Anfragebeantwortung zu Afghanistan: Behandlung durch staatliche und nicht-staatliche Akteure von Personen, die öffentlich (Pop-)Musik machen bzw. versuchen, mit (Pop-)Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen; Schutzfähigkeit und -willigkeit des afghanischen Staates [a-8612]

24. Februar 2014
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Behandlung durch staatliche und nicht-staatliche Akteure von Personen, die öffentlich (Pop‑)Musik machen bzw. versuchen, mit (Pop-)Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen
In seinen im August 2013 veröffentlichten Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs von Asylsuchenden aus Afghanistan führt das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UN High Commissioner for Refugees, UNHCR) basierend auf verschiedenen Medienartikeln und dem Halbjahresbericht der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UN Assistance Mission in Afghanistan, UNAMA) vom Juli 2012 folgende Informationen an:
„Die Taliban haben Berichten zufolge Personen und Gemeinschaften getötet, angegriffen und bedroht, die in der Wahrnehmung der Taliban gegen islamische Grundsätze, Normen und Werte gemäß der Auslegung durch die Taliban verstoßen haben. Tötungen, Angriffe und Schikanierung von Personen, die angeblich die moralischen Grundsätze der Taliban verletzen, ereignen sich in Gebieten, die sich unter der vollständigen oder teilweisen tatsächlichen Kontrolle der Taliban und anderer regierungsfeindlichen Kräfte befinden, sowie auch in anderen Gebieten. Zu den Opfern derartiger Angriffe gehören Musiker, Filmemacher, Regisseure und Schauspieler sowie Profi- und Amateur-Sportler und - Sportlerinnen. Weiterhin gehören zu den Opfern Personen, die an Veranstaltungen oder Zusammenkünften teilnahmen, in deren Rahmen solche Verhaltensweisen stattfinden, die gemäß den Vorstellungen der Taliban islamische Prinzipien, Normen und Werte verletzen, wie zum Beispiel Musikdarbietungen auf Hochzeiten, Vogelkämpfe und andere Wettkämpfe, bei denen die Zuschauer Wetten abschließen.“ (UNHCR, 6. August 2013, S. 53-54)
Die australische Tageszeitung The Age berichtet in einem Artikel vom Jänner 2014 über den Fall des afghanischen Sängers und Siegers der afghanischen TV-Castingshow Afghan Star, Navid Forogh, der auf dem Heimweg nach einem Konzert in Kabul von einem maskierten Bewaffneten mit einer Schusswaffe angegriffen und verletzt worden sei. Schon Monate zuvor habe er anonyme Todesdrohungen erhalten. Forogh wisse immer noch nicht, wer ihn habe töten wollen, allerdings verdächtige er die Taliban, die Popkultur und westliche Einflüsse ablehnen würden und während ihrer fünfjährigen Herrschaft ein Musikverbot erlassen hätten. Wie der Artikel berichtet, lebe Forogh mittlerweile als Flüchtling in Australien. Die im Jahr 2009 ausgestrahlte Staffel der Castingshow Afghan Star, aus der Forogh als Sieger hervorgegangen sei, sei sehr populär gewesen, sei allerdings auch von konservativen Kräften und extremistischen Gruppen kritisiert worden. Die Sendung sei unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen produziert worden:
„Navid Forogh was driving home after a sellout concert in Kabul, Afghanistan, when a masked gunman appeared from the shadows. He pulled a pistol, fired three shots, then slipped back into the dark. One bullet hit the young singer's shoulder, and he was left bleeding, slumped beside his car. It had started months earlier with anonymous death threats. Before his new life as a refugee in Melbourne, Forogh, 23, caused a wave of hysteria across his homeland when crowned the winner of a TV talent show Afghan Star. He still doesn't know who tried to kill him. He suspects it was the Taliban, who loathed pop culture, Western influences, and banned all music for its five years in power. […] The shooting left Forogh fearing for his life, and three months after his release from hospital, he fled to Dubai where the Australian embassy gave him a refugee protection visa. Afghan Star's 2009 season, which Forogh won, achieved wide popularity and criticism from conservative and extremist groups. It was produced under heightened security and watched by 11million people – a third of the Afghan population.” (The Age, 4. Jänner 2014)
Der US-amerikanische Nachrichtensender ABC News berichtet in einem Artikel vom Mai 2012 über denselben Vorfall, der sich im April 2012 ereignet habe. Wie der Artikel berichtet, glaube Forogh, dass die anonymen Drohungen, die er nach seinem Sieg in der Castingshow erhalten habe, mit einem Lied in Verbindung stünden, das von Ahmad Shah Massoud, einem bekannten nicht-paschtunischen Warlord, der die Taliban bekämpft habe und bei einem Selbstmordanschlag im Jahr 2001 getötet worden sei, handle. Für die Taliban sei Massoud Staatsfeind Nr. 1 gewesen. Der Artikel erwähnt weiters, dass Forogh immer noch nicht wisse, wer versucht habe, ihn umzubringen. Allerdings glaube er, dass es sich bei dem Täter entweder um einen Kämpfer der Taliban oder einen paschtunischen Regierungsvertreter, der sich an seinem Lied über Ahmad Shah Massoud gestört habe, gehandelt habe:
„Three weeks ago, Navid Forogh was on top of the world. The winner of ‘Afghan Star,’ the war-torn country's version of ‘American Idol,’ had just released a slate of new singles, had big ticket performances lined up across the region, and millions of young, adoring fans willing to line up for hours to score tickets to see him in person. […] Then came the bullets. And everything changed. Three of them, in quick succession put an end to Forogh's career, and leaving him so depressed he now sits alone in an empty house, wondering if she should kill himself. […] Forogh had been receiving anonymous threats online since shorly [sic] after he won the reality show. He believes they were linked to a song he wrote about Ahmad Shah Massoud, a famous warlord who fought the Taliban for years before he was killed by a suicide bomber in September 2001. For the Taliban, who are mostly Pashtun from southern Afghanistan, Massoud was public enemy no. 1. […] But one fateful night in April, on his way home from a performance in Kabul, he was ambushed by a masked gunman. Hiding behind a tree outside Forogh's driveway, the gunman fired the three shots that changed Forogh's life forever and put an end to his once promising career. The first bullet ricocheted off the hood of his car. The second whizzed past his ear. And the third pierced his shoulder, sending Forogh sprawling to the ground, in a pool of his own blood. When his brother found him 15 minutes later, he thought he was dead. Had any of the bullets been mere inches closer to their target, Forogh would have been. […] To this day, he doesn't know who tried to kill him. He suspects it was either the Taliban, who were notorious for their loathing of any pop culture with even the slightest connection to anything Western, or, in a more sinister scenario, a Pashtun government official who took issue with his praising of Ahmad Shah Massoud, himself a non-Pashtun.” (ABC News, 20. Mai 2012)
Afghanistan Today, ein vom deutschen Außenministerium finanziertes Ausbildungsprojekt für afghanische JournalistInnen, berichtet in einem Artikel vom Dezember 2013 über die Lage paschtunischer SängerInnen auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze. Für mehr als ein Jahrhundert seien diese SängerInnen bei politischen Veranstaltungen, Hochzeiten und anderen gesellschaftlichen Anlässen aufgetreten und ähnlich wie heutige Musikstars im Westen gefeiert worden. Heutzutage seien sie allerdings zunehmend auf Radiosendungen und kleine Bühnen in Städten beschränkt oder hätten überhaupt aufgehört, aufzutreten. Ihre Kunst stehe dem Musikverbot der Taliban entgegen und berge ein wachsendes Risiko, eingeschüchtert oder körperlich angegriffen zu werden. Während der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 habe es Fälle gegeben, in denen MusikerInnen, die ein Instrument gespielt hätten, die Fingernägel ausgerissen worden seien („had their nails removed“). Fast 15 Jahre später würden Taliban-Gruppen weiterhin gegen MusikerInnen auf ähnliche Art und Weise vorgehen. Diese radikale Haltung gegenüber Musik habe in den vergangenen Jahren viele MusikerInnen dazu veranlasst, andere Berufswege einzuschlagen.
Dem Direktor der KünstlerInnenvereinigung in Ostafghanistan zufolge hätten die Taliban vor einiger Zeit die Instrumente einer Musikergruppe im Distrikt Surkh Rod, Provinz Nangarhar, zerstört, ihnen die Köpfe kahlgeschoren und sie dazu gezwungen, ihr Musizieren zu bereuen. Jetzt traue sich niemand mehr, in diesem Distrikt aufzutreten.
Ein Vorwurf, der von KünstlerInnen auf beiden Seiten der afghanisch-pakistanischen Grenze geäußert werde, sei, dass sie keine Unterstützung durch die Regierung erhielten. Der Leiter der MusikerInnenvereinigung in Ostafghanistan habe angegeben, dass es keine staatliche Unterstützung für einheimische KünstlerInnen gebe und die Regierung stattdessen bevorzuge, ausländische KünstlerInnen einzuladen:
„For over a century, Pashtun singers travelled widely on both sides of the Afghan-Pakistani border, performing at political events, glitzy weddings and other social occasions, and were feted much like contemporary music stars in the West. Yet today these bards, many of them household names, are increasingly confined to the radio waves and modest city stages, or bow out from performing life altogether. Their art runs counter to the Taliban's ban on music as a distraction from one's faith, and carries a growing risk of intimidation or direct physical harm. ‘We cannot leave the city,’ says Baryalai Samadi, a Pashtun singer from Afghanistan's Nangarhar Province who is well known on both sides of the border. ‘Before, at the imploration of Karzai’s government, we used to go out to the districts with confidence and sing at wedding ceremonies.’ During the Taliban's 1996-2001 rule of Afghanistan there were cases where musicians caught playing an instrument had their nails removed. Nearly 15 years later and contemporary Taliban groups continue to target musicians with similar brutal fear tactics. A continuing radical stance on music prompted many musicians to take up other careers in recent years. […]
‘A while ago Taliban smashed the instruments of a group of musicians in Surkh Rod District in Nangarhar Province, shaved their heads and made them repent,’ Ustad Kamin Gul, the director of the artists’ association in eastern Afghanistan, told Afghanistan Today. ‘Now, nobody - even someone with the heart of an elephant - would dare to visit the district to perform.’ […]
Lack of government support is a common reproach from artists either side of the border. Kamin, the head of the musicians' association in eastern Afghanistan, says there is no state support for homegrown artists, and the government prefers instead to host expensive foreign performers, including Afghans who spent much of their lives living abroad.” (Afghanistan Today, 28. Dezember 2013)
Die Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) berichtet in einem Artikel vom November 2013 über die Kabuler Schule für Rockmusik, die vor zwei Jahren in der Hauptstadt gegründet worden sei. Einer der Schüler habe erzählt, seine Familie habe nicht gewollt, dass er ein Sänger oder Musiker werde, da die AfghanInnen keine gute Meinung von Rockmusik hätten. Einige Personen würden damit drohen, KünstlerInnen zu töten. Wie der Artikel weiters berichtet, hätten die Taliban während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 ein fast vollständiges Musikverbot erlassen. Afghanistan sei weiterhin ein konservatives muslimisches Land mit weitverbreitetem Misstrauen gegenüber westlichen Einflüssen:
„With a sense of showmanship that would have impressed Freddie Mercury, Salahdeen, aged seven, struts his way through a passionate rendition of ‘We Will Rock You’ – all part of the learning process at Kabul’s ‘school of rock’. Founded two years ago in a living room in the Afghan capital, the school has grown into a busy youth club based at an arts centre with a recording studio and 35 students mastering singing, the guitar and drums. […] ‘This is the only place in Afghanistan to learn rock music,’ Omar Paiman, 18, a spiky-haired fan of Linkin Park, told AFP. ‘I am really interested in guitar, and I have had lessons for seven months. My family didn’t want me being a singer or a musician because Afghan people don’t have a good opinion of rock music.’ ‘Some people threaten to kill artists. My dad is a construction engineer and wanted me to follow him,’ Omar added as he strummed through a few chords of the Bob Dylan classic ‘Knockin’ On Heaven’s Door’. The Taliban outlawed almost all music during their 1996-2001 rule of Kabul, and Afghanistan remains a conservative Muslim country with widespread suspicion of Western influences.” (AFP, 18. November 2013)
FM4, der Jugendkulturradiosender des Österreichischen Rundfunks (ORF), schreibt im Mai 2013 Folgendes über Kabul Dreams, „die erste Rockband Afghanistans“:
„Musik war im Afghanistan des Taliban-Regimes lange Zeit verboten. Nun kommt sie langsam wieder ins Leben der Menschen zurück, auch als Rock-Musik. Kabul Dreams - das sind Sänger Sulyman Qardash, Bassist Sidduque Ahmed und Schlagzeuger Mujtaba Habibi, die erste Rockband Afghanistans. Alle drei sind gebürtige Afghanen, aber im benachbarten Ausland aufgewachsen und dort mit Rockmusik in Berührung gekommen. Nun versuchen sie mit ihrer Leidenschaft ihre Landsleute anzustecken. […] Unter der Herrschaft der Taliban wurde Musik zur Sünde erklärt, vor allem die Musik der persischen Minderheit, während die Taliban selbst ihre Tänze und Gesänge weiter praktizieren durften. In den Städten wurden Musikinstrumente mutwillig zerstört und angezündet. Auch heute, wo das Regime nicht mehr regiert, ist es für Kabul Dreams noch immer gefährlich, ihr Hobby öffentlich auszuleben, denn die Taliban und ihre Anschläge gibt es nach wie vor. ‘We are all worried about this. If they would know about this and that we are doing this type of music, I am sure they would try to trash us.’, sagt Bassist Sidduque mit trockener Stimme.” (FM4, 28. Mai 2013)
Die vom US-amerikanischen Regionalkommando für den Nahen Osten, Nordafrika und Zentralasien (USCENTCOM) finanzierte Website Central Asia Online berichtet im Mai 2013, dass das Kabuler Musikfestival Sound Central seit 2011 jährlich stattfinde und einen großen Erfolg darstelle. Zusätzliche Belege für die Popularität von Rockmusik in Afghanistan seien die vor kurzem in Kabul eröffnete Schule für Rockmusik und Kabul Rock, der einzige zentralasiatische Radiosender für Rockmusik, der rund um die Uhr sende. Dem Gitarristen und Leader der Rockband Kabul Dreams zufolge lege die Regierung MusikerInnen keine Steine in den Weg. Jeder Musiker könne heute ohne Beschränkungen die Musik machen, die ihm gefalle:
„For many young Afghans, like those attending the popular annual music festival Sound Central in Kabul, rock music in their native language has become an outlet for their concerns about their country's problems and a way to show their rejection of the Taliban. […] One of the most important events in the lives of Afghan rock musicians is the Sound Central festival, held for the third time in Kabul this year by an international group of music producers, organisers said. The overwhelming success of Sound Central-2011 and Sound Central-2012 gave a powerful boost to the development of Afghan rock music. […] Additional evidence of the popularity of rock music in Afghanistan are the Rock School, recently opened in Kabul, and Central Asia's sole rock radio station, Kabul Rock, which broadcasts round the clock. ‘We're very glad our government places no barriers in musicians' way – unlike the period with the Taliban in power, when music was ... forbidden,’ Qardash [guitarist and leader of the Afghan rock band Kabul Dreams] said. ‘Any musician today is free to play any music he likes, with no restrictions, which is just great.’” (Central Asia Online, 28. Mai 2013)
GlobalPost, eine US-amerikanische online-basierte Nachrichtenagentur, schreibt in einem Artikel vom April 2013, dass KünstlerInnen in Afghanistan nach 2001 von Fortschritten in Bezug auf die freie Meinungsäußerung profitiert hätten. Allerdings würden sich nun viele dieser KünstlerInnen fragen, ob diese Fortschritte dauerhaft seien. Selbst in Kabul gebe es Anzeichen für Rückschritte in Richtung der konservativeren und politisch brisanteren Vergangenheit, in der KünstlerInnen, vom Maler bis zum Dichter, wegen ihrer Arbeit mit schwerwiegenden Risiken konfrontiert gewesen seien. Der Artikel berichtet weiters über den Fall des Musikers Ustad Amruddin, der die Dilruba, ein klassisches Streichinstrument, spiele und dessen Karriere während der sowjetischen Besatzung von 1979 bis 1989 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg prosperiert habe. Nach der Machtergreifung der Taliban hätten diese ein Musikverbot erlassen und die meisten Instrumente Amruddins seien zerstört worden. In den letzten Jahren seien öffentliche Auftritte Amruddins wieder üblich geworden, allerdings nicht ohne Probleme. So sei im vergangenen Monat ein Auftritt, der in der Provinz Ghazni habe stattfinden sollen, untersagt worden, nachdem lokale Amtsträger Berichten zufolge Musik als „verboten“ bezeichnet hätten.
Der Artikel erwähnt weiters, dass Drohungen auch zur Lebensrealität von Personen gehören würden, die in der TV-Castingshow Afghan Star aufgetreten seien. Ein Jury-Mitglied der Show habe angegeben, durch einige der einschüchternden Botschaften, die er über das Telefon und das Internet erhalte, verängstigt zu sein. Allerdings sei das wirkliche Problem der „Fundamentalismus“ in der Mitte der Gesellschaft („mainstream ‚fundamentalism‘“) und nicht bestimmte aufständische Gruppen:
„Despite being about 90 and walking with a severe hunch, Ustad Amruddin will not let anyone else carry his dilruba – a classical stringed instrument that is rarely played in Afghanistan these days. Over the decades, he has performed concerts for monarchs, communists and warlords, been threatened with arrest and forced into exile. He has no idea what will come next when America and its allies leave. […]
While much of society here has continued to suffer since the 2001 US-led invasion, artists have undoubtedly benefited from an era that has witnessed significant gains in freedom of expression. Many of them now wonder if that progress is sustainable. Even in Kabul there are signs of a gradual return to the more conservative and politically fraught past when everyone from painters to poets faced grave risks simply because of their work. […]
Amruddin first played the dilruba as a child and was soon hired as a musician by what was then Afghanistan's only national radio station. Unlike some of his colleagues, his career prospered during the Soviet occupation of 1979 to 1989 and the civil war that followed. But after moving to the northern city of Sheberghan, his willingness to perform for just about anyone eventually proved his undoing. Music was banned across the country when the Taliban seized power and most of the instruments Amruddin owned were destroyed. […] Public concerts have become common again in recent years, though not without controversy. One show planned for the southern province of Ghazni was banned last month after local officials reportedly described music as ‘forbidden.’
Threats are also a fact of life for people who appear on Afghan Star, a TV talent contest for aspiring singers. Mohammad Qasem Ramishgar, a judge on the program, admitted to being scared by some of the intimidating messages he receives over the phone and internet. But he told GlobalPost that mainstream ‘fundamentalism’ is the real problem, rather than particular insurgent groups.” (GlobalPost, 13. April 2013)
Die US-amerikanische Tageszeitung Wall Street Journal (WSJ) berichtet in einem Artikel vom Februar 2013 über die bevorstehende US-Tournee von Afghanistans einzigem Nationalorchester, zu dessen Mitgliedern unter anderem elf Bewohnerinnen einer Kabuler Schutzunterkunft für Mädchen zählen würden. Die Tournee sei Ende 2011 geplant worden, doch habe das afghanische Ministerium für Arbeit und soziale Angelegenheiten die Schutzunterkunft im September 2013 angewiesen, ihr Musikprogramm einzustellen und es durch Religionsunterricht zu ersetzen. Musik, ausgenommen die Nationalhymne und patriotische Lieder, berge dem zuständigen stellvertretenden Minister zufolge die Gefahr, Menschen zu Immoralität zu verleiten und stehe dem Islam entgegen. Diese Anordnung sei ein Anzeichen dafür, dass es in Afghanistan Rückschritte in Bezug auf Grundrechte gebe. Obwohl die afghanische Regierung offiziell Musikerziehung für Kinder unterstütze, werde Musik von Mullahs der Taliban und manchen Regierungsbeamten als blasphemisch angesehen. Gegenüber musizierenden Mädchen sei die Ablehnung noch größer. Ein Sprecher des afghanischen Präsidenten habe angegeben, dass er von der Anordnung des Ministeriums nichts wisse und dass die Regierung die Förderung von Musik, insbesondere afghanischer Musik, unterstütze. Wie der Artikel anführt, würden allerdings politische Unsicherheit und die Möglichkeit einer Rückkehr der Taliban an die Macht einige Amtsträger dazu veranlassen, eine konservativere Agenda zu fördern. Obwohl die Taliban ihre Verbote von Fotografie, Fernsehen und Bildung für Mädchen in den letzten Jahren gelockert hätten, habe ein Taliban-Sprecher angegeben, dass Musik im Islam streng verboten sei:
„Laila Nabizadeh, a 13-year-old Afghan drummer, will be performing in New York's Carnegie Hall this month, as part of Afghanistan's only national orchestra, which has been touted as a symbol of the country's progress since the Taliban's downfall. But when she returns from her U.S. tour, the new, more conservative winds blowing in Kabul are threatening her budding music career. Ms. Nabizadeh and 10 other members of the youth orchestra are residents of a charity-run girls' shelter in Kabul. She was sent here to get an education by her parents, who live in the remote eastern province of Nuristan, much of which is under Taliban control.
The tour was planned in late 2011, but in September, Afghanistan's Ministry of Labor and Social Affairs ordered the shelter to halt its music program and replace it with religious classes. Music other than the national anthem and patriotic songs risks ‘tempting people toward immorality and is against Islam,’ said Wasil Noor Momand, the deputy minister for social affairs who signed the order. ‘Afghanistan is an Islamic country and we want our children to be raised in an Islamic way.’ […]
As the U.S.-led coalition withdraws in coming years, the move against young musicians is one sign Afghanistan is backsliding on basic rights acquired following the 2001 U.S.-led invasion that ousted the Taliban regime, which considered music un-Islamic and banned it. Although the central government's official position is that it supports music education among children, music is viewed as blasphemous by Taliban mullahs and some Afghan government officials, and girls face an even-stronger backlash. ‘We support the promotion of music, especially of Afghan music,’ said Aimal Faizi, spokesman for Afghan President Hamid Karzai, who he said wasn't aware of the ministry's order. But political uncertainty and the possibility of a Taliban comeback, is emboldening some officials to promote more conservative agendas. […]
Though the Taliban have softened their prohibitions on photography, television and girls' education in recent years, ‘Music is strictly forbidden in Islam,’ said Taliban spokesman Zabihullah Mujahid.” (WSJ, 1. Februar 2013)
Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) berichtet in einem Artikel vom August 2012, dass Aufständische im Distrikt Musa Qala, Provinz Helmand, 17 ZivilistInnen, die an einer Feier, bei der zu Musik getanzt worden sei, teilgenommen hätten, enthauptet hätten. Dem Chef der Distriktregierung zufolge habe es sich bei den Tätern um Taliban-Kämpfer gehandelt, die die Feier abgelehnt hätten:
„Insurgents beheaded 17 civilians in a Taliban-controlled area of southern Afghanistan, apparently because they attended a dance party that flouted the extreme brand of Islam embraced by the militants, officials said Monday. The killings, in a district where U.S. Marines have battled the Taliban for years, were a reminder of how much power the insurgent group still wields in the south – particularly as international forces draw down and hand areas over to Afghan forces. The victims were part of a large group that had gathered late Sunday in Helmand province's Musa Qala district for a celebration involving music and dancing, said district government chief Neyamatullah Khan. He said the Taliban slaughtered them to show their disapproval of the event. All of the bodies were decapitated but it was not clear if they had been shot first, said provincial government spokesman Daoud Ahmadi. Information was only trickling out slowly because the area where the killings occurred is largely Taliban controlled, Khan said. The Taliban spokesman for southern Afghanistan could not be reached for comment.” (AP, 27. August 2012)
Der vom US-amerikanischen Kongress finanzierte Rundfunkveranstalter Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) berichtet ebenfalls über den Vorfall, schreibt allerdings, dass dieser in der Nähe des Dorfes Zamindawar im Distrikt Kajaki, Provinz Helmand, stattgefunden habe. Zu den 17 Enthaupteten würden auch zwei Frauen gehören. Einem Sprecher der Provinzregierung zufolge hätten Aufständische mit der Tat offenbar die DorfbewohnerInnen bestrafen wollen, da diese angeblich einen Aufstand gegen sie geplant hätten. Einige Nachrichtenagenturen hätten allerdings berichtet, dass die Opfer laut Angaben lokaler Behörden für ihre Teilnahme an einer gemischtgeschlechtlichen Feier mit Musik bestraft worden seien:
„Officials in Afghanistan say that 17 civilians, including two women, have been beheaded in the southern Helmand Province’s Kajaki district. […] The civilians, including two women, were apparently beheaded overnight on August 26 near the village of Zamindawar in southern Helmand Province, a Taliban stronghold. Helmand provincial government spokesman Daud Ahmadi told RFE/RL's Radio Free Afghanistan that the insurgents appeared to have been seeking to punish the villagers for allegedly urging local people to stage an uprising against militants. […] Some news agencies quoted local officials as saying the victims were punished for holding a mixed-gender music party.” (RFE/RL, 27. August 2012)
Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt in einem Artikel vom Juni 2012, dass selbst 16 Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft junge afghanische RockmusikerInnen manchmal gezwungen seien, während ihres Auftritts Masken zu tragen, um Angriffen durch religiös-konservative Kräfte zu entgehen. Einem der Mitbegründer der Kabuler Schule für Rockmusik zufolge würden die MusikerInnen Sicherheitsvorkehrungen treffen und manchmal Konzerte absagen. In Kabul werde die Schule vielleicht akzeptiert, aber es sei unrealistisch, in anderen Teilen Afghanistans, die unter dem Einfluss der Taliban stünden, Rockmusik zu machen. So seien etwa Auftritte in Kandahar, dem Entstehungsort der Taliban, unmöglich. Wie der Artikel weiters anführt, habe die Akzeptanz westlicher Musik in Kabul dazu geführt, dass das Festival „Rock in Kabul“ auf sechs Konzerte im Jahr angewachsen sei und ein Publikum von rund 450 ZuschauerInnen anziehe, wovon die Hälfte ausländischer Herkunft sei:
„Kabul's rock music school, housed inside the small ‘Venue’ restaurant in the Afghan capital, also reflects the return, although sometimes tentative, of social and individual freedoms since the end of the Taliban rule in 1996. The Taliban's extreme interpretation of Islam banned cinema, TV and most music, except that rooted in religion, and forbid women and girls from working or studying. Under the Taliban, a rock school would have been destroyed and its musicians killed. Even now, 16 years since Taliban rule ended, Afghanistan's young rock musicians are sometimes forced to wear masks when performing to avoid being attacked by religious conservatives.
[Australian punk rock guitarist and co-founder of Kabul’s rock music school Travis] Beard said it is a common misconception for rock music to be labeled as Satanic or anti-Islam by conservatives. ‘If you come to a show though you'll see it's all just innocent fun, with really loud and sometimes hard-to-listen-to noise,’ he said. Nevertheless, Beard said the musicians take safety precautions and sometimes cancel concerts. Kabul might be accepting of the school but it would be unrealistic to play rock music in other parts of the country under Taliban influence. ‘Kabul's a bubble, we wouldn't be able to go to Kandahar and do this,’ he said of the southern province that is the birthplace of the Taliban. The acceptance of Western music in Kabul has seen the ‘Rock in Kabul’ festival grow to six concerts a year. Organized by Beard, the festival draws in an audience of around 450 people. At first only 10 percent were Afghans, but now the split between foreigners and Afghans is 50/50.” (Reuters, 30. Juni 2012)
In einem Artikel vom Mai 2012 zitiert RFE/RL einen afghanischen Musikwissenschaftler, der angegeben habe, dass der Bürgerkrieg und die repressive Politik während der Taliban-Herrschaft eine anhaltende Wirkung auf die Einstellung der Menschen gegenüber Musik und MusikerInnen gehabt habe. Selbst heute würden sich einige afghanische MusikerInnen darüber beschweren, dass sie geringgeschätzt und sogar schikaniert würden:
„[Afghan musicologist Ahmad] Sarmast says the civil war and the repressive policies against music during the Taliban period had a lasting effect on people's attitudes toward music and musicians – some Afghan musicians, even today, complain they are looked down upon and even harassed.” (RFE/RL, 23. Mai 2012)
Central Asia Online erwähnt in einem Artikel vom Juli 2012 das Afghanistan National Institute of Music (ANIM), das im Jahr 2008 als öffentlich-private Partnerschaft gegründet worden sei. Wie der Artikel anführt, hätten die Taliban nach ihrer Machtergreifung im Jahr 1996 ein Musikverbot erlassen. Wahid Gul Wafa, einem in Kabul lebenden Sänger, zufolge hätten die Taliban Musik als „unislamisch“ verboten und öffentlich Instrumente, Audiokassetten  und andere Musikaufnahmen verbrannt. Viele MusikerInnen hätten das Land während der Taliban-Herrschaft verlassen, einige würden allerdings inzwischen wieder zurückkehren. Wie Wafa mitgeteilt habe, seien viele afghanische MusikerInnen nach dem Sturz der Taliban nach Afghanistan zurückgekehrt und hätten ihre Arbeit ohne Angst wieder aufgenommen:
„Like thousands of Afghan children, Wahidullah, 13, spent much of his childhood running around on the streets of Kabul in all weather, selling plastic bags to help support his family. But his life changed after he was admitted to the Afghanistan National Institute of Music (ANIM), a public-private partnership that gives orphans, street vendors and other disadvantaged children a chance to develop themselves through music and help them recover from the war. […] After decades of civil war and the Taliban’s ban on music, Afghanistan is trying to resuscitate music. ANIM, founded in 2008, is one avenue toward that goal. When the Taliban took control of Afghanistan in 1996, they banned music. ‘Adopting an extreme interpretation of Islam, the Taliban decreed that women could not work or study. They also prohibited music, calling it ‘un-Islamic,’ and (publicly) burned instruments, cassette tapes and other musical recordings,’ said Wahid Gul Wafa, a Kabul-based singer. […] Many musicians fled the country during the Taliban’s crackdown, but now some are returning home. ‘After the fall of the Taliban regime (in 2001), many Afghan musicians returned from lives as refugees in neighbouring Pakistan and other countries and started working again without any fear,’ Wafa said.” (Central Asia Online, 2. Juli 2012)
In einem gemeinsamen, im Mai 2012 veröffentlichten Bericht zu Afghanistan schreiben die International Federation for Human Rights (FIDH), ein in Paris ansässiger Dachverband verschiedener Menschenrechtsorganisationen, und die Armanshahr Foundation-OPEN ASIA, eine in Kabul ansässige unabhängige, gemeinnützige Organisation, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzt, dass in den letzten Jahren eine junge Generation unabhängiger KünstlerInnen, SchriftstellerInnen, DichterInnen, MusikerInnen und FilmemacherInnen sehr aktiv gewesen sei. Landesweit seien zahlreiche Clubs, Gruppen und Unternehmen gegründet worden. Außerdem sei wichtig, zu erwähnen, dass Ende 2001 ein Ministerium für Information und Kultur eingerichtet worden sei, zu dessen Aufgabenbereichen Kunst, Kulturgüter, Archive, Büchereien, Medien, Jugendangelegenheiten und Sport zählen würden:
„A young generation of independent artists, writers, poets, musicians and film makers has been extremely active in the last few years. Numerous clubs, groups and companies have been set up around the country and have been very vibrant. […] In addition to the many above-mentioned dynamics, it is important to stress that in late 2001, a Ministry of Information and Culture was established and given the mandate to manage not only arts, heritage, archives, libraries and media, but also youth affairs and sports, in sharp contrast with the policies adopted by the Taliban, who banned most of the above activities.” (FIDH / Armanshahr Foundation-OPEN ASIA, 18. Mai 2012, S. 23)
Weitere, ältere Informationen zur Behandlung von MusikerInnen durch die Taliban (in englischer Sprache) sind in folgender ACCORD-Anfragebeantwortung vom Juli 2011 enthalten:
Schutzfähigkeit und -willigkeit des afghanischen Staates
In seinen im August 2013 veröffentlichten Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs von Asylsuchenden aus Afghanistan schreibt UNHCR unter Bezugnahme auf verschiedene Quellen (Regierungsquellen, NGOs, internationale Organisationen, akademische Quellen) Folgendes zur Fähigkeit des afghanischen Staates, ZivilistInnen vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen:
„Sogar dort, wo der rechtliche Rahmen den Schutz der Menschenrechte vorsieht, bleibt die Umsetzung der Verpflichtungen Afghanistans nach nationalem und internationalem Recht diese Rechte zu fördern und schützen, in der Praxis oftmals eine Herausforderung. Die Regierungsgewalt Afghanistans wird als besonders schwach wahrgenommen. Beobachter berichten von einem hohen Maß an Korruption, von ineffektiver Regierungsgewalt und einem Klima der Straflosigkeit als Faktoren, die die Rechtsstaatlichkeit schwächen und die Fähigkeit des Staats untergraben, Schutz vor Menschenrechtsverletzungen zu bieten. Berichten zufolge werden Personen selten für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen, und für die Fortschritte der Übergangsjustiz besteht wenig oder keine politische Unterstützung trotz entsprechender, in der Vergangenheit eingegangener Verpflichtungen seitens der Regierung. Wie oben angemerkt, begehen einige staatliche Akteure, die mit dem Schutz der Menschenrechte beauftragt sind, einschließlich der afghanischen nationalen Polizei und der afghanischen lokalen Polizei, Berichten zufolge in einigen Teilen des Landes selbst Menschenrechtsverletzungen, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Zudem ist die Polizei in den meisten Gebieten nicht mit einem funktionierenden Justizsystem verbunden, und in vielen Gebieten existiert keine effektive Regierungsgewalt, die die Polizei unterstützt. Im Juni 2013 warnte der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, dass ‚einige Ernennungen in die Unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission (AIHRC) aus der jüngeren Zeit die Unabhängigkeit und Effektivität der Kommission beeinträchtigen‘.
Berichten zufolge betrifft Korruption viele Teile des Staatsapparats auf nationaler, Provinz- und lokaler Ebene. Es wird berichtet, dass im Jahr 2012 die Hälfte aller afghanischen Bürger, die Kontakt zu Amtsträgern hatte, Schmiergelder zahlen musste, um öffentliche Dienstleistungen zu erhalten. Innerhalb der Polizei sind Berichten zufolge Korruption, Machtmissbrauch und Erpressung endemisch. Das Justizsystem ist nach Berichten auf ähnliche Weise von systematischer Korruption betroffen.
Der fortwährende Konflikt wirkt sich weiterhin negativ auf die Fähigkeit der Regierung aus, die Menschenrechte zu schützen, einschließlich in Gebieten, die sich unter der tatsächlichen Kontrolle von regierungsfeindlichen Kräften befinden. Die Fähigkeit der Regierung, die Menschenrechte zu schützen, wird in vielen Distrikten durch Unsicherheit und zahlreiche Angriffe der regierungsfeindlichen Kräfte untergraben. Ländliche und instabile Gebiete leiden unter einem allgemein schwachen formalen Justizsystem, das unfähig ist, Zivil- und Strafverfahren effektiv und zuverlässig zu entscheiden. Gemeinden unter der tatsächlichen Kontrolle von regierungsfeindlichen Kräften haben oftmals sehr beschränkten Zugang zu staatlichen Justizmechanismen oder -diensten. Von der Regierung ernannte Richter und Staatsanwälte sind Berichten zufolge oftmals aufgrund der Unsicherheit nicht in der Lage, in diesen Gemeinden zu bleiben. Wie oben beschrieben, nutzen regierungsfeindliche Kräfte die mangelnde Rechtsstaatlichkeit aus, um illegale eigene parallele Justizstrukturen zu etablieren. Bestrafungen wie Hinrichtungen und Amputationen, die im Rahmen solche Strukturen verhängt werden, stellen nach afghanischem Recht kriminelle Handlungen dar. Opfer von Menschenrechtsverletzungen, die nach diesen parallelen Justizstrukturen begangen wurden, haben Berichten zufolge keinen Zugang zu staatlichen Rechtsschutzmechanismen. UNAMA stellt fest, dass die Unfähigkeit der Regierung, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die an solchen im Rahmenwerk paralleler Justizstrukturen begangenen Straftaten schuldig sind, möglicherweise selbst auf eine Verletzung von Menschenrechten nach den Prinzipien der Sorgfaltspflicht hinausläuft.“ (UNHCR, 6. August 2013, S. 25-28)
Die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) führt in ihrem Jahresbericht vom Jänner 2014 (Berichtszeitraum 2013) an, dass sich zwei afghanischen Medienorganisationen zufolge im ersten Halbjahr 2013 rund 40 Angriffe (darunter Drohungen, bewaffnete Übergriffe und Entführungen) auf JournalistInnen ereignet hätten. Besonders besorgniserregend sei die steigende Anzahl der Fälle, in denen Regierungsbeamte, darunter auch Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte, an den Angriffen beteiligt gewesen seien. Es habe außerdem Fälle gegeben, in denen angegriffene JournalistInnen, die Hilfe von den Sicherheitskräften gesucht hätten, keine Unterstützung erhalten hätten oder von den Sicherheitskräften misshandelt worden seien:
„Two credible Afghan media organizations, Nai and the Afghanistan Journalists’ Safety Committee, compiled statistics demonstrating a rise in the risks faced by journalists during 2013 as compared to 2012. Both groups documented around 40 attacks on journalists in the first six months of 2013, compared to around 20 attacks in the same period in 2012. The attacks included threats, armed assaults, and kidnappings. Of particular concern was the growing number of cases where the attacks implicated government officials, including members of the Afghan security forces. There were also cases in which journalists who were attacked sought help from the security forces but were denied assistance or subjected to abuse by the security forces.” (HRW, 21. Jänner 2014)
Das Congressional Research Service (CRS), der Recherchedienst des US-amerikanischen Kongresses, schreibt in einem Bericht vom Jänner 2014, dass laut dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium erhebliche Fortschritte hinsichtlich der Professionalisierung der afghanischen Nationalpolizei (ANP) unternommen worden seien. Viele andere Einschätzungen kämen allerdings zu dem Ergebnis, dass die Korruption innerhalb der ANP so verbreitet sei, dass die BürgerInnen der ANP misstrauen und sie fürchten würden. Andere Kritikpunkte seien die hohe Desertionsrate, eine hohe Analphabetenquote, die Verwicklung in lokale Streitigkeiten zwischen verschiedenen Fraktionen oder ethnischen Gruppen (resultierend aus dem Umstand, dass ANP-Angehörige in den Gemeinschaften arbeiten würden, aus denen sie kämen), sowie ein weitverbreiteter Drogenkonsum:
„U.S. and Afghan officials believe that building up a credible and capable national police force is at least as important to combating the insurgency as building the ANA [Afghan National Army]. The DOD [US Department of Defense] reports on Afghanistan contain substantial detail on U.S.-led efforts to continue what it says are ‘significant strides [that] have been made in professionalizing the ANP [Afghan National Police].’ However, many outside assessments of the ANP are disparaging, asserting that there is rampant corruption to the point where citizens mistrust and fear the ANP. Among other criticisms are a desertion rate far higher than that of the ANA; substantial illiteracy; involvement in local factional or ethnic disputes because the ANP works in the communities its personnel come from; and widespread use of drugs.” (CRS, 17. Jänner 2014, S. 32)
Weitere Informationen zur Schutzfähigkeit des afghanischen Staates finden Sie in folgender ACCORD-Anfragebeantwortung vom August 2013:
 
Quellen: (Zugriff auf alle Quellen am 24. Februar 2014)
 
 

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