Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Gibt es im derzeitigen afghanischen Parlament (ehemalige) Kommunisten bzw. (ehemalige) Anhänger des früheren Präsidenten Mohammed Nadschibullah? [a-9086]

4. März 2015

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Ludwig W. Adamec, emeritierter Professor der University of Arizona, erläutert in seinem im Jahr 2012 erschienenen historischen Wörterbuch zu Afghanistan (vierte Auflage), dass die afghanische Legislative (Parlament oder Nationalversammlung) aus zwei Kammern bestehe: der Wolesi Dschirga (Haus des Volkes) und der Meschrano Dschirga (Haus der Ältesten). Die Wolesi Dschirga sei mit mehr Macht ausgestattet. Zu ihren Zuständigkeiten würden die Ausarbeitung und die Ratifizierung von Gesetzen sowie die Genehmigung von Handlungen des Präsidenten gehören. Die Wolesi Dschirga verfüge über maximal 250 Mitglieder, die für einen Zeitraum von fünf Jahren gewählt würden. Die 102 Mitglieder der Meschrano Dschirga würden von Provinz- oder Distrikträten gewählt, und ein Drittel der Mitglieder werde vom Präsidenten ernannt:

„The legislative branch (parliament or National Assembly) consists of two houses: the Wolesi Jirga (House of the People) and the Meshrano Jirga (House of Elders). The Wolesi Jirga is the more powerful body; it has the primary responsibility for making and ratifying laws and approving the actions of the president. […] The Wolesi Jirga has a maximum of 250 members who are elected for a period of five years. […] The 102 members of the Meshrano Jirga […] are elected from provincial or district councils, and one-third of the members are appointed by the president from experts and experienced personalities.” (Adamec, 2012, S. 175)

Das australische Refugee Review Tribunal (RRT) geht in einem im März 2013 veröffentlichten Bericht zu politischen Parteien und Aufständischen-Gruppen im Zeitraum von 1978 bis 2001 auf die Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) (People’s Democratic Party of Afghanistan, PDPA) des früheren Präsidenten Mohammad Nadschibullah ein. Dem Bericht zufolge habe es sich bei der PDPA um eine im Jahr 1965 gegründete, pro-sowjetische kommunistische Partei gehandelt. Im Jahr 1973 habe die Partei dem ehemaligen Ministerpräsidenten Afghanistans Mohammed Daoud Khan geholfen, dessen Cousin König Mohammed Sahir Schah von der Macht zu verdrängen und die Republik Afghanistan zu errichten. Im April 1978 habe die PDPA, unterstützt von der afghanischen Armee, bei der sogenannten Saurrevolution die Macht von Daoud übernommen und PDPA-Anführer Nur Mohammad Taraki sei Präsident der Demokratischen Republik Afghanistan geworden.

Die Brutalität der Kommunisten und die von ihnen durchgeführten radikalen politischen Maßnahmen hätten zum Widerstand durch anti-kommunistische Mudschaheddin-Gruppen geführt. Im Dezember 1979 sei die Sowjetunion nach Afghanistan einmarschiert, um das kommunistische Regime zu unterstützen. Während zehn Jahren hätten die Sowjets versucht, die Mudschaheddin zu besiegen, die ihrerseits von den USA und Pakistan unterstützt worden seien. Schließlich seien die sowjetischen Truppen im Februar 1989 aus Afghanistan abgezogen. Die PDPA habe anschließend ihren Namen in Watan-Partei geändert und bis 1992 unter der Führung Nadschibullahs regiert. Nach der Niederlage gegen anti-kommunistische Mudschaheddin-Gruppen, die im April 1992 Kabul eingenommen hätten, sei das Regime gefallen:

The PDPA was a pro-Soviet Communist party established in 1965. In 1973 the party helped Mohammed Daoud Khan, a former prime minister of Afghanistan, to overthrow his cousin, King Mohammed Zahir Shah, and establish the Republic of Afghanistan. In April 1978 the PDPA, helped by the Afghan army, seized power from Daoud in what is known as the Saur Revolution and PDPA leader Nur Muhammad Taraki become President of the Democratic Republic of Afghanistan. […]

The brutality of the Communists and the radical policies they pursued provoked resistance by anti-Communist Mujahideen groups. The growing resistance, and Hafizullah Amin’s provocative ruthlessness, led the Soviet Union to invade Afghanistan on 27 December 1979 to support the Communist regime. The Soviets supported the more effective Babrak Karmal as new leader. The Soviets tried for 10 years to defeat the Mujahideen, which was supported by the US and Pakistan. The Soviet forces eventually withdrew in February 1989. The PDPA changed its name to the Watan Party and continued to rule Afghanistan until 1992 under the leadership of Dr Najibullah. The regime fell when it was defeated by the combined anti-Communist Mujahideen groups who took Kabul in April 1992.” (RRT, 7. März 2013, S. 8)

Wie der Bericht anführt, habe es sich bei der Khalq-Fraktion und der Parcham-Fraktion um die zwei größten Fraktionen der PDPA gehandelt (RRT, 7. März 2013, S. 8).

 

Das National Democratic Institute (NDI), eine US-amerikanische Einrichtung, die Programme zur Förderung von Demokratie in Entwicklungsländern durchführt, veröffentlicht im Mai 2012 ein Verzeichnis der Abgeordneten des afghanischen Unterhauses (Wolesi Dschirga) für den Zeitraum von 2010 bis 2015, das kurze biographische Informationen zu jedem Abgeordneten enthält. Das Dokument wurde nach den Begriffen „Najibullah“, „Najib“, „PDPA“, „People’s Democratic Party of Afghanistan“, „Khalq“, „Parcham“, „Watan Party“, „communist“ und „Maoist“ durchsucht. Dabei wurden folgende drei Personen gefunden, die eine offizielle Funktion während der Regierung Nadschibullahs bzw. im kommunistischen Regime innegehabt hätten:

Said Mansoor Naderi werde weithin als religiöser Anführer der ismailitischen Schiiten in Afghanistan angesehen. Während der kommunistischen Ära sei Naderi der Kommandant der 80. Panzerdivision gewesen, die im Jahr 1992 zu den Mudschaheddin übergelaufen sei und sich später der Nordallianz im Kampf gegen die Taliban angeschlossen habe. Wie NDI weiters anführt, sei Naderi während seiner Zeit als Militärkommandant Senator in der Regierung Nadschibullahs gewesen. Naderi gehöre der Hezb-e-Paiwand Milli Afghanistan (Nationale Solidaritätspartei Afghanistans, Anm. ACCORD) an:

„Said Mansoor Naderi

[…]

Party Affiliation: Hezb-e-Paiwand Milli Afghanistan

[…]

Naderi is widely considered to be the religious leader of the Ismaili Shia sect in Afghanistan. He holds the honorary title of Sayed of Kayan, held in high esteem in the Islamic world. During the Communist era, Naderi was head of the 80th Armoured Division, based in Pul-i Khumri, which defected to the Mujahideen in 1992 and joined the Northern Alliance to fight the Taliban in later years. […]

Previous occupation: During his years as a military commander, Naderi was a senator in the Najibullah government and later became Vice President to Burhannudin Rabbani. He has been an MP since he was first elected in 2005.” (NDI, Mai 2012, S. 29)

Der im Juli 2011 von Aufständischen getötete Muhammad Hashim Watanwal sei während der Zeit des kommunistischen Regimes stellvertretender Innenminister gewesen und habe außerdem den Posten des Generaldirektors für Verwaltungsangelegenheiten im Innenministerium inne gehabt. Während des Taliban-Regimes habe er sich im Ausland aufgehalten. Watanwal sei als unabhängiger Abgeordneter in der Wolesi Dschirga gesessen:

„Muhammad Hashim Watanwal (Deceased)

[…]

Party affiliation: Independent

[…]

Previous occupation: During the Communist regime, Watanwal was the Deputy Minister of Interior Affairs and also held the position of General Director of Administrative Affairs in the Interior Affairs Ministry. During the Taliban regime, he traveled overseas. […]

Other information: Watanwal was assassinated by insurgents on July 17, 2011 in Kabul, while visiting the home of a senior advisor to President Karzai.” (NDI, Mai 2012, S. 284)

Zahra Tukhi Zabuli sei im Jahr 1988 Vorsitzende des mit dem Frauenministerium verbundenen Frauenrates in der Provinz Zabul gewesen. Im selben Jahr sei sie Mitglied der Wolesi Dschirga in der Regierung Nadschibullahs geworden. Während des Krieges sei Zabuli nach Pakistan und anschließend nach Kirgisistan ausgewandert und erst 2005 wieder nach Afghanistan zurückgekehrt. Zabuli sitze als unabhängige Abgeordnete in der Wolesi Dschirga:

„Zahra Tukhi Zabuli

[…]

Party affiliation: Independent

[…]

Previous occupation: Zabuli taught for one year in 1987, and was the head of the Women’s Council (connected to the Department of Women’s Affairs) in Zabul province in 1988. In the same year, she became a member of the Wolesi Jirga in Dr. Najibullah’s government. During the war period, she immigrated to Pakistan, and then to Kyrgyzstan. She lived in Kyrgyzstan for seven years and completed university there. Zabuli returned to Afghanistan in 2005.” (NDI, Mai 2012, S. 294)

Im März 2013 veröffentlicht NDI ein Verzeichnis der Mitglieder des afghanischen Oberhauses (Meschrano Dschirga) für den Zeitraum von 2009 bis 2014, das ebenfalls kurze biographische Informationen zu jedem Mitglied enthält. Auch dieses Dokument wurde nach den Begriffen „Najibullah“, „Najib“, „PDPA“, „People’s Democratic Party of Afghanistan“, „Khalq“, „Parcham“, „Watan Party“, „communist“ und „Maoist“ durchsucht. Dabei wurde eine Person gefunden, die eine offizielle Funktion während der Regierung Nadschibullahs innegehabt habe:

Roshan Ara Alokozai, die als unabhängiges Mitglied in der Meschrano Dschirga sitze, sei während der Nadschibullah-Regierung in der Abteilung für Waisenhäuser und Kindergärten im Ministerium für Arbeit und Soziale Angelegenheiten beschäftigt gewesen. Später habe sie in der Grundschule des Khorasan-Flüchtlingslagers (in der Nähe der pakistanischen Stadt Peschawar, Anm. ACCORD) gearbeitet:

„Roshan Ara Alokozai

[…]

Party Affiliation: Independent

[…]

Previous occupation: During the Najib government, Alokozai worked at the Ministry of Labor and Social Affairs, in the Department for Orphanages and Kindergartens. She later worked as a teacher at the Khorasan Refugee Camp Primary School. She was appointed as a senator in 2005.” (NDI, März 2013, S. 90)

Darüber hinaus wurden bei der Durchsuchung des Verzeichnisses nach den oben angeführten Begriffen folgende zwei Personen gefunden, bei denen erwähnt wird, dass jeweils ein Onkel während der Nadschibullah-Regierung Senator gewesen sei:

„Gul Ahmad Azami

[…]

Party affiliation: Independent

[…]

His father is a retired military colonel and his uncle Ghulam Mahi-uddin was a senator during the Najibullah government. […]

Previous occupation: From 1984 to 1986, Azami was an officer at the Kabul Military University. From 1986 to 1987, he worked in the executive office of the Reserve Battalion of the Herat corps. From 1987 to 1989, he was commander of this battalion. He then served as the commander of the Special Brigade for Urban Security in Herat until 1991. From 1992 to 1994, he was commander of the battalion of students at Herat Military University. After 2008, he worked in the Ministry of Education, was an education auditor in Farah province, and was a teacher at the Abu Annas Farahi Girls’ High School. In 2009, he was elected as a member of the Farah Provincial Council.” (NDI, März 2013, S. 38)

„Dr. Hazrat Shah Nuristani

[…]

Party affiliation: Independent

[…]

His uncle, Din Mohammed Khan, was a senator during Dr. Najib’s government. […]

Previous occupation: Nuristani worked at the Sardar Muhammad Dawoud Khan Hospital in Kabul during the Taliban period. He has worked for Aid Medical International (AMI), as a specialist of bones and joints, and for Pharmacists Without Borders. He served as head of the Department for Public Health in Nuristan province from 2005 to 2010.” (NDI, März 2013, S. 113)

Auf der Website der Meschrano Dschirga findet sich eine undatierte Auflistung der Mitglieder des afghanischen Oberhauses. Allerdings findet sich von den drei oben angeführten Personen lediglich Roshan Ara Alokozai (Roshan Arah Alokozai) wieder. (Meshrano Jirga, ohne Datum)

 

Auf ihrer undatierten Website schreibt Razia’s Ray of Hope Foundation, eine Nonprofit-Organisation, die sich für junge Frauen und Mädchen in Afghanistan einsetzt, dass das aktuelle Parlament im Jahr 2010 gewählt worden sei. Zu den gewählten VertreterInnen würden frühere Mudschaheddin, Taliban-Mitglieder, KommunistInnen, ReformistInnen und islamische Fundamentalisten gehören:

„The current parliament was elected in 2010. Among the elected officials were former mujahedeen, Taliban members, communists, reformists, and Islamic fundamentalists.” (Razia’s Ray of Hope Foundation, ohne Datum)

In einem im Jänner 2011 veröffentlichten Artikel berichtet der deutsche Auslandsrundfunksender Deutsche Welle (DW) über die Eröffnung des neuen afghanischen Parlaments und die Vereidigung der 249 Mitglieder des Unterhauses. Der Artikel zitiert unter anderem einen nicht näher beschriebenen Journalisten namens Shah Hussein Murtazawi, dem zufolge rund 60 Prozent der Parlamentsabgeordneten ehemalige Mudschaheddin seien. Im Vergleich zum vorhergehenden Parlament habe es bedeutende Veränderungen gegeben. So seien dieses Mal gewisse namhafte Ex-KommunistInnen nicht im Parlament vertreten, dafür sei die Zahl der früheren Mudschaheddin-Anführer weitaus größer:

„Afghan President Hamid Karzai has inaugurated a new parliament in Kabul. He swore in the lower house’s 249 members and asked them to set aside their differences for the sake of the country. […]

Some 60 percent of the MPs are former mujahedin or are thought to support them, as journalist Shah Hussein Murtazawi pointed out. ‘There have been significant changes,’ he said. ‘This time certain renowned ex-communists are not in parliament however there are far more former mujahedin leaders. But there are also lots of younger people who never fought in the jihad against the Soviet Union.’” (DW, 26. Jänner 2011)

Der russische Auslandsfernsehsender Russia Today (RT) veröffentlicht im März 2011 ein Interview mit Shohzoda Shahed, einem unabhängigen Parlamentsmitglied und Mitglied des Nationalen Versöhnungsrates in Afghanistan, der als rechte Hand von Hekmatyar, dem einflussreichsten Rebellenkommandanten, angesehen werde. Auf die Frage von RT, ob er mit den vielen ehemaligen Kommunisten im afghanischen Parlament, gegen die er früher gekämpft habe, kooperiere, antwortet Shahed, dass diese von den Stämmen rechtmäßig in das Parlament gewählt worden seien. Zwischen ihnen gebe es keine Differenzen:

„RT: There are many former Communists in the Afghan parliament. You used to fight against them? Do you cooperate with them now?

SS: They were elected to parliament at elections. The tribes lawfully elected them to the nation’s parliament. We should observe the law. We don’t have any differences.” (RT, 10. März 2011)

[Textpassage entfernt]

 

In einer E-Mail-Auskunft vom 5. Juli 2012 teilt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network (AAN), einer unabhängigen, gemeinnützigen Forschungsorganisation mit Hauptsitz in Kabul, mit, dass eine ganze Reihe ehemaliger Mitglieder der DVPA (sowohl der Khalq- als auch der Parcham-Fraktion) am gegenwärtigen politischen Leben – zum Teil in hohen Funktionen – teilnehmen würden oder in den Sicherheitsorganen vertreten seien (Ruttig, 5. Juli 2012).

 

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Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 4. März 2015)

·      Adamec, Ludwig H.: Historical Dictionary of Afghanistan, 4th edition, 2012

·      DW - Deutsche Welle: Afghan parliament opens despite constitutional crisis, 26. Jänner 2011

http://www.dw.de/afghan-parliament-opens-despite-constitutional-crisis/a-6418075

·      Meshrano Jirga - House of Elders (Afghanistan): MJ Structure: Senators: Who is Who, ohne Datum

http://mj.parliament.af/english.aspx

·      NDI - National Democratic Institute: The 2010-2015 Wolesi Jirga Directory, Mai 2012

https://www.ndi.org/files/AFG-2010-2015-Wolesi-Jirga-Directory.pdf

·      NDI - National Democratic Institute: The 2009-2014 Meshrano Jirga Directory, März 2013

https://www.ndi.org/files/Afghanistan-Meshrano-Jirga-Directory-2013.pdf

·      Razia’s Ray of Hope Foundation: Politics in Afghanistan, ohne Datum

https://raziasrayofhope.org/politics-in-afghanistan.html

·      RRT - Australian Government - Refugee Review Tribunal: Background Paper Afghanistan: Political Parties and Insurgent Groups 1978-2001, 7. März 2013 (verfügbar auf ecoi.net)

http://www.ecoi.net/file_upload/1226_1369733568_ppig1.pdf

·      RT - Russia Today: Americans achieved nothing in Afghanistan – Afghan MP, 10. März 2011

http://rt.com/news/us-afghanistan-taliban-talks/

·      Ruttig, Thomas: E-Mail-Auskunft, 5. Juli 2012