ACCORD Anfragebeantwortung

05. September 2008

Situation von Personen, die verdächtigt werden, PKK-Mitgliedern zu helfen; Benachteiligung von Kurden beim Militär (insbesondere mutmaßliche PKK-Sympathisanten); Einsatz von kurdischen Wehrdienern zur Bekämpfung der PKK; Strafrahmen für Wehrdienstverweigerung und Desertion (Recht und Praxis)

a-6269 (ACC-TUR-6269)

Nach einer Recherche in unserer Länderdokumentation und im Internet können wir Ihnen zu oben genannter Fragestellung Materialien zur Verfügung stellen, die unter anderem folgende Informationen enthalten:
Situation von Personen, die verdächtigt werden, PKK-Mitgliedern zu helfen
In einem Bericht vom Oktober 2007 hält die Schweizerische Flüchtlingshilfe/Swiss Refugee Council (SFH) folgendes fest:
„Nicht nur aktive Kämpfer oder Frontaktivisten der Kurdischen Arbeiterpartei PKK sind von Verfolgung bedroht, sondern (z.B. in der DTP) organisierte oder auch nicht organisierte «Patrioten». Dazu zählen auch einfache Dorfbewohner (Bauern), vor allem dann, wenn es in der Nähe der Dörfer zu Gefechten oder Minenexplosionen gekommen ist. Je weiter die Wachen, auf denen Verdächtige verhört werden, von Zentren mit Anwälten und Menschenrechtlern entfernt sind, umso grösser ist die Gefahr der Misshandlung. Immer noch gilt, dass auf den Wachen der Gendarmerie häufig zu brutaleren Methoden gegriffen wird, selbst wenn (oder weil) «geschultes» Personal (z.B. der Intelligenzabteilung JITEM) zugegen ist.“ (SFH, 2. Oktober 2007, S. 14)
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In einer Beschreibung von Misshandlungen durch die Polizei hält Human Rights Watch (HRW) in einem Bericht vom Juli 2007 allgemein fest, dass es gegenüber den 1990er-Jahren zwar weniger Berichte über Folter und Misshandlung von Gefangenen gebe, Misshandlungen während der Festnahme und außerhalb von Haftanstalten jedoch nach wie vor weit verbreitet seien. Im Juni 2007 sei zudem ein Gesetz erlassen worden, das es der Polizei ermögliche, Verdächtige anzuhalten und zu durchsuchen. Mechanismen zur Überprüfung der Praxis oder zum Schutz vor Missbrauch gebe es keine:
„Reports of torture and ill-treatment remain much lower than in the 1990s, when torture was pandemic in police stations throughout Turkey, and especially in Turkey’s anti-terror units. As a result of legislative and other reforms that, among other things, shortened detention periods, abolished incommunicado detention, and allow all detainees, including those detained under the Anti-Terror Law, to consult with their lawyer from the first moments of detention, there has been a decrease in reports of torture and other ill-treatment. In fact, the greatest reduction has occurred in the anti-terror departments of police precincts. Ill-treatment of detainees at the time of arrest and outside official places of detention remains a worrying and widely reported practice, however, especially for those apprehended on suspicion of committing ordinary crimes such as theft. On June 2, 2007, a new law amending the Law on the Powers and Duties of the Police (Law no. 5681) was rushed through parliament. Among other provisions, the law greatly increases the authority of the police to stop and search individuals whom they suspect of committing crimes. While it is too early to evaluate the effect of the new law, these wide-ranging new stop and search powers raise concern because there is no mechanism for monitoring their application or preventing their abuse.“ (HRW, Juli 2007, S. 20)
Benachteiligung von Kurden beim Militär (insb. mutmaßliche PKK-Sympathisanten)
Laut dem Quaker Council For European Affairs (QCEA) vom April 2005 gebe es regelmäßig Berichte, denen zufolge kurdische Wehrdienstleistende diskriminierend behandelt worden seien, besonders wenn sie separatistischer Tendenzen verdächtigt würden:
„There have been regular reports of Kurdish conscripts in particular being subjected to discriminatory treatment, especially when they are suspected of having separatist sympathies.“ (QCEA, April 2005, S. 3f)
Darüber hinaus konnten in den ACCORD derzeit zur Verfügung stehenden Quellen im Rahmen der zeitlich begrenzten Recherche keine Informationen zur Benachteiligung von Kurden beim türkischen Militär gefunden werden.
Einsatz von kurdischen Wehrdienern zur Bekämpfung der PKK
[Textpassage entfernt]
Das UK Home Office berichtet im März 2007 unter Berufung auf einen Bericht der Stiftung für türkische Wirtschafts- und Sozialwissenschaft (TESEV), dass das Gendarmerie-Oberkommando (Jandarma Genel Komutanl; JGK) offiziell 280.000 Personen umfasse (die inoffiziellen Zahlen, würden vermutlich eher bei 300.000 liegen), von denen 80 Prozent Grundwehrdienstleistende seien. 5.000 Gendarmeriebeschäftigte seien mit Sondereinsätzen wie dem Schutz von Fernsehsendeanlagen betraut, weitere 11.773 (von denen rund 10.000 Grundwehrdienstleistende seien) seien mit Sicherheitsaufgaben entlang der irakischen, sowie an Teilen der iranischen und syrischen Grenze beschäftigt:
„As recorded in the Turkish Economic and Social Studies Foundation (TESEV) report ‘Almanac Turkey - Security Sector and Democratic Oversight 2005’: “The basic law concerning the General Command of Gendarmerie (Jandarma Genel Komutanl) (JGK) is the Law on the Establishment, Duties and Jurisdiction of Gendarmerie No. 2803, put into effect by the Turkish Grand National Assembly (Türkiye Büyük Millet Meclisi, TBMM) on 3 October 1983… (p99-100) The official headcount of JGK, established in 1839 as a military organisation, stands at 280,000, 80% of which are enlisted under compulsory military service, whereas the unofficial number is probably closer to 300,000… At any one time, there are 5,000 gendarmerie conducting special missions in Turkey, such as protecting television transmitters belonging to Turkish Radio and Television Corporation… 11,773 gendarmerie, around 10,000 of which are enlisted as part of the compulsory military service, are responsible for providing security, on the 397 kilometers-long Iraqi border as well as for parts of the Iranian and Syrian borders.”“ (UK Home Office, 12. März 2007,
S. 28)
Aus einem älteren Bericht des Quaker Council For European Affairs (QCEA) vom April 2005 geht hervor, dass alle Grundwehrdienstleistenden potenziell in der Südosttürkei eingesetzt werden könnten, da die Stationierung von Grundwehrdienstleistenden mittels eines computergesteuerten Zufallsverfahrens bestimmt würde. Aus diesem Grund gebe es eine beträchtliche Gruppe kurdischer Wehrdienstleistender, die den Wehrdienst verweigern würden, da sie nicht gegen ihr eigenes Volk kämpfen wollten:
„For years, the Turkish armed forces have been involved in heavy fighting with the PKK in South Eastern Turkey. In 1999 a ceasefire was agreed between the Turkish government and the PKK, but the situation has remained tense ever since. All conscripts may be sent to serve in South Eastern Turkey as postings of conscripts are usually decided at random by computer. There is a sizeable group of conscripts of Kurdish origin who refuse to perform military service because they do not want to fight against their own people.“ (QCEA, April 2005, S. 4)
In einer Aussendung der pro-kurdischen Organisation Kurdish National Congress (KNK) vom Oktober 2007 heißt es darüber hinaus, der türkische Generalstab, zugehörige politische Parteien und nationalistische Medien würden kurdische Grundwehrdienstleistende zu Einsätzen gegen kurdische Landsleute  zwingen:
„Turkish general staff, the associated political parties and nationalist media have been forcing Kurdish conscripts into operations against their fellow Kurds and now they want to make the Turkish public participate to achieve their dirty ambitions.“ (KNK, 27. Oktober 2007)
Strafrahmen für Wehrdienstverweigerung und Desertion (Recht und Praxis)
[Textpassage entfernt]
Laut einem Bericht von Amnesty International (AI) vom Jänner 2008 würde die Türkei das Recht auf Wehrdienstverweigerung nicht anerkennen, eine zivile Alternative zum Wehrdienst gebe es nicht. Wehrdienstverweigerer würden weiterhin wiederholt strafverfolgt und häufig jedes Mal inhaftiert, wenn sie sich weigern würden, ihren Wehrdienst abzuleisten, und würden bei ihrer Haftentlassung wiederum Einberufungsbefehle ausgehändigt bekommen:
„Turkey does not recognize the right to conscientious objection and that no civilian alternative is available to compulsory military service. Conscientious objectors continue to be repeatedly prosecuted and often imprisoned each time they refuse to perform military service and then served with call-up papers on their release. The April 2006 judgment of the European Court of Human Rights in the Ülke case, that found this practice of repeated prosecutions and convictions to be a violation of the Article 3 prohibition of degrading treatment, has not been implemented. Osman Murat Ülke has again been summoned to present himself to serve the remainder of a sentence for a previous conviction related to his refusal, on the grounds of conscience, to perform military service.“ (AI, 14. Jänner 2008, S. 11)
Laut dem bereits zitierten Bericht des Quaker Council For European Affairs (QCEA) zu Wehrdienstverweigerung in Europa seien Wehrdienstverweigerung und Desertion unter dem Gesetz zum Militärdienst (Law on Military Service) und dem türkischen Militärstrafgesetz (Turkish Military Penal Code) strafbar. Das türkische Gesetz unterscheide zwischen Verweigerung der Registrierung zum Militär, Verweigerung der medizinischen Musterung, Verweigerung des Dienstantritts und Desertion. Nach § 63 des Strafgesetzes sei Wehrdienstverweigerung (in Friedenszeiten) mit folgenden Strafrahmen belegt: Ein Monat Haft bei Selbstanzeige innerhalb von sieben Tagen; drei Monate bei Verhaftung innerhalb von sieben Tagen; zwischen drei Monaten und einem Jahr bei Selbstanzeige innerhalb von drei Monaten; zwischen vier Monaten und 18 Monaten bei Verhaftung innerhalb von drei Monaten; zwischen vier Monaten und zwei Jahren bei Selbstanzeige nach mehr als drei Monaten; zwischen sechs Monaten und drei Jahren bei Verhaftung nach mehr als drei Monaten; bis zu zehn Jahre Haft bei erschwerenden Umständen, wie Selbstverletzungen oder Verwendung gefälschter Dokumente (§§ 79-81 des Strafgesetzbuches). Desertion würde nach §§ 66-68 des Strafgesetzbuches mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Ins Ausland geflohene Deserteure könnten mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden, im Falle erschwerender Umstände mit bis zu zehn Jahren (§ 67).
Wehrdienstverweigerung und Desertion würden streng überwacht, die Stelle zur Registrierung von Wehrdienern sei eine der effektivsten Registrierungsstellen der Regierung. Wehrdienstverweigerer und Deserteure könnten nach Routinechecks, wie etwa Verkehrskontrollen, verhaftet werden. Es sei ihnen nicht möglich, die Türkei zu verlassen, da ihre Militärregistrierungsnummer in die Personaldokumente eingetragen sei. Zusätzlich seien Polizei und Jandarma für das Auffinden von Wehrdienstverweigerern und Deserteuren verantwortlich und könnten Hausdurchsuchungen durchführen und sie verhaften.
Schätzungen zufolge würden jährlich rund 60.000 Fälle von Militärgerichten in Zusammenhang mit Wehrdienstverweigerung behandelt, rund die Hälfte davon beziehe sich auf Rekruten, die weniger als eine Woche lang verlustig gemeldet gewesen seien. Gefängnisstrafen für Verweigerung der Registrierung/Musterung oder für Desertion von weniger als einem Jahr würden üblicherweise in Geldstrafen umgewandelt, die nach Ende des Militärdienstes bezahlt werden müssten. Bedingte Strafen dürften für Verweigerung der Registrierung/Musterung oder für Desertion nicht verhängt werden. Jene, die wegen Wehrdienstverweigerung verurteilt worden seien, müssten ihren Wehrdienst dennoch absolvieren, weshalb Wiederholungstäter abernmals verurteilt werden könnten. Gefängnisstrafen für Wiederholungstäter dürften nicht in Geldstrafen umgewandelt werden. Bei Verurteilungen zu weniger als sechs Monaten Haft würden die Strafen üblicherweise in Militärgefängnissen absolviert, bei längeren Verurteilungen in regulären Gefängnissen. Nach dem Gefängnisaufenthalt müsse die verbleibende Wehrdienstzeit abgeleistet werden.
Zusätzlich zu den oben genannten Strafen, könne türkischen Staatsbürgern auch die Staatsbürgerschaft entzogen werden, wenn sie im Ausland leben und nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums zum Wehrdienst zurückkehren würden (§ 25(c) des türkischen Gesetzes zur Staatsangehörigkeit Nr. 403). Jene, die ihre Staatsbürgerschaft auf diese Weise verloren hätten, könnten wieder um Staatsbürgerschaft ansuchen, würden sie aberr nur erhalten, wenn sie ihren Wehrdienst ableisten würden:
 „Turkey does not recognize the right to conscientious objection and that no civilian alternative is available to compulsory military service. Conscientious objectors continue to be repeatedly prosecuted and often imprisoned each time they refuse to perform military service and then served with call-up papers on their release. The April 2006 judgment of the European Court of Human Rights in the Ülke case, that found this practice of repeated prosecutions and convictions to be a violation of the Article 3 prohibition of degrading treatment, has not been implemented. Osman Murat Ülke has again been summoned to present himself to serve the remainder of a sentence for a previous conviction related to his refusal, on the grounds of conscience, to perform military service.“ (AI, 14. Jänner 2008, S. 11)
„Draft evasion
[…] Draft evasion and desertion are punishable under the Law on Military Service and the Turkish Military Penal Code. Turkish law actually makes a distinction between evasion of military registration, evasion of medical examination, evasion of enlistment and desertion.
According to Article 63 of the Penal Code, draft evasion is punishable (in peacetime) by imprisonment of:
- One month for those who report themselves within seven days;
- Three months for those who are arrested within seven days;
- Between three months and one year for those who report themselves within three months;
- Between four months and 18 months for those who are arrested within three months;
- Between four months and two years for those who report themselves after three months;
- Between six months and three years for those who are arrested after three months;
- Up to ten years' imprisonment in the case of aggravating circumstances, such as self-inflicted injuries, using false documents (Articles 79-81 of the Penal Code).
Desertion is punishable under Articles 66-68 of the Penal Code with up to three years' imprisonment. Deserters who have fled abroad may be sentenced to up to five years' imprisonment, and up to ten years in case of aggravating circumstances (Article 67).
Monitoring of draft evasion and desertion is strict. The registration of conscripts is, in fact, one of the most effective government registrations in Turkey. Draft evaders and deserters may be arrested after routine checks such as traffic control. They are not able to leave Turkey, as the military registration number is included on identity documents. In addition, police and gendarma authorities are responsible for finding draft evaders and deserters and may conduct house searches and arrest them. There are no detailed figures available on the scale of prosecution of draft evaders and deserters, but military courts are believed to deal with approx. 60,000 cases per year that are connected to draft evasion. About half of these cases reportedly deal with cases of conscripts going absent for less than a week, mostly conscripts who do not report themselves back in time after a period of leave. Prison sentences of less than one year's imprisonment for evasion of registration/examination for enlistment or for desertion are generally commuted into fines, which must be paid after the end of military service. Sentences for draft evasion for periods longer than three months, when the draft evader has not reported himself voluntarily, may not be commuted into a fine. Suspended sentences may not be imposed for evasion of registration/examination or enlistment or for desertion. Those who are convicted for draft evasion must still complete their term of military service. Repeated offenders may thus be sentenced again. Prison sentences for repeated offenders may not be commuted into fines. Those convicted to less than six months' imprisonment usually serve their prison sentence in military prisons; those convicted to over six months' imprisonment are imprisoned in regular prisons. After serving their prison sentence, they still need to perform the remaining term of their military service.
In addition to the sentences outlined above, Turkish citizens can also have their citizenship withdrawn if they live abroad and do not return to perform military service within a certain time limit (Article 25(c) of the Turkish Nationality Law No. 403). The names of individuals who have forfeited their citizenship are published in the official Government Gazette. Over the years, thousands of Turks have, in fact, forfeited their citizenship. Those who have lost their citizenship in this way may apply to get their citizenship restored, but their applications may only be accepted if they complete their military service..“ (QCEA, April 2005, S. 3ff)
Diese Informationen beruhen auf einer zeitlich begrenzten Recherche in öffentlich zugänglichen Dokumenten, die ACCORD derzeit zur Verfügung stehen. Diese Antwort stellt keine Meinung zum Inhalt eines bestimmten Ansuchens um Asyl oder anderen internationalen Schutz dar. Wir empfehlen, die verwendeten Materialien zur Gänze durchzusehen.
Quellen: