Document #1141874
ACCORD – Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation (Author)
Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:
In einem Artikel der Welt vom August 2004 wird ein Mohamed Fahim als (Ex-)Verteidigungsminister und „für viele der mächtigste Kriegsfürst von allen“ bezeichnet:
„Verteidigungsminister Mohamed Fahim, für viele der mächtigste Kriegsfürst von allen, kooperierte gar nicht erst. […]
Nun hat er [Präsident Karzai, Anm.] doch die Initiative ergriffen und Ende des vergangenen Monats Mohammed Fahim als seinen künftigen Vize fallen lassen. Fahim wurde beschuldigt, institutionelle Reformen fortwährend zu blockieren - und die Warlords zu schützen. Außerdem soll er tief in den afghanischen Drogenhandel verwickelt sein. Der mächtige Tadschike war nicht mehr tragbar für Karsai - und schließlich auch nicht mehr für Washington.“ (Die Welt, 10. August 2004, S.2)
In einer Übersicht über die wichtigsten Menschen Afghanistans von BBC, zuletzt im September 2005 aktualisiert, wird Marshall Mohammed Qasim Fahim ebenfalls als einer der mächtigsten Männer des Landes bezeichnet. Er habe bei den Präsidentschaftswahlen überraschend nicht Karzai, sondern Yunus Qanuni unterstützt. Er sei Geheimdienstchef der Nordallianz und Nachfolger des ermordeten General Masud gewesen. In der BBC-Übersicht findet sich auch ein Foto von Fahim (BBC, 16. September 2005; siehe auch Los Angeles Times, 12. Juni 2002).
Informationen über Fahim finden sich auch im Who Is Who von Afgha.com:
„Mohammed Kasim Fahim ist als Nachfolger Kommandant Ahmed Shah Massouds, der am 9.September 2001 in einem Selbstmord-Bombenanschlag durch Bin Ladens Handlanger getötet wurde, zum neuen Verteidigungsminister des Islamischen Staates von Afghanistan ernannt worden. Fahim war Kommandant Massouds Stellvertreter in militärischen Angelegenheiten und Kommandant der Mujaheddin-Streitkräfte nördlich von Kabul. Später wurde er im Norden des Landes eingesetzt.
In der Mujaheddin-Regierung von 1992 wurde Fahim zum Minister für Nationale Sicherheit ernannt und war auch vier Jahre lang Befehlshaber des Militärs in Kabul.
In den Jahren des Dschihads war Fahim Kommandant und Verwalter der Jamiat Islami-Truppen in Perwa, Baghlan und anderen Gebieten und außerdem auch Vizedirektor des politischen Komitees der Mujaheddin unter Kommandant Massoud. Fahim spielte eine wichtige Rolle im Aufbau der Streitkräfte des Najibullah-Regimes im Norden, welches 1992 zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes führte.
Er wurde 1957 in Immerse, einem Dorf im Panjschirtal, geboren. Er ging im Panjschir zur Grundschule und auf die High School in Kabul. Nach dem kommunistischen Staatsstreich 1978 flüchtete er nach Peschawar. Ein Jahr später kehrte er ins Panjschirtal zurück und begann unter Kommandeur Massoud zu arbeiten.“ (Afgha.com, ohne Datum; siehe auch Afgha.com, 11. Juli 2002)
Nach Angaben von Eurasianet vom Juli 2004 würden viele in Karzais Regierung Fahim für die enttäuschenden Ergebnisse des Programms zur Entwaffnung von Warlords verantwortlich machen (Eurasianet, 28. Juli 2004).
In einem Bericht des Afghan Justice Project (AJP) vom Juli 2005 über Kriegsverbrechen von 1978-2001 wird Fahim als Direktor der Abteilung für Nationale Sicherheit der Shura-i Nazar bezeichnet (im Jahr 1993; zur Shura-i Nazar siehe Anmerkung weiter unten). Diese Abteilung sei den Staatsanwälten (Saranwali) von Lejdey übergeordnet gewesen. Diese Saranwali seien direkt mit Folter bei Verhören in Verbindung (AJP, 17. Juli 2005, S.58). Fahim wird auch als ein Kommandant der Dschamiat-i Islami (Jamiat-e Islami) bezeichnet, der für die Planung (und Durchführung) der Afshar-Offensive (West-Kabul) vom Februar 1993 (mit-)verantwortlich sei (S.83). Bei dieser Offensive von Masuds Dschamiat-i Islami gemeinsam mit Sayyafs Ittihad-Bewegung gegen die Hisb-i Wahdat sei es nach Angaben des AJP zu zahlreichen zivilen Opfern, zu Massenhinrichtungen und Massenvergewaltigungen gekommen (S.82-88).
Anmerkung zur Shura-i Nazar: im AJP-Bericht wird erläutert, die Shura-i Nazar sei eine politische Gruppierung, die regierungsähnliche Strukturen (wie einen Geheimdienst und Staatsanwälte und Gefängnisse) aufbaute, in Antizipierung ihrer Machtergreifung (S.57-58).
Laut einem Bericht von Human Rights Watch (HRW) hält sei Fahim Chef des von der Dschamiat-i Islami kontrollierten Geheimdienstes Amniat-i Melli (Amniat-e Melli) gewesen, von 2001-2004 Verteidigungsminister und während des Kampfes gegen die Taliban 2001 wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten von Amerika (HRW, 7. Juli 2005, S.73). Mit Mitte 2005 halte Fahim laut HRW den symbolischen Titel „Marshall for Life“ (Marschall auf Lebenszeit) (S.119).
Laut GlobalSecurity.org habe Fahim im Frühling 2002 in Jalalabad einen Mordversuch überlebt (GlobalSecurity.org, 27. April 2005a).
Für eine Chronologie/Kurzbiographie zu Fahim siehe auch Afghanistan-seiten.de:
In den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen konnten keine Informationen zu einem Kommandanten namens Besmellah Khan gefunden werden. Es konnten jedoch Informationen mit einer anderen Schreibweise, Bismillah Khan, gefunden werden:
Laut dem Who Is Who von Afgha.com habe sich Bismillah Khan 1992 Masuds Kräften angeschlossen, nachdem er dem kommunistischen Regime gedient hatte. Er sei United-Front-Kommandant an der Shomali Front gewesen. Nach dem Fall Kabuls an die United Front (auch Nordallianz oder formell „National Islamic United Front for the Salvation of Afghanistan“ genannt, Anm.) sei Bismillah Khan zum Kommandant der 2000 Mann starken Polizei von Kabul und Mitglied der Sicherheitskommission Kabul ernannt worden:
“After serving the communist regime, he defected to Mas’ud’s forces in 1992, and has since then served as United Front commander for the Shomali Front . After the fall of Kabul to the United Front, he was appointed commander of the 2000 men Kabul police force, and a member of the Kabul Security Commission.” (Afgha.com, ohne Datum B)
Im oben zitierten Bericht von HRW wird auch Bismillah Khan (im Bericht auch Bismullah Khan geschrieben) erwähnt: In den Kräften der Dschamiat und der Shura-i Nazar, die von Masud geleitet worden seien, wird er (neben Fahim und anderen) als einer der Militärkommandanten aus dem zweiten Rang genannt. Mit Stand Mitte 2005 sei er Chief of Staff (Stabschef/Generalstabschef) der Armee Afghanistans:
“Jamiat and Shura-e Nazar forces, at the time discussed in this report, were under the overall command of Ahmed Shah Massoud (killed on September 9, 2001). Second tier military commanders included Mohammad Qasim Fahim (Afghanistan’s defense minister 2001-2004; as of mid-2005 holding a symbolic position as “Marshall for Life”); Baba Jalander (director of the Afghan Red Crescent Society from late 2001-2004); Bismullah Khan (as of mid-2005 the chief of staff of the Afghan Army); Gul Haider (as of mid-2005 a general serving in the defense ministry); and Younis Qanooni (former minister of education and national security advisor in President Karzai’s 2002-2004 cabinet; as of mid-2005 the chief of Nehzat-e Melli, a political party, also known as Afghanistan Naveen).” (HRW, 7. Juli 2005, S.119)
Auch in einem BBC-Artikel vom September 2005 wird Bismillah Khan als Armeechef erwähnt (BBC, 11. September 2005).
HRW berichtet weiters, dass Fahim und Bismillah Khan (u.a.) direkt in die im Bericht beschriebenen Menschenrechtsverbrechen involviert gewesen seien (HRW, 7. Juli 2005, S.121).
Auch im Bericht von AJP wird Bismillah Khan mehrmals als Befehlshaber und Unterstellter Masuds erwähnt (AJP, 17. Juli 2005).
Laut einem Bericht der International Crisis Group (ICG) vom Februar 2005 wurde Bismillah Khan, Mitglied der Shura-i Nazar, am 20. September 2003 zum Stabschef der Armee ernannt, zuvor sei er Fahims Stellvertreter als Verteidigungsminister gewesen (ICG, 23. Februar 2005, S.3). Laut ICG habe Bismillah Khan 2004 im Zuge des Entwaffnungsprogrammes darauf bestanden, schwere Waffen in einer Kernregion der Shura-i Nazar zu behalten, weshalb ein Stützpunkt in der Provinz Parvan eingerichtet worden sei (S.10).
In dem Artikel der Los Angeles Times vom Juni 2002, in dem die Ermordung Masuds beschrieben wird, wird Bismillah Khan mehrmals erwähnt. Er habe 22 Jahre lang an der Seite Masuds gekämpft, sei einer der Generäle, denen Masud am meisten vertraute (Los Angeles Times, 12. Juni 2002).
Laut einem Bericht des MDR sei Abdol Rasul Sayyaf Anführer der Ittihad Islami Barai-ye Azado-ye:
“Itteha’d Isla’mi Barai-ye Azado-ye Afghanistan (Islamische Union für die Befreiung Afghanistans)
Die Itteha’d Isla’mi Barai-ye Azado-ye Afghanistan stützt sich ebenfalls auf Anhänger in der pashtunischen Bevölkerungsgruppe. Die Führung in der Organisation übt Abdol Rasul Sayyaf aus. Sein Stellvertreter ist Ahmad Shah Ahmadzay. Sayyafs Organisation machte sich seit den 80er Jahren wegen zahlreicher Gräueltaten einen Namen. Ähnlich wie Hekmatyar sieht Sayyaf in den USA den gefährlichsten Gegner. Mit der Nordallianz verbindet die fundamentalistische Organisation Sayyafs bestenfalls Feindschaft.“ (MDR, 7. Juli 2002)
In einer Übersicht über die wichtigsten Menschen Afghanistans von BBC, zuletzt im September 2005 aktualisiert, wird Sayyaf (dort Abdul Rassoul Sayyaf geschrieben) ebenso als Anführer der Islamischen Union für die Befreiung Afghanistans beschrieben. Er sei der einzige gegen die Taliban kämpfende pashtunische Anfrüher gewesen, der Teil der Nordallianz war. Er sei Mitglied der verfassungsgebenden Loya Jirga 2002 gewesen. Er wird als Hardliner bezeichnet und es gebe Vermutungen, nach denen er seine Partei mit Saudi Arabischer Unterstützung gegründet habe. Er sei früher Professor des Islamischen Rechts gewesen, und 1980 neutraler Vorsitzender der ersten Rebellenallianz. Er sei einer der Hauptakteure im Bürgerkrieg 1992 gewesen, bei dem große Teile Kabuls zerstört worden seien. Der BBC-Artikel enthält zudem ein Foto (BBC, 16. September 2005):
“Abdul Rassoul Sayyaf
A former mujahideen leader, Mr Sayyaf was a member of the constitutional loya jirga held in 2002. Leader of Islamic Union for the Liberation of Afghanistan, he was the only anti-Taleban Pashtun leader to be part of the Northern Alliance. A hardliner, he is believed to have formed his party with Saudi backing. A former professor of Islamic law, Mr Sayyaf was the neutral chairman of the first rebel alliance in 1980. Abdul Rassoul Sayyaf was a major player in the civil war in 1992, which left vast areas of the capital, Kabul, in ruins.” (BBC, 16. September 2005)
Auch im oben bereits zitierten Bericht von HRW wird Sayyaf (dort Abdul Rabb al-Rasul Sayyaf) geschrieben als Anführer der Ittihad erwähnt. 1992/93 habe die Ittihad-Bewegung ihren Machtschwerpunkt in Paghman gehabt, westlich von Kabul, und sei mit der Rabbani-Regierung und Masuds Dschamiat alliiert gewesen. Derzeit habe Sayyaf keinen offiziellen Regierungsposten inne, er verüge laut HRW jedoch über großen politischen Einfluss auf Präsident Karzais Bestellungen politischer und militärischer Ämter sowie im Justizbereich. Zahlreiche Ittihad-Mitglieder seien ab 2002 bis zum Erscheinen des Berichts als Beamte im Verteidigungsministerium und im Innenministerium, sowie im Obersten Gerichtshof und in niedrigeren Gerichten tätig:
“Ittihad-i Islami Bara-yi Azadi Afghanistan (Ittihad) [means “Islamic Union for the Liberation of Afghanistan.”]
Ittihad is headed by Abdul Rabb al-Rasul Sayyaf. During the war against the Soviet occupation, Sayyaf obtained considerable assistance from Saudi Arabia, and Arab volunteers supported by private and governmental sources from Saudi Arabia fought with Sayyaf’s forces. Ittihad in 1992-1993 had its central power based in Paghman district, west of Kabul, and was allied with the Rabbani government and Massoud’s Jamiat forces. Today, Sayyaf has no official government post but exercises a large amount of political power of President Karzai’s political, judicial, and military appointments. Many Ittihad members have served from 2002 to mid-2005 as officials in the ministry of defense, ministry of interior, and in the Supreme Court and lower courts.” (HRW, 7. Juli 2005, S.131)
Siehe auch das Who Is Who von Afgha.com zu Sayyaf (Afgha.com, ohne Datum C) sowie GlobalSecurity.org (GlobalSecurity.org, 27. April 2005b) und als Hintergrundinformationen einen Artikel von Asia Times Online und den oben bereits zitierten der Los Angeles Times, beide über den Mord an Masud durch zwei Personen, die sich als Journalisten ausgaben und angeblich von Sayyaf (ohne dessen Wissen über den geplanten Mord) zu Masud geführt worden waren (Asia Times Online, 12. September 2002; Los Angeles Times, 12. Juni 2002).
Nach Angaben von Rubin habe Sayyaf bei Geburt Ghulam Rasul Sayyaf geheißen, später seinen Namen in Abd al-Rabb al-Rasul Sayyaf geändert (Rubin, 2002, S.313). Sayyaf sei 1989 Premierminister der Afghanischen Interimsregierung („Interim Islamic Government of Afghanistan“, IIGA) gewesen, die nach dem Abzug der Sowjetischen Truppen auf Druck der USA und von Pakistan von sieben Sunnitischen Parteien gegründet worden war. Die Zusammensetzung der IIGA sei von Seiten Saudi Arabiens und des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter-Services Intelligence) manipuliert worden (Rubin, 2002, S.250; siehe hierzu auch Roy, 1990, S.231). Roy bietet auch Informationen zu Sayyafs Aufstieg in den frühen 1980ern (Roy, 1990, S.122-123 u. 134-136 sowie S.96, siehe Kopien im Anhang).
Laut einem Bericht des US Congressional Research Service (CRS) vom Mai 2005 habe Sayyafs konservative Wahhabismus-Ideologie Ähnlichkeiten mit jener der Taliban, weshalb zu Zeiten des Aufstiegs der Taliban viele Sayyaf-Kämpfer zu den Taliban übergelaufen seien. Trotz dieser Ähnlichkeiten habe sich Sayyaf jedoch der Nordallianz gegen im Kampf gegen die Taliban angeschlossen. Nach Angaben des CRS würden viele Afghanen glauben, Sayyafs Einfluss im Justizbereich würde die Modernisierung verzögern. Im von den USA unterstützten Krieg gegen die Sowjet-Besatzung habe Sayyaf laut CRS zu den Hauptempfängern US-amerikanischer Waffenlieferungen gezählt (CRS, 19. Mai 2005, S.7). Weiters berichtet CRS, dass Sayyaf nicht voll mit dem Entwaffnungsprogramm DDR kooperiere (S.15).
Die afghanische Wahlkommission (JEMB) führt Sayyaf (dort Abdul Rab Rasoul Sayaf) als Anführer der Partei Tanzim Dawat-e-Islami-e-Afghanistan (20. August 2005, S.2). Laut Afghanistan Online bedeute dies „Afghanistan’s Islamic Mission Organization“. Sayyafs Ittihad-Partei habe sich am 25. April 2005 unter diesem neuen Namen registriert (Afghanistan Online, 17. Mai 2005).
Laut dem Integrated Regional Information Network (IRIN) sei Sayyaf Ende Dezember 2005 bei der Wahl zum Parlamentspräsidenten knapp Yunus Qanuni unterlegen (mit 117 Stimmen für Sayyaf und 122 für Qanuni) (IRIN, 21. Dezember 2005; siehe für weitere Artikel zur Parlamentswahl und Sayyaf auch Glatzers Presseübersicht „News From Afghanistan“, 1. Jänner 2006).
Für eine Chronologie/Kurzbiographie zu Sayyaf siehe auch Afghanistan-seiten.de:
Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Die Antwort stellt keine abschließende Meinung zur Glaubwürdigkeit eines bestimmten Asylansuchens dar.
Quellen: