ACCORD Anfragebeantwortung

26. März 2008

Grundversorgung und wirtschaftliche Lage

a-6020-1 (ACC-TCD-6020)

Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:
 
Auf den landeskundlichen Informationsseiten der Vorbereitungsstätte für Entwicklungszusammenarbeit (V-EZ) findet man folgende Daten zur wirtschaftlichen Lage im Tschad:
„Wirtschaftliche Basisdaten: Der Tschad zählt mit einem Pro-Kopf -Einkommen von nur etwa 200 US $ zu den ärmsten Ländern der Erde und belegt nach dem Human Development Index den Rang 166. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in absoluter Armut wobei ein großer Unterschied zwischen Stadt und Land festzustellen ist. Allerdings haben sich die statistischen Daten durch die seit 2003 stattfindende Erdölförderung bereits erheblich verändert. Die sozio-ökonomische Entwicklung des Landes wurde durch die isolierte Binnenlage, die Gliederung des Landes in "le tchad utile" (Süden) und "le tchad unutile" (Norden) während der französischen Kolonialzeit (Karte), den Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg, viele Dürreperioden, Korruption und die unzureichend ausgebaute Infrastruktur entscheidend beeinträchtigt. Geprägt ist die Wirtschaftsstruktur des Tschad bis heute von einer starken externen Abhängigkeit und begrenztem internen wirtschaftlichem Leistungsvermögen. […]
Seit die Erdölförderung im Doba-Becken begonnen hat, wird die Wirtschaft mit etwa 49,1% am BIP vom Dienstleistungssektor dominiert. Rund 80 % der Arbeitskräfte sind aber nach wie vor in der Landwirtschaft tätig und tragen zu 38 % zum BIP bei. Dabei deckt die überwiegend auf Subsistenz ausgerichtete Landwirtschaft nur in regenreichen Jahren die nationalen Selbstversorgung. Bei der FAO finden Sie eine statistische Datenbank zu Landwirtschaft, Forst- und Fischereiwesen; das Landwirtschaftsministerium informiert mit einer eigenen Website.
Die wichtigsten Exportgüter des Landes - abgesehen von Erdöl - bestehen aus Baumwolle, die 40% des Gesamtexportwerts ausmacht, Vieh, Fleisch und Gummi Arabicum. Hauptabnehmer dafür sind vor allem Portugal, Deutschland und die USA. Einen guten allgemeinen Überblick mit Schaubildern zu wirtschaftlichen Hintergrunddaten finden Sie bei der Weltbank sowie bei der Internetseite der Weltbank im Tschad (eng und fra). Beim Internationalen Währungsfond (pdf 884 KB) können Sie die Daten im Detail abrufen (bis Jahr 2002). Eine Übersicht der Abkommen des Tschad mit Internationalen Geldgebern finden Sie bei izf.net (mit Registrierung).
Seit 1998 kooperiert der Tschad mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds im Rahmen von Armutsbekämpfung und Strukturanpassungsprogrammen. Seit Mai 2001 hat er sich für die Aufnahme in den Kreis der HIPC-Länder (Heavily Indebted Poor Countries) qualifiziert. Dazu wurde 2003 vom Tschad ein Poverty Reduction Strategy Paper (PDF-Datei, 4 MB) entwickelt. Dieses bildet die Grundlage für einen Schuldenerlass von rund 170 Mio US$ bis zum Jahr 2015.
Am 10. Oktober 2003 ist der Tschad offiziell, aber auch unter internationaler Kritik, in den Klub erdölfördernder Länder aufgestiegen. Eine 1070 km lange Pipeline erstreckt sich von den Erdölfeldern des Doba-Beckens im südlichen Tschad bis zum Verladehafen Kribi in Kamerun. Von dort wird das Rohöl dann weiterverschifft. Mit Kosten von etwa 3,7 Milliarden US$ stelt das Projekt zurzeit die größte Investition im subsaharischen Afrika dar. […]
Seit Ende 2005 ist es zu Spannungen zwischen der tschadischen Regierung und der Weltbank gekommen. Die tschadische Regierung hat das Gesetz zur Finanzierung eines Zukunftfonds praktisch annuliert, der eine Vertragsbedingung der Weltbank für die Finanzierung des Projekts war. […]
Die zivilgesellschaftlichen Akteure, also Vereinigungen, Kooperativen, die Presse, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NRO) sind im Tschad im Vergleich zu anderen westafrikanischen Ländern nur wenig entwickelt. Nach den langanhaltenden politischen Unruhen bilden sich seit Mitte der 1990er Jahre langsam zivilgesellschaftliche Strukturen heraus. Inzwischen sind etliche nationale und internationale NROs im Tschad registriert, die aber alle unterschiedlich aktiv sind. Erschwerend auf die Arbeit aller NRO wirkt sich die schlechte Infrastruktur des Landes aus, die sich sowohl in den mangelhaften Verkehrs- und Kommunikationswegen, als auch der hohen Defizite im Gesundheits- und Bildungssektor manifestiert.
Die einheimischen NRO beschränken sich daher zumeist auf die urbanen Zentren, die ländlichen Gebiete bleiben unterversorgt. Da der tschadische Staat seinen zentralen sozialen Aufgaben in vielen Bereichen nicht nachkommt und nur über eingeschränkte Kapazitäten verfügt, sind in den letzten Jahren viele Selbsthilfeinitiativen entstanden. Ihnen mangelt es allerdings an finanziellen und personellen Ressourcen und sie können ohne Unterstützung und Beratung häufig wenig Wirkkraft entfalten. Einen großen Anteil an Unterstützungsarbeit leisten die regionalen kirchlichen Organisationen wie z.B. Belacd und Secadev. Das überregional in Westafrika aktive Bildungsinstitut Inades führt v.a. Fortbildungen im Bereich ländlicher Entwicklung durch.“ (V-EZ, ohne Datum)
Im deutschen Länder-Lexikon findet sich folgender Überblick über die Wirtschaft im Tschad:
„Mit einem geschätzten Pro-Kopf-Einkommen von 240 US-Dollar (Stand 2004) gehört die Republik Tschad zu den ärmsten Ländern der Welt. Lang anhaltende Dürreperioden, bürgerkriegsähnliche Zustände und Korruption und Misswirtschaft ließen die nur mäßig entwickelte Wirtschaft des Landes stagnieren, die ohne internationale Finanzhilfe nicht lebensfähig ist. Im Jahr 2000 genehmigte die Weltbank erneut eine Summe von rund 200 Millionen US-Dollar für den Bau einer Pipeline. Der Erdölexport, der erst 2004 begann und unter der Leitung zweier amerikanischer Unternehmen stattfindet, brachte ein enormes Wirtschaftswachstum von 38 % mit sich.
Neben dem Erdöl sind im Tibesti-Gebirge im Norden des Landes Uran-, Bauxit- und Goldlagerstätten vorhanden, die bis jetzt nicht abgebaut werden. Am Tschadsee wird Natron gewonnen. Die Industrie ist kaum entwickelt und beschränkt sich auf kleine Betriebe, die Nahrungsmittel, Textilien und Tabakwaren herstellen. Insgesamt hat die Industrie aber dank des Erdöls einen Anteil von etwa 35 % am Bruttoinlandsprodukt (BIP).
In der Landwirtschaft sind rund drei Viertel aller Berufstätigen beschäftigt, dieser Bereich trägt 22 % zum BIP bei. Für den Eigenbedarf werden vor allem Hirse, Reis, Maniok, Bohnen, Reis, Kartoffeln und Zuckerrohr angebaut, überwiegend im Süden des Landes im Wanderackerbau oder im Dauerfeldbau. Für den Export ist der Anbau von Baumwolle und Erdnüssen von Bedeutung. Im nördlichen Teil des Landes überwiegt die Viehzucht, wobei Überweidung und das Anlegen immer tiefer reichender Brunnen (Absinken des Grundwasserspiegels) den Prozess der Desertifikation weiter vorantreiben. Der Fischfang im Tschadsee und in den Flussläufen des Landes trägt wesentlich zur Deckung des Eigenbedarfs der Bevölkerung bei. Dennoch müssen Nahrungsmittel zusätzlich importiert werden. Wichtigstes landwirtschaftliches Exportgut des Landes ist Baumwolle, weiter werden Erdnüsse und Vieh ausgeführt.
Aufgrund des Öl-Abkommens mit den US-amerikanischen Firmen werden inzwischen drei Viertel der Exporte in die USA geliefert. Die Importe (Maschinen, Fahrzeuge, Industriegüter, Nahrungsmittel, Brennstoffe) stammen vor allem aus Frankreich und Kamerun.
Die Infrastruktur im Tschad ist schlecht ausgebaut. Nur rund 1 % der insgesamt etwa 33 000 km Straße sind asphaltiert, im Süden des Landes kann ein Großteil der Straßen während der Überschwemmungszeit gar nicht genutzt werden. Ein internationaler Flughafen befindet sich in der Nähe der Hauptstadt N'Djamena.“ (Länder-Lexikon, ohne Datum)
The World Factbook, eine Sammlung von Länderinformationen der CIA, enthält folgende Angaben zur Wirtschaft im Tschad: Projekte von ausländischen Investoren zur Ölförderung würden seit 2000 die vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft antreiben. Über 80% der Bevölkerung würden von Ackerbau und Viehzucht leben. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sei durch hohe Energiekosten und Instabilität beeinträchtigt und hänge von ausländischer Unterstützung ab. Die USA und China würden in die Erdölförderung investieren, den Großteil der übrigen Exporte würden Baumwolle, Vieh und Gummi Arabicum ausmachen. Etwa 80% der Bevölkerung würde unter der Armutsgrenze leben:
“Chad's primarily agricultural economy will continue to be boosted by major foreign direct investment projects in the oil sector that began in 2000. Over 80% of Chad's population relies on subsistence farming and livestock raising for its livelihood. Chad's economy has long been handicapped by its landlocked position, high energy costs, and a history of instability. Chad relies on foreign assistance and foreign capital for most public and private sector investment projects. A consortium led by two US companies has been investing $3.7 billion to develop oil reserves - estimated at 1 billion barrels - in southern Chad. Chinese companies are also expanding exploration efforts and plan to build a refinery. The nation's total oil reserves have been estimated to be 1.5 billion barrels. Oil production came on stream in late 2003. Chad began to export oil in 2004. Cotton, cattle, and gum arabic provide the bulk of Chad's non-oil export earnings. […] Population below poverty line: 80% (2001 est.)” (CIA, last Update 20. März 2008)
Die Website des Deutschen Entwicklungsdienstes (ded) liefert zur Wirtschaftslage im Tschad folgende Informationen:
„Die sozio-ökonomischen Indikatoren verweisen den Tschad auf einen der letzten Plätze des Berichts über die menschliche Entwicklung 2006 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Die öffentliche Haushaltslage ist angespannt.
Die im Jahr 2003 begonnene Erdölproduktion kann die nachfolgenden sozio-ökonomischen Schwierigkeiten bislang nicht ausgleichen:
    * Verminderte Produktivität der Industriesektoren Baumwolle und Zucker
    * Mangelhafte Infrastruktur (schlecht ausgebautes Straßennetz, unzureichende Strom-
      und Trinkwasserversorgung)
    * Niedrige Produktivität in der Land- und Viehwirtschaft.
Der Tschad ist sowohl mit außenpolitischen Problemen (Sudan, Zentralafrikanische Republik) als auch mit nationalen Konfliktherden (Rebellentätigkeit, Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern, Flüchtlinge) konfrontiert.“ (ded, last Update 4. Juli 2007)
Die Website des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) enthält unter anderem folgende Angaben zum Tschad: Nach dem Ausbruch eines bewaffneten Konflikts zwischen Rebellen und Regierung im Februar 2008 in der Hauptstadt N’Djamena seien mindestens 30 000 Tschader nach Kamerun geflüchtet. Mindestens 160 Personen seien getötet worden, die Infrastruktur beträchtlich zerstört. Die meisten Tschader hätten kaum oder gar keinen Zugang zu grundlegender Sozialversorgung.
Im Osten des Landes habe sich das Bandenwesen stark vermehrt, was zu Plünderungen von staatlichen und privaten Betrieben, sowie von humanitären Organisationen führe. Die Flüchtlinge würden mit dem Nötigsten an Nahrung, Wasser und Medizin versorgt:
„Basic Facts
    * Population: 10.1 million.
    * Annual population growth rate: 2.8%
    * Life expectancy at birth (in years): 50.4
    * Under-five mortality rate: 171/1000
    * Population with sustainable access to improved sanitation (2004): 9%
    * Population with sustainable access to improved water source (2004): 42%
Context
    * The spill-over of the conflict in Darfur, the continued insecurity in northern Central African Republic (CAR), the ongoing fight for power between Chadian government and opposition armed groups as well as ethnic clashes in the east, have plunged Chad into an acute crisis.
    * On 2 February 2008, armed conflict between rebels and government troops erupted in N’Djamena, the capital of Chad. At least 30,000 Chadians fled insecurity and sought seek refuge in Cameroon.
    * Reports suggest that there have been at least 160 deaths, and serious damage to infrastructure. For most Chadians, access to basic social services remains poor or non-existent. 
Humanitarian Issues                                                                            
    * The operations in eastern Chad are affected by ongoing insecurity. Potential humanitarian operations in and around N’Djamena are hampered by the evacuation from the city of United Nations personnel as well as many non-governmental organizations (NGOs).
    * There has been a sharp increase in banditry, leading to the looting of public and private premises, and those of several humanitarian organizations.
    * Basic services such as nutrition, water and health are being provided. Pre-positioned stocks of aid supplies are expected to last for two to four weeks in many areas. Additional shipments of food, non-food items and medical supplies have already reached the refugees in Cameroon.
    * The 2008 CAP for Chad asked for $287 million. So far, only 0.1% has been funded.” (OCHA, last Update 8. Februar 2008)
Die Organisation Action Against Hunger (ACF) berichtet im Februar 2008, durch die jüngsten Kämpfe verschlimmere sich die ohnehin schon ernste humanitäre Lage in der Hauptstadt und in den Flüchtlingslagern noch. Auch die etwa 30 000 nach Kamerun flüchtenden Tschader seien auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Viele Lebensmittelgeschäfte und –märkte in der Hauptstadt seien geplündert und abgebrannt worden, die Lebensmittelpreise seien dramatisch gestiegen, und die Stadt sei fast völlig von externer Unterstützung abgeschnitten. Auch der Handel im Rest des Landes sei stark eingeschränkt, da üblicherweise die meisten Waren über die Hauptstadt gehandelt würden. Der “humanitäre Korridor” der UN, über den seit einigen Jahren der Osten des Tschad über Abeche versorgt werde, funktioniere nicht mehr.
“Paris, France — Uncertainty is the only current outcome given the ongoing military confrontation in Chad. The humanitarian situation was dire before fighting erupted last week, but Action Against Hunger / Action Contre la Faim (ACF) is concerned the crisis will deteriorate further in N’Djamena and in the sprawling camps for refugees and internally displaced peoples in the east. Meanwhile, populations fleeing into neighboring Cameroon are also in need, and ACF has sent an emergency team to assess the extent of the humanitarian crisis in northern Cameroon.
Some 30,000 Chadian Refugees Flee to Cameroon: ACF Sends Emergency Team to Investigate
Approximately 30,000 people have sought refuge in Cameroon in and around the border town of Kousseri following the fighting that erupted in the Chadian capital over the weekend. While an eerie calm seems to have returned to N’Djamena, access to food and water could rapidly deteriorate. An ACF team is on the ground to assess the most urgent needs of the refugees.
N’Djamena and the Rest of Chad: Cut-off and Isolated
The situation in the capital of N’Djamena also gives rise to many concerns. Many food warehouses and markets—including the central market—have been plundered or burnt down. Prices of food staples have dramatically increased, and the city is nearly completely cut off from the provision of external supplies, with substantial decreases in trade. Trade elsewhere in the country is also severely limited as most goods and foodstuffs typically pass through the capital.
Humanitarian Assistance Hampered in Eastern Chad: Aid Not Reaching the Camps
The provision of assistance to Eastern Chad has been disrupted—the erstwhile “humanitarian corridor” established by the UN and its partners some years ago now no longer functions. Until only recently, most aid supplies were transported via Abeche as they wound their way to the camps where some 400,000 people receive shelter—some 220,000 refugees from Darfur and another 180,000 internally displaced people. Alarmingly, the most basic of supplies like fuel and food are no longer reaching Abeche. And while these communities can cope in the short term, the flow of international assistance has been seriously hampered, threatening new crises in the weeks to come if the flow is not restored to these dependent camps.
Due to the mounting insecurity, ACF evacuated some non-essential staff from N’Djamena and from Eastern Chad. Six international staff and their Chadian colleagues continue ACF’s programs in Abeche and Dogdore.
Action Against Hunger has provided water and sanitation services, food security programs, and psychological support in the Dogdore camp for displaced peoples (Dar Silla) where 30,000 people have sought shelter.” (ACF, 8. Februar 2008)
Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Diese Antwort stellt keine Meinung zum Inhalt eines bestimmten Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar. Wir empfehlen, die verwendeten Materialien zur Gänze durchzusehen.
Quellen: