnen aus den umstrittenen Gebieten an Universitäten in der Autonomen Region Kurdistan angenommen worden:
„Representatives of Yezidi community in Shekhan and Bashiqa shared their concerns about the situation of Yezidis in areas disputed between the KRG and the central Government. They also raised concerns about access to resources, education and better employment. According to some community representatives, the Yezidi community remains economically and socially marginalised, and this is one of the reasons why members of the community suffered disproportionately from the flash floods of March 2011. Under the current agreement between the KRG and the central Government, members of the Yezidi community who are facing threats in the disputed areas can be transferred to the Kurdistan Region in the same way Christians are. During the reporting period, sixty Yezidi students have been accepted into Kurdistan Region universities from the disputed areas.” (UNAMI, Mai 2012, S. 32)
In ihrem Jahresbericht 2012 (Berichtsjahr: 2011) stellt die US Commission on International Religious Freedom (USCIRF) fest, dass große Teile der kleinsten religiösen Minderheiten des Landes – darunter die Chaldo-Assyrer und andere Christen, die sabäischen Mandäer sowie die Jesiden – in den vergangenen Jahren ins Ausland geflohen seien. Die im Irak verbleibenden Angehörigen dieser Minderheiten seien mit Diskriminierung von offizieller Seite, Marginalisierung und Vernachlässigung konfrontiert. Dies gelte insbesondere für zwischen der irakischen Zentralregierung und der Regierung der Autonomen Region Kurdistan umstrittene Gebiete im Nordirak:
„Large percentages of the country‘s smallest religious minorities – which include Chaldo-Assyrian and other Christians, Sabean Mandaeans, and Yazidis – have fled the country in recent years, threatening these ancient communities‘ very existence in Iraq; the diminished numbers that remain face official discrimination, marginalization, and neglect, particularly in areas of northern Iraq over which the Iraqi government and the Kurdistan Regional Government (KRG) dispute control.” (USCIRF, März 2012, S. 8)
Ein Bericht der UK Border Agency (UKBA) und des Danish Immigration Service (DIS) zu einer gemeinsamen Fact-Finding-Mission nach Arbil und Dohuk (11. bis 22. November 2011) vom März 2012 gibt Äußerungen von Major Sharhang Tawfiq Kareem wieder, der die operative Gesamtverantwortung für den Checkpoint Mosul-Arbil getragen hätte. An den Checkpoints zur Autonomen Region Kurdistan sei es zu keiner ethnisch motivierten Diskriminierung gekommen, Araber, Turkmenen und Jesiden würden genauso behandelt wie Kurden, die beabsichtigen würden, in die Region einzureisen. Der Major habe die Aussage von UNHCR zurückgewiesen, wonach Araber, Turkmenen und Kurden aus den umstrittenen Gebieten an Checkpoints zur Autonomen Region Kurdistan auf Probleme treffen bzw. abgewiesen würden:
„4.36 According to Major Sharhang Tawfiq Kareem [who had overall operational responsibility for the Mosul-Erbil checkpoint] the procedures applied at the entry checkpoints did not discriminate against any ethnic group and Arabs, Turkmen and Yezidis would be treated no different from Kurds seeking to enter KRI [Kurdistan Region of Iraq]. [...] Major Sharhang Tawfiq Kareem completely rejected the statement from UNHCR that Arabs, Turkmen and Kurds from the disputed areas would face difficulties/rejection at KRG checkpoints.” (UKBA/DIS, März 2012, S. 28)
Der Bericht der UKBA und des DIS bezieht sich außerdem auf Angaben der Public Aid Organisation (PAO), dem Partner des UNHCR Protection Assistance Centre in Arbil. Zwar komme es an den Checkpoints zur Autonomen Region Kurdistan in begrenztem Ausmaß zu ethnischer Diskriminierung, dabei handle es sich aber nicht um ein systematisches Problem. So sei es jesidischen Kurden ohne Schwierigkeiten möglich, in die Region Kurdistan einzureisen und sich dort niederzulassen:
„4.39 PAO [Public Aid Organisation, the UNHCR Protection Assistance Centre partner in Erbil] further remarked that there existed ethnic discrimination at a limited [level] and individual practices at the entry checkpoints but it’s not a systematic matter, and PAO is aware that the KRI is trying their best uproot this case, through replacing the security staff whenever find that they are doing such practices[.] PAO gave the example that Yazidi Kurds would experience no difficulties and be allowed to enter and reside in KRI, but that Arabs or Turkmen would experience greater difficulties to pass through the KRG checkpoint.” (UKBA/DIS, März 2012, S. 29)
Informationen zu Dokumenten, die an den Checkpoints zur Einreise in die Autonome Region Kurdistan benötigt werden, sowie zur Ausstellung von Ausweisdokumenten, die zur Einreise in die Region berechtigen, stellt der Bericht der UKBA und des DIS auf den Seiten 14-16 zur Verfügung. (UKBA/DIS, März 2012, S. 14-16)
 
Weitere Informationen zu Einreiseverfahren an Checkpoints der Regierung der Autonomen Region Kurdistan und zum Aufenthalt in der Region finden Sie in folgendem Fact-Finding-Mission-Bericht des DIS vom Juni 2011:
http://www.nyidanmark.dk/NR/rdonlyres/49AD35A7-755F-48A0-A7CC-5B755CD594AC/0/KRGFFMrapportjuni2011.pdf
 
Ein Bericht des Finnish Immigration Service (FIS) und des schweizerischen Bundesamtes für Migration (BFM) zu einer gemeinsamen Fact-Finding-Mission in die Autonome Region Kurdistan (10. bis 22. Mai 2011) vom Februar 2012 bezieht sich auf Angaben verschiedener Quellen. Die Regierung der Autonomen Region Kurdistan sei Minderheiten gegenüber liberal eingestellt, solange diese friedlich seien und sich selbst versorgen würden. Laut der NGO Harikar hätten alle Minderheiten in der Autonomen Region Kurdistan die gleichen Rechte und Bedürfnisse sowie einen vergleichbaren Zugang zu Dienstleistungen. Einem westlichen Konsulat zufolge würden Assyrer und Jesiden in der Autonomen Region Kurdistan gut behandelt. Der Bericht bezieht sich ebenfalls auf die Angaben eines ethnischen Kakai in Halabdscha, wonach alte religiöse Minderheiten in dieser Stadt nicht mit Problemen konfrontiert seien. Dennoch hätten religiöse Personen und Islamisten in diesem Gebiet einen großen Einfluss. So seien etwa Geschäfte in Halabdscha geschlossen worden, die Alkohol verkauft hätten:
„Generally Yazidis and Sunni Kurds get along well, although problems between individual families may exist. The fact-finding mission heard that the KRG is liberal toward minorities as long as they are peaceful and support themselves. The Harikar NGO noted that all minorities have the same rights and needs and similar access to services in the KRG area. According to a Western consulate, Assyrians and Yazidis are well treated in the KRG region. A person of Kakai ethnicity in Halabja noted that there are no problems for old religious minorities in that city. However, religious people and Islamists still have a lot of influence in the area; thus, in Halabja some shops that sold alcohol have been closed.” (FIS/BFM, 1. Februar 2012, S. 50)
Der Bericht des FIS und des BFM führt weiter aus, dass die Verfassung der Autonomen Region Kurdistan die Jesiden nicht als ethnische Minderheit anerkenne, sondern als Kurden betrachte. Vor dem Gesetz würden sie als Muslime behandelt. Mehreren interviewten Personen gemäß sei die Lage von in der Autonomen Region Kurdistan (überwiegend in den Gouvernements Arbil und Dohuk) lebenden Jesiden stabil, wenngleich sie in den umstrittenen Gebieten angespannt bleibe:
„Yazidis are not recognized as an ethnic minority according to the KRG Constitution, but are considered Kurds. They are also treated as Muslims before the law. According to several interviewed sources, the situation of Yazidis living in the KRG area (mostly in the Erbil and Dohuk governorates) is stable, although it remains tense in the disputed areas.” (FIS/BFM, 1. Februar 2012, S. 54)
Die oben angeführten UNHCR-Richtlinien vom Mai 2012 widmen sich in einem Kapitel der Möglichkeit zur Inanspruchnahme einer internen Fluchtalternative (IFA) im Irak, mit Informationen zur IFA in der Autonomen Region Kurdistan sowie im Süd- und Zentralirak (UNHCR, 31. Mai 2012, S. 48-56). 
Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 27. Juli 2012)